Das Wunder von Cleveland

Glückliches Ende: Amanda Berry (M.) wieder vereint mit ihrer Schwester (l.) Foto: afp
Glückliches Ende: Amanda Berry (M.) wieder vereint mit ihrer Schwester (l.) Foto: afp

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07. Mai 2013, 08:08 Uhr

Cleveland | "Helft mir! Ich bin Amanda Berry. Ich war entführt worden und werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin hier, und ich bin jetzt frei." Dieser dramatische, von Panik geprägte Notruf ging am Montagabend bei der Polizei in der Stadt Cleveland ein - nur Sekunden, nachdem ein aufmerksamer Nachbar der heute 26-jährigen Amanda Berry geholfen hatte, aus dem Haus zu entkommen, in dem sie und zwei weitere Mädchen mehr als ein Jahrzehnt gefangen gehalten wurden. "Ich hörte Schreie und sehe, wie dieses Mädchen verzweifelt versucht, aus dem Haus zu entkommen", berichtete Nachbar Charles Ramsey. Er und ein weiterer Anwohner brachen daraufhin die Tür auf und gaben ihr ein Telefon für den Notruf.

Als die Beamten eintreffen, finden sie in dem Haus zwei weitere junge Frauen vor: Die 23-jährige Gina DeJesus, die 2004 auf dem Heimweg von der Schule verschwunden war, und Michelle Knight (32), die 2002 entführt worden war. Amanda Berry war das letzte Mal im April 2003 gesehen worden, als sie einen Tag vor ihrem 17. Geburtstag ihren Arbeitsplatz in einem Fast Food-Restaurant verließ.

Als "Wunder von Cleveland" feiern nun amerikanische Medien die Entdeckung der jungen Frauen, die nach Polizeiangaben von dem 52 Jahre alten Hausbesitzer und ehemaligen Schulbus-Fahrer Ariel Castro und zwei weiteren Verdächtigen - seinen beiden Brüdern - jahrelang festgehalten wurden. Das Haus befindet sich in der Nähe jener Stellen, wo die drei Mädchen zuletzt gesehen worden waren. Möglicherweise wurden sie von den Brüdern sexuell missbraucht: Wie Ramsey berichtete, hielten sich bei der Entdeckung der Entführten auch zwei kleine Mädchen, darunter eine Sechsjährige, in dem Haus auf.

Die Polizei hatte immer wieder ganz in der Nähe nach der Leiche von Amanda Berry gesucht - aber war offenbar, wie berichtet wird, niemals konsequent Hinweisen nachgegangen, in dem Haus von Castro gebe es illegale Aktivitäten. Einmal, im Januar 2004, seien Beamte gekommen, hätten an die Tür geklopft und seien wieder gegangen, nachdem niemand geöffnet hatte, so Nachbarn. Auch bei einem zweiten Polizeieinsatz hätten Beamte das Haus nicht betreten, obwohl es Hinweise gab, dass sich unbekannte Personen an der Adresse aufhielten.

Erste Untersuchungen ergaben, dass sich die drei Frauen in "durchschnittlichem" Gesundheitszustand befinden. "Das ist nicht das Ende, das wir normalerweise in diesen Fällen haben", so ein Polizeisprecher.

Die Familien der Entführten feierten gestern die Rückkehr der so lange Vermissten. Amanda Berrys Mutter war allerdings 2006 gestorben, nachdem die jahrelang vergebliche Suche zu Folgen für ihre Gesundheit geführt hatte. Die Mutter von Gina DeJesus hatte stets angenommen, ihre Tochter sei das Opfer eines Menschenhändler-Rings geworden. Aber dennoch habe sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nie aufgegeben, so Familienangehörige. Die Familie von Michelle Knight war hingegen davon ausgegangen, dass die damals 21-Jährige ausgerissen war.

Möglicherweise kannten die Mädchen ihre Entführer vor ihrem Verschwinden. Unklar ist bisher, ob die drei mutmaßlichen Kidnapper auch für die Entführung eines vierten Mädchens verantwortlich sind. Ashley Summers war in derselben Nachbarschaft im Juli 2007 im Alter von 14 Jahren spurlos verschwunden.

Hintergrund
Wenn Entführte wieder auftauchen

2000: Nach mehr als neun Jahren kommt eine junge Japanerin frei. Ein psychisch gestörter Mann hatte sie als Neunjährige gekidnappt und im Haus seiner Eltern die meiste Zeit ans Bett gefesselt.

2006: Die 18 Jahre alte Natascha Kampusch aus Wien taucht acht Jahre nach ihrem Verschwinden auf. Das Mädchen war mit zehn Jahren auf dem Schulweg entführt und in einem Verlies gefangen gehalten worden. Nach ihrer Flucht nahm sich der Kidnapper das Leben.

2008: In Österreich wird der Inzestfall von Amstetten bekannt.
Josef Fritzl hat seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies unter sein Wohnhaus gesperrt. Er missbraucht seine Tochter.

2009: Nach 18 Jahren taucht eine 29 Jahre alte US-Amerikanerin in Kalifornien auf. Sie wurde 1991 im Alter von elf Jahren auf dem Weg zu einer Schulbushaltestelle entführt. Ein Ehepaar hielt Jaycee Lee Dugard gefangen und missbrauchte sie.

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