DDR-Ministerpräsident der Einheit

Ein ungleiches Paar – schon  körperlich war Lothar de Maizière nie auf Augenhöhe mit   Helmut Kohl. Foto: Martin Athenstädt
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Ein ungleiches Paar – schon körperlich war Lothar de Maizière nie auf Augenhöhe mit Helmut Kohl. Foto: Martin Athenstädt

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02. Oktober 2013, 10:17 Uhr

Auf den Fotos zur Deutschen Einheit wirkt er immer etwas mickrig neben dem massigen Helmut Kohl. Schon rein körperlich war Lothar de Maizière nie auf Augenhöhe mit dem Kanzler der Bundesrepublik. Auch redet man heute voller Ehrfurcht von Kohl als dem Kanzler der Einheit. Nur wenige würden auf die Idee kommen, den ersten und letzten frei gewählten Staatschef der DDR als Ministerpräsidenten der Einheit zu würdigen. Das scheint den 73-Jährigen noch heute zu wurmen.

Der in Berlin als Rechtsanwalt tätige Lothar de Maizière ist nach Schwerin gekommen, um über die Wende zu reden und auch über seinen Platz in der deutschen Geschichte. Eingeladen hat die Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern e. V., die den 20. Jahrestag ihrer Gründung feiert. Der Redner sieht kräftiger aus als früher, das Haar ist schneeweiß.

De Maizière berichtet vom Zentralen Runden Tisch in der DDR, der nicht wie sein polnisches Vorbild wirklich rund, sondern rechteckig war und am 7. Dezember 1989 zum ersten Mal allen politischen Strömungen der DDR ein Forum bot. Zwar nicht aus freien Wahlen hervorgegangen, war der Runde Tisch dennoch das erste demokratische Gremium der DDR. „Die Gespräche waren erstmals ergebnisoffen und nicht von einer Parteidoktrin abhängig“, erklärt de Maizière.

Fast am Runden Tisch sei am ersten Tag durcheinander gegangen. Er, Vertreter der CDU, Rechtsanwalt und Vizepräsident des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, habe schließlich die Tagesordnung entworfen. Später hätten seine drei Töchter gelästert: „Alle machen Revolution – nur Papa macht eine Geschäftsordnung.“

Der Runde Tisch existierte bis zur ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990. Der Wahlkampf danach war kurz. Helmut Kohl akzeptierte nach Gesprächen mit de Maizière die ehemalige Blockpartei CDU als politische Partnerin und schmiedete mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA), deren Pressesprecherin die heutige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war, die Allianz für Deutschland. Die Allianz trat für eine schnelle Vereinigung sowie für die Wiederherstellung der alten Länder ein und gewann damit die Wahl mit mehr als 48 Prozent der Stimmen.

„Wir hatten einen Auftrag vom Wähler – macht euch so schnell wie möglich überflüssig“, sagt de Maizière heute. Er wurde Regierungschef einer großen Koalition mit SPD, DSU und DA und wollte auf keinen Fall wiedergewählt werden, so habe man „frei von der Leber weg“ regieren können.

Die Regierung de Maizière vermittelten damals schon den Eindruck, dass alle wichtigen Entscheidungen in Sachen Einheit, nicht in Ostberlin, sondern in Bonn getroffen wurden. Dem Eindruck versucht de Maizière in Schwerin entgegenzutreten. Es habe spezielle ostdeutsche Interessen gegeben, die die DDR-Regierung auf dem Weg zur Einheit durchsetzen wollte. Dies habe oft zu Reibereien geführt. Darum könne von einer Marionettenregierung keine Rede sein. Hilfe für die Ostdeutschen habe es dabei auch von der in Leipzig aufgewachsenen Kanzlergattin gegeben.

„Hannelore Kohl hat mich damals gefragt, ob mir aufgefallen wäre, dass ihr Mann, der Bundeskanzler, manchmal unnachgiebig und eigensinnig wäre“, erzählt der Berliner. Das sei ihm nicht verborgen geblieben, habe er der Kanzlergattin geantwortet. Die habe dem DDR-Ministerpräsidenten daraufhin angeboten, ihren Mann gelegentlich im Sinne des Ostens zu beeinflussen. Als die Währungsunion ausgehandelt wurde, habe er von dem Angebot Gebrauch gemacht. Er habe Frau Kohl gebeten, sich dafür einzusetzen, dass Rentner 6000 DDR-Mark statt 4000 DDR-Mark 1:1 in Westgeld umtauschen dürfen. Offenbar glückte die Mission. Ein paar Tage später verkaufte Kohl diese Idee als die Seine. „Ich habe ihm dafür gratuliert“, erzählt de Maizière. Eine aufschlussreiche Geschichte, die nicht nur die Rollenverteilung damals erklärt, sondern auch den heutigen Blick auf beide Personen.

Mangelnde Politikfähigkeit zeigte sich deutlich in der Regierungskrise im August 1990. De Maizières Finanzminister Walter Romberg (SPD) wollte, dass nach der Einheit alle auf dem Gebiet der DDR erzielten Steuereinnahmen im Osten bleiben. Dafür wollte er auf Transferleistungen aus dem Länderfinanzausgleich verzichten. De Maizière und seine Berater rechneten nicht mit einem nennenswerten ostdeutschen Steueraufkommen. „Hundert Prozent von nichts, ist nichts“, soll der Regierungschef dem gebürtigen Schweriner, Romberg, geantwortet haben, der seine Entlassungsurkunde entgegennahm. Die SPD trat aus der Regierung aus.

Die Deutsche Einheit am 3. Oktober war das endgültige Ende der letzten DDR-Regierung. De Maizière wurde Minister für besondere Aufgaben in der von Kohl geführten Bundesregierung ernannt. Noch im Dezember 1990 schied der Rechtsanwalt wegen Stasi-Vorwürfen aus der Bundespolitik aus.

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