Hochs und Tiefs : Das Wetter folgt eigenen Gesetzen

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Sonne am Strand, Unwetter im Land: Rudolf Kemnitz von der Wetterwarte Warnemünde erklärt, warum Unwetter stark örtlich begrenzt sein können

svz.de von
31. Juli 2014, 11:42 Uhr

Dunkle Wolken überziehen Warnemünde. Ein dumpfes Grollen erfüllt die Luft. Es riecht nach Regen. Der aufbrausende Wind kündigt ein sich näherndes Gewitter an, das die Innenstadt von Rostock bereits fest im Griff hat. Zur selben Zeit an der Küste: Die Urlauber genießen das heitere Wetter. Der Himmel über dem Meer strahlt im schönsten Blau. Die Hansestadt scheint zweigeteilt – Sonne am Strand, Unwetter im Land. Auch in anderen Regionen des Landes zeigen sich solche Wetterphänomene: Während gestern Plau am See die volle Wucht des Unwetters zu spüren bekommt, bleibt nur wenige Kilometer entfernt Lübz verschont. Wie ist das möglich? Beeinflussen lokale Begebenheiten das Wetter?

Rudolf Kemnitz weiß die Antwort. Der Ingenieur für Meteorologie leitet eine Wetterwarte in Warnemünde und kennt sich aus mit den Witterungsverhältnissen im Ostseebad aber auch im restlichen Mecklenburg-Vorpommern. „Gewitter sind örtlich stark begrenzte Wetterereignisse. Die kann man nicht punktgenau vorhersagen – auch mit der modernsten Technik nicht“, gibt der 55-Jährige zu verstehen. Wo sich Wolken und Gewitter bilden, sei von verschiedenen Faktoren abhängig. Eine wichtige Rolle spiele die Thermik. Damit werden Aufwinde bezeichnet, die entstehen, wenn die Sonne die Erdoberfläche und infolge auch die Luft am Boden erwärmt und diese dann in größere Höhen steigt. Meteorologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von Konvektion. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto stärker erwärmen sich auch die Luftmassen und desto höher können sie aufsteigen. „Bis zu zehn Kilometer hoch“, so Kemnitz.

Darüber hinaus kommt es darauf an, wie viel Feuchtigkeit die Luft mit sich trägt. Denn auf den Weg nach oben kühlt sich die warme Luft wieder ab und das gespeicherte Wasser kann kondensieren. Wolken entstehen. Die für Gewitter typischen Cumuluswolken, auch Ambosswolken genannt, sind somit ein sichtbares Anzeichen für eine starke Thermik. Ist die Luft besonders feucht, verdichtet sich das kondensierte Wasser zu Tropfen. Die können dann so schwer werden, dass die Thermik nicht mehr ausreicht, um sie in den Wolken zu halten. Es regnet, auch konvektiver Niederschlag genannt.

Und weil die Thermik nicht überall gleich ist, komme es zu regionalen Unterschieden. „Über Sand erwärmt sich die Luft stärker als über Humusboden. Da ist die Thermik dann auch besonders stark. Über Wasser findet dagegen kaum Konvektion statt“, erklärt Kemnitz. Das sei auch der Grund, warum in Warnemünde beispielsweise der Himmel über der Ostsee häufig wolkenlos ist, sich im Landesinneren aber gleichzeitig Wolken zu großen Bergen auftürmen können.

Dort, wo sich die Wolken bilden, muss aber nicht automatisch der Regen fallen. „Das hängt auch von Windströmungen ab“, so Kemnitz. So kann Seewind verhindern, dass ein Gewitter vom Land über das Meer zieht.

Auch Flüsse und Seen können Wolken ablenken, ebenso wie das von Gebirgen bekannt ist. „Das hat wieder etwas mit der Thermik zu tun“, sagt Kemnitz. „Sind Flüsse breit und Binnenseen groß genug, kann das dazu führen, dass der Niederschlag genau dort niederkommt oder hängen bleibt.“ Wenn beispielsweise Wolken in Richtung großer Gewässer getrieben werden, kann die fehlende Thermik darüber quasi wie ein Stopper wirken. „Kleine Bäche haben aber keine Wirkung“, wendet Kemnitz ein.

Das bedeutet aber nicht, dass bestimmte Regionen immer von Gewittern verschont bleiben. Unwetterfronten beispielsweise überziehen weiträumig das Land und lassen sich dabei nicht von Seen oder Flüssen aufhalten. „Fronten sind großräumige Druckgebilde. Das sind ganz andere Dimensionen. Einen konvektiven Niederschlag gibt es da nicht“, erklärt Kemnitz.

Bevorzugte Bahnen von Unwetterfronten in Mecklenburg-Vorpommern gebe es nicht, stellt der Deutsche Wetterdienst (DWD) klar. „Es gibt keine bestimmten Zugrichtungen, die immer wiederkehren“, sagt Thomas Endrulat, Meteorologe beim DWD in Potsdam. Der Norden Deutschlands sei dafür zu flach und zu weit weg von Gebirgen. Im Süden, beispielsweise in Bayern, gebe es so genannte Gewitterstraßen, die in wiederkehrender Richtung durch die bergige Landschaft ziehen.

In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg hingegen können sich Unwetter auf großer Fläche verteilen. „Durchschnittlich hat eine Unwetterfront einen Durchmesser von rund zehn Kilometern“, sagt der Meteorologe. Mal sei der Osten, mal der Süden von den Sturmböen und Regengüssen stärker betroffen. Endrulat vergleicht die Verteilung lokalen Auswirkungen der Unwetter in MV mit Schrotschießen. Während es eine Region einmal besonders stark abbekommt, wird eine andere Region verschont. Beim nächsten Mal sei das wieder andersherum.

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