Ostprodukte : DDR-Nostalgie in Dosen

dpa_1488e400c805abd8
1 von 2

Wo beginnt Geschichtsklitterung? Etliche Ostdeutsche reden sich die untergegangene DDR immer schöner, sagt der Wissenschaftler Klaus Schroeder.

svz.de von
19. März 2014, 07:45 Uhr

Auf der Dose mit der Tomatensoße à la DDR-Schulküche prangt ein lachendes Zopfmädchen mit Pionierhalstuch. Im Angebot ist auch Feldsuppe der Nationalen Volksarmee (NVA). Das Duschbad mit der Karikatur des einstigen SED-Chefs Erich Honecker kostet 3,99 Euro im Online-Versand. Zu haben sind auch Schießabzeichen der DDR-Kampftruppen.

Fast 25 Jahre nach dem Mauerfall sind „Ostprodukte“ sowie der Verkauf von DDR-Resten per Internet wieder in den Fokus gerückt. Auch Restaurants mit Soljanka und Würzfleisch, DDR-Medaillen bei Internet-Händlern, Übernachtungen im Plattenbau oder Ost-Partys haben weiter ihre Anhänger. Ist das nun alles skurril, abscheulich oder eine harmlose Nische?

Professor Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin holt grundsätzlich aus: „Viele Ostler werden immer trotziger. Je weiter die DDR zurückliegt, um so mehr wird sie verklärt. Das wird auch an Kinder und Enkel weitergegeben.“ Besonders in Thüringen und Brandenburg beobachte er das. Kritiker würden mit Häme überzogen, der heutige Staat heruntergemacht. „Wir müssen uns dagegen stemmen“, fügt er hinzu. „Doch den Westler interessiert nicht, was im Osten war.“

Von wegen Originalzutaten bei den Ostprodukten, wettert Schroeder. Die würde niemand mehr wollen. „Und von der Mangelwirtschaft erzählt keiner.“ Das empörte Fazit des Politikwissenschaftlers: „Die DDR hatte noch nie so viele Anhänger wie heute.“ In Leserbriefen an Regionalzeitungen und Stellungnahmen werde das deutlich.

Die Gründe: Verlierer der Einheit fühlten sich in die Ecke gedrängt, suchten nach Legitimation und identifizierten sich so stärker mit der DDR, so Schroeder. „Der Diktaturcharakter wird ausgeblendet.“ Mehr Aufklärung an Schulen und Unis werde gebraucht.

In Zahlen und Prozenten lasse sich das Ausmaß der Ostalgiewelle nicht festmachen, sagt der Professor. In Umfragen, ob die DDR mehr gute als schlechte Seiten habe, bejahten jedoch mehr als 50 Prozent der Ostdeutschen positive Aspekte – wie den Mythos vom Sozialstaat.

Opfer könnten nicht darüber hinwegsehen, sagt Schroeder, der an der Uni den Forschungsverbund SED-Staat leitet. Viele Verfolgte schmerze sehr, wie achtlos mit der SED-Diktatur umgegangen werde, sagt auch Hubertus Knabe, Direktor der Berliner Stasiopfer-Gedenkstätte. Gerade in ländlichen Regionen würden Ältere von ihrem DDR-Leben schwärmen. SED-Symbole sollten in der Öffentlichkeit per Gesetz verboten werden, fordert Knabe.

Vor kurzem wurde bekannt, dass in Thüringen eine Geschichtslehrerin an einem Suhler Gymnasium im FDJ-Hemd (FDJ: DDR-Organisation Freie Deutsche Jugend) vor ihren Schülern auf einem Tisch liegend posierte. Der Lehrerin sei erst im Nachhinein klar geworden, dass solche Bilder den Eindruck erwecken könnten, der DDR-Schulalltag solle verherrlicht werden, hieß es dann nach einer Welle der Empörung.

Die einstige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld sagte der „Bild“-Zeitung: „Mit Symbolen von Diktaturen macht man keine Werbung.“ Das Blatt hatte zu den Nostalgie-Dosen getitelt: „Wie geschmacklos ist diese Suppe?“

In Kelles Klädener Suppenmanufaktur in Sachsen-Anhalt sieht Inhaberin Antje Mandelkow keine Probleme. Allein durch die NVA-Feldsuppe seien fünf neue Arbeitsplätze entstanden. Wegen der hohen Nachfrage gebe es derzeit Lieferschwierigkeiten. „Es geht nicht um die NVA, es geht nur um die Suppe. Diese Erbsensuppe ist das Beste, was uns in der DDR passieren konnte.“ Von dem Schlechten distanziere man sich. An den von der NVA bewachten DDR-Grenzen verloren Flüchtlinge ihr Leben.

In der Leha GmbH in Laucha (Sachsen-Anhalt) sagt Prokurist Christian Labode (33) zu den Dosen mit den Pionier-Bildern: „Wir wollten an den Geschmack der Kindheit im Osten anknüpfen. Wir wollen keine politische Botschaft senden und auch keine Opfer beleidigen.“ Es gebe noch eine neutrale Dosen-Version. „Die mit dem Pionierbild läuft aber deutlich besser.“

Man müsse das nicht so verkrampft und ideologisch sehen, meint der Chef des privaten Berliner DDR-Museums, Robert Rückel. „DDR-Symbole aus der Gesellschaft zu verbannen, halte ich für falsch.“ Sie stünden nicht nur für den SED-Staat, sondern auch für einen Teil des Lebens vieler Ostdeutscher und gehörten zur Erinnerung. „Wir sollten das gelassener betrachten.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen