Musik aus Kreisau : „Das war schon ein sehr sportliches Ziel!“

Geigerin Viviane Hagner
1 von 2
Geigerin Viviane Hagner

Matthias von Hülsen, Ex-Intendant der Festspiele MV, hat mit der Geigerin Viviane Hagner ein neues Festival gegründet – heute gastiert es in Rühn

svz.de von
31. August 2016, 05:00 Uhr

Hasenwinkel im Sommer 2013. Matthias von Hülsen und Viviane Hagner sitzen zusammen und skizzieren auf einer Serviette eine kühne Idee. Die Geigerin hat im Jahr zuvor auf dem 70. Geburtstag des scheidenden Festspiel-Intendanten dessen einstigen Familiensitz in Kreisau (Polen) kennengelernt und war auf Anhieb hingerissen von dem ebenso idyllischen wie geschichtsträchtigen Gut: „Der ideale Ort für ein internationales Kammermusikfestival!“

Nun spinnen die beiden den Gedanken weiter: Wie wäre es, eben hier im polnischen Niederschlesien ein Festival nach dem Vorbild Marlboros im US-Bundesstaat Vermont zu initiieren, wo in den 40er-Jahren die beiden deutschen Exilanten Adolf Busch und Rudolf Serkin jene heute weltberühmte Begegnungsstätte schufen, wo allsommerlich Nachwuchstalente und gestandene Profis Kammermusikwerke erarbeiten? Am Ende des Abends ist die Serviette bis in den letzten Zipfel mit Stichworten gefüllt und der Entschluss steht fest: „Lass es uns versuchen!“

Die 38-jährige Geigerin sitzt im Speisesaal des zum Hotel umgebauten ehemaligen Gutshof-Speichers und schmunzelt bei der Erinnerung: „Das war schon ein sehr sportliches Ziel!“ Doch ihre eigenen Marlboro-Erfahrungen und Musiker-Kontakte sowie von Hülsens familiäre Wurzeln, vor allem aber sein europaweites Netzwerk in Musik und Politik haben die Hasenwinkler Pläne binnen zwei Jahren Realität werden lassen – „Musik aus Kreisau. Für Europa“. Und das an einem Ort mitten im Nirgendwo, denn außer der internationalen Jugendbegegnungsstätte auf dem einstigen Gut und dem umliegenden 230-Seelen-Dorf Krzyzowa fällt der Blick nur auf weite Felder, das Eulengebirge im Süden und Vorgebirgslandschaften im Norden. „Doch wir konnten es hier wagen“, sagt der Kulturmanager, „weil es hier eine Geschichte zu erzählen gibt, die klar macht, dass es mehr als nur ein Festival ist.“

Eine Geschichte, die in Teilen auch seine eigene ist: Kam er selbst doch noch als kleines Kind auf das Gut – und damit an jenen Ort, wo sein Onkel Helmuth James von Moltke und dessen Frau Freya in den Jahren 1942/43 den „Kreisauer Kreis“ initiierten und sich mit 20 Gleichgesinnten trafen, um den Widerstand gegen Hitler zu organisieren. „Der ‚Kreisauer Kreis‘ war in erster Linie ein geistiger Widerstand“, erklärt Gedenkstätten-Leiter Dominik Kretschmann bei seiner Führung durch das Berghaus oberhalb des Gutshofes, in das die Familie Moltke 1928 umgezogen war. „Man stellte sich die Frage: Was kommt nach der Nazi-Diktatur?“

Auch wenn an diesem Vormittag kaum einer der 50 Musiker aus 20 Nationen seiner Tour durch die Geschichte folgt, sondern fast alle sich in den sieben verschiedenen Proberäumen des Gutes Kammermusiken von Beethoven bis Zarebski widmen, so ist es doch eben diese Brücke zur Geschichte, die das zweiwöchige Krzyzowa-Music und die anschließende einwöchige Konzerttour herausheben aus der Festival-Landschaft. Sei es in Führungen, dem begleitenden Symposium „Musiker im Exil“ oder auch dem Besuch der beiden Dauerausstellungen „Widerstand gegen die Diktaturen“ und „Mut und Versöhnung“ auf dem Gutsgelände.

„Das kenne ich von keinem anderen Festival, dass einem die historischen Hintergründe aufgezeigt werden und man nicht an der Geschichte vorbei lebt“, zeigt sich Cellistin Nadja Reich beeindruckt. Die 22-jährige Berlinerin hatte sich auf den Tipp einer Musiker-Freundin für eines der 37 Nachwuchs-Stipendien dieses Sommers beworben und ist hellauf begeistert.

Konzert:
31. August, Rühn,
Klosterkirche, 19.30 Uhr,
Karten (25 - 40 Euro):
0385/5918585
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen