KZ Überlebt : Dass ich überlebt habe...

Janusz Kahl (Mitte mit Häftlingsmütze) bei der Gedenkveranstaltung am 1. Mai 2015 in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin
Janusz Kahl (Mitte mit Häftlingsmütze) bei der Gedenkveranstaltung am 1. Mai 2015 in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin

Janusz Kahl wurde nach einer Odyssee durch vier Lager im März 1945 im KZ Wöbbelin bei Ludwigslust von den Alliierten befreit

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27. Januar 2016, 12:00 Uhr

„Dass ich überlebt habe, verdanke ich vielen Zufällen und glücklichen Umständen“, sagt Janusz Kahl. Geboren 1927 in Warschau, verlebte er eine glückliche Kindheit. Sein Vater Wilhelm war Richter am Obersten Verwaltungsgericht in Polen, seine Mutter Zofia Malerin. „Als am 1. September 1939 das neue Schuljahr beginnen sollte, kamen Hitlers Bomber und das Leben veränderte sich drastisch“, erinnert sich der hochgewachsene, schlanke Mann mit dem weißen Haar. Der offizielle Schulbesuch endete nach der 6. Klasse. Janusz Kahl lernte im Untergrund weiter und legte dort kurz vor Ausbruch des Warschauer Aufstands sein Abitur ab. Am 10. August 1944, während des Aufstands, wurde der damals 17-Jährige zusammen mit den Eltern verhaftet und in das Sammellager Pruszkow deportiert. Dort überlebte die Familie mit Hilfe seiner 13 Jahre älteren Schwester Irena. Sie leistete Zwangsarbeit in einem Lager der Reichsbahn und konnte ihre Angehörigen mit etwas Brot versorgen. Ein Glücksumstand.

Kurze Zeit später, nach dem Transport in das KZ Sachsenhausen, sollte er seine Eltern für eine lange Zeit aus den Augen verlieren. Die SS überstellte Janusz Kahl, degradiert zur Nummer 89588, mit 500 weiteren Häftlingen in das neu eingerichtete Außenlager des KZ Neuengamme in Alt Garge. Die Mutter kam nach Ravensbrück. Der Vater blieb in Sachsenhausen.

In Alt Garge leistete der junge Mann Schwerstarbeit bei der Errichtung eines Kohlekraftwerkes. Schlechte Ernährung und mangelnde Hygiene verursachten im Lager Krankheiten und eine hohe Todesrate. „Ich habe nie den Gedenken zugelassen, dass ich das Lager nicht überleben werde. Wer keine Hoffnung aufbauen konnte, starb sehr schnell an Unterernährung und Misshandlungen“, ist Janusz Kahl überzeugt.

Im Februar 1945 wurde das Lager aufgelöst. Der Pole kam in das KZ Neuengamme und einen Monat später mit einem der ersten Transporte nach Wöbbelin.

„Ich habe mich als Elektriker gemeldet“, erzählt er auf Deutsch mit polnischem Akzent. „Ich dachte, das wäre eine etwas leichtere Arbeit. Aber das stimmte auch nicht, weil die Elektriker die großen Strommasten tragen mussten.“ Später beim Verlegen der Leitungen in den Baracken sei es leichter gewesen, sagt der heute 88-Jährige. „Ich hatte einen guten Meister. Ein junger Mann. Er hat mir geholfen.“

„Am 1. Mai wurden wir von der Arbeit geholt und wieder in Waggons getrieben. Doch war die Lok kaputt und wir kamen ins Lager zurück“, erinnert sich Janusz Kahl. Dort saß er mit einem älteren Deutschen am Feuer, als die Amerikaner kamen. „Das war eine große Freude. Wir weinten zusammen.“

Noch am selben Tag wurden die Männer von den Alliierten nach Stern Buchholz gebracht. Man befürchtete den Ausbruch von Seuchen durch die vielen Leichen im Lager. Janusz Kahl wog noch 43 Kilogramm, vor der KZ-Haft waren es 77 Kilogramm. Bei der Abfahrt der Überlebenden in ein Camp nahe Hamburg Ende Mai 1945 lernte er Theresa kennen. 1946 heirateten beide. Theresa, die Warschauerin, war mit dem Todesmarsch aus Sachsenhausen nach Schwerin gekommen. Am 1. Mai 1946 gingen sie gemeinsam in ihre Heimat zurück. Die Eltern und die Schwester hatten die NS-Zeit ebenfalls überlebt und fanden in Warschau wieder zusammen. Janusz Kahl studierte an der staatlichen Musikhochschule Lodz Klavier. Doch immer wieder holte ihn die Vergangenheit ein. Seine Hände versagten beim Klavierspielen. Ab 1952 begann er eine Komponistenausbildung in Warschau. Von 1954 bis 1994 war er Korrepetitor am Warschauer Operettentheater und komponierte.

Seit 1992 ist Janusz Kahl Vizepräsident des Überlebendenverbandes Amicale Internationale KZ Neuengamme. Er ist Ehrenmitglied des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin und besucht mehrmals jährlich die Gedenkstätte.

Als Zeitzeuge steht er dann Schülern der umliegenden Schulen Rede und Antwort. „Vor ihnen zu sprechen, ist heute keine Belastung mehr für mich. Ich fühle das Bedürfnis, jungen Menschen von meinen Erfahrungen zu berichten. Die Jugend ist die Zukunft.“

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