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Kultur in MV : Das Volkstheater ist zu Wasser gelassen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Spielauftakt mit „1. Stapellauf“ in Rostock erfüllt alle Erwartungen - drei Premieren an einem Abend.

svz.de von
erstellt am 22.Sep.2014 | 07:45 Uhr

Das Schiff „Volkstheater Rostock“ ist zu Wasser gelassen und nimmt Kurs in die offene See. Neubeginn in der 120. Spielzeit des Theaters unter dem neuen Intendanten Sewan Latchinian. Wie das Schiff aussieht, welche Ausmaße es hat, das wird man erst im Laufe der Spielzeit und in den folgenden Jahren überblicken können. Aber der „1. Stapellauf“ am Samstag ließ die Wellen hochschlagen, dass es nach allen Seiten nur so spritzte!

Drei Premieren an einem Abend, alle drei inszeniert von Sewan Latchinian unter Beteiligung aller Sparten. Sie hielten das Publikum vom sonnigen Nachmittag bis in den anbrechenden Sonntagmorgen im ausverkauften Großen Haus unter Spannung, die sich am Schluss in tosendem Jubel unter stehenden Ovationen löste. Welch eine Energie in diesem Aufführungsmarathon alle Beteiligten elektrisierte, kann nur ermessen, wer dabei war. Wer nicht, hat etwas Großes verpasst.

Es begann mit einer ungewöhnlichen Opernpremiere: „Untergang der Titanic“ des Berliner Komponisten Wilhelm Dieter Siebert, ein Auftragswerk der Berliner Festspiele, uraufgeführt 1979. Auf dem Besetzungszettel neben Opernensemble, Opernchor, Norddeutscher Philharmonie, Tanzcompagnie auch das Publikum als Passagiere der Titanic zwischen First Class und Auswanderern.

Draußen auf dem Theatervorplatz unter der Spätsommersonne und den Augen vieler Neugieriger in den Fenstern der umliegenden Häuser spielte die Schiffskapelle unter Leitung von Manfred Hermann Lehner zur Schiffstaufe auf. Dann gingen alle an Bord, hinein ins Große Haus.

Auf der Bühne das düstere Ambiente eines zerstörten, verrosteten Decks. Alle Darsteller agierten als kostümierte Totengerippe, als seien die längst ertrunkenen Passagiere am Grunde des Meeres aufgestanden, um die Katastrophe auf dem gesunkenen Schiff noch einmal durchzuspielen. Theresa Grabner flötete als steinreiche Lady Astor helle Koloraturen, Christiane Blumeier-Braun wimmelte als uralte Mrs. Strauss den aufdringlichen Journalisten ab, die Jazzsängerin Jacqueline Boulanger sang als dunkelhäutige Kinderfrau ein Baby in den Schlaf. Dann der Eisberg.

Wasser im Maschinenraum, auf Deck eine Revue mit dem Violinvirtuosen Silvio Krause, der Seilartistin Susanne Schindler und dem Entertainer Sascha Gluth. Er schickte das Publikum zur Evakuierung über die Bühne durchs Theatergebäude wieder nach draußen … zum Untergang in den eisigen Fluten.

Dann Uwe Johnsons Roman „Ingrid Babendererde“ in einer Bühnenfassung von Holger Teschke als Uraufführung. Das Stück erzählt, wie sich Schüler vor der Reifeprüfung in der DDR 1953 mit der Parteidoktrin der SED auseinandersetzen. Latchinian macht mit einfachsten Mitteln die Schauplätze Klassenraum, Seeufer, Boot bildhaft. In klarem, schnörkellosem Stil entwickelt er die Konflikte und erreicht damit eine eindringliche, berührende Aufführung.

Kay Pollaks Film „Wie im Himmel“, ebenfalls in einer Schauspielfassung, brachte zum fulminanten Abschluss noch einmal Schauspieler, Philharmonie, Opernchor und Singakademie gemeinsam auf die Bühne. Eindrucksvoll musikalisch spielte Ulrich K. Müller den Dirigenten Daniel Daréus, der die Leitung des Kirchenchores übernimmt und damit alle im Dorf verändert.

Da bekommt der neue Volkstheater-Gedanke, das Aufeinanderhören und Zusammenwachsen zu einem gemeinsamen Organismus, ein mitreißendes Symbol. Und der neue Intendant entrollte die leuchtende Losung „Es lebe das Volkstheater“ unter dem Jubel aller quer über die Bühne.



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