Denkmalschutz zu teuer : DDR-Erbe ruiniert Mestlin

Die Vereinsvorsitzende von „Denkmal Kultur Mestlin e.V.“, Claudia Stauß, und Bürgermeister Uwe Schultze vor dem Kulturhaus in der Ortsmitte.  Fotos: Jens Büttner
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Die Vereinsvorsitzende von „Denkmal Kultur Mestlin e.V.“, Claudia Stauß, und Bürgermeister Uwe Schultze vor dem Kulturhaus in der Ortsmitte. Fotos: Jens Büttner

Pro Jahr hat das 770-Seelen-Dorf ein sechsstelliges Minus im Haushalt, um seine Denkmäler zu erhalten

svz.de von
21. März 2016, 06:30 Uhr

Weit und leer liegt der granitgepflasterte Marx-Engels-Platz mitten im mecklenburgischen 770-Seelen-Dorf Mestlin. Beherrscht wird er von einem massigen Kulturhaus aus den 1950er Jahren mit mächtigem Ziegeldach und repräsentativem Dreiecksgiebel über dem Eingangsportal. Mehr als 400 Menschen finden in seinem Großen Saal Platz.

Eine Schule sowie Wohn- und Geschäftshäuser aus derselben Zeit, für ländliche Verhältnisse und die Nachkriegsjahre großzügig gestaltet, säumen die anderen Seiten des Platzes. Die DDR-Führung hat in Mestlin, 40 Kilometer östlich von Schwerin, nicht gekleckert, sondern das erste und einzige DDR-Musterdorf hingeklotzt, um die Überlegenheit des Sozialismus auf dem Land zu demonstrieren.

Es ist ein schwieriges Erbe, das Bürgermeister Uwe Schultze (Unabhängige Wählergemeinschaft) verwaltet. Die „Stalinallee der Dörfer“, zu der auch ein Kindergarten und ein ehemaliges Landambulatorium gehören, hat aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte der DDR den Rang eines Denkmals von nationaler Bedeutung.

Alles wirkt und ist viel zu groß, der Sanierungsbedarf ist augenfällig. Für die Schule gibt es zu wenige Kinder, die Bestandsgarantie läuft noch bis 2019. Das Landambulatorium steht leer und rottet vor sich hin. Die Wohn- und Geschäftshäuser sind nur teilweise vermietet und machen einen tristen Eindruck.

Immerhin: Das Kulturhaus ist an den Verein „Denkmal Kultur Mestlin“ verpachtet, der mit Spenden und Fördergeldern in kleinen Schritten an Erhalt und Restaurierung arbeitet. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern kommen im Sommer für ein Klassikkonzert in den Großen Saal, dem seit einem Wasserschaden in den 1990er Jahren der Parkettboden fehlt und dessen Decke und Wände ein Diskothekenbetreiber kurz nach der Wende schwarz streichen ließ.

Jetzt endlich kann der Bürgermeister einen Erfolg vermelden. „Die Gemeindevertretung hat am Mittwoch beschlossen, das ehemalige Landambulatorium an einen privaten Investor zu veräußern“, berichtet er stolz. Der Investor wolle dort betreute Wohnungen für Senioren einbauen. Endlich werde der Verfall des Gebäudes in unmittelbarer Nachbarschaft des Kulturhauses gestoppt. Negative Auswirkungen der Modernisierung für das Gesamtensemble befürchtet er nicht. Das Haus stehe schließlich unter Denkmalschutz und da gebe es Auflagen, sagt Schultze.

Die Vorsitzende des Vereins „Denkmal Kultur Mestlin“, Claudia Stauß, hingegen ist alles andere als glücklich über die Entscheidung. Sie verfolgt das Ziel, das einzigartige Ensemble in einer Trägerschaft zu halten und sie dann dem Land oder dem Bund zu übertragen. Nur diese könnten eine grundlegende Sanierung der gesamten Anlage stemmen, ist sie überzeugt. „Die Gemeinde ist mit dem Denkmalkomplex heillos überfordert“, konstatiert Stauß. Jedes Jahr habe Mestlin ein sechsstelliges Minus im Haushalt.

Stauß sagt, dass Mestlin zu DDR-Zeit die Kosten nie habe selbst bezahlen müssen. „Damals kam das Geld vom Bezirk Schwerin.“

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