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Interview Roland Jahn : „Das Volk hat rebelliert“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Roland Jahn über den Jahrestag des Volksaufstandes

Mit Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, sprach Andreas Herholz.
 

Heute jährt sich der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Welche Bedeutung hat dieses historische Ereignis für uns heute?

Jahn: Der 17. Juni ist einer der wichtigsten Gedenktage in Deutschland. Er zeigt, dass Freiheit und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit sind. Daran gilt es, auch heute noch immer wieder neu zu erinnern. Die friedliche Revolution 1989 baute gewissermaßen auf dem Volksaufstand von 1953 auf. Viele Ziele des 17. Juni 53 sind dann 1989 umgesetzt worden. Die friedliche Revolution 89 steht in der Tradition des 17. Juni 1953.

Allerdings können heute immer weniger noch etwas mit dem Tag verbinden. Wie kann man das Gedenken bewahren und begehen?

Der 17. Juni könnte wieder Nationalfeiertag werden. Natürlich kann man Gedenken und Erinnerung nicht verordnen. Aber der 17. Juni ist der wirkliche Feiertag. Er ist als Gedenktag wichtiger als der 3. Oktober. Der 3. Oktober steht für das Inkrafttreten eines Vertrages zur Deutschen Einheit. Der 17. Juni steht für die Menschen. An diesem Tag sind die Menschen auf die Straße gegangen, das Volk hat rebelliert und für seine Freiheit gekämpft.

Aber erst die friedliche Revolution hat im Herbst 1989 zum Fall der Mauer geführt.

Der 3. Oktober steht für die Regierung, der 17. Juni steht für das Volk. Das ist ein echter Feiertag, den wir so begehen sollten. Er darf nicht in Vergessenheit geraten. Viele Zeitzeugen in der DDR, die das miterleben mussten, haben den 17. Juni leider zum Tabuthema erklärt, weil die brutale Niederschlagung dieses Aufstandes sehr einschüchternd gewirkt hat. Auch in einer freien Gesellschaft ist es wichtig, dass man lernt, Freiheit zu schätzen und zu schützen. Wir müssen alles dafür tun, dass der 17. Juni und die mutigen Menschen von damals nicht in Vergessenheit geraten. Dieser Tag macht Hoffnung, dass Unrecht und Unfreiheit überwunden werden können, auch wenn es manchmal sehr sehr lange dauert.

Der Ruf nach einem Schlussstrich und einem Ende der Aufarbeitung der Akten wird immer lauter. Gehören die Stasiunterlagen ins Archiv?

Aufklärung kennt kein Ende. Die Akten bleiben offen und werden genutzt, um zu erklären, wie Diktatur und Unterdrückung funktionieren.

Dass die Akten der DDR-Staatssicherheit geöffnet worden sind und große Teile zur Verfügung stehen, das ist ein großer Glücksfall, etwas Einmaliges. Sie gehören der Öffentlichkeit und dürfen nicht geschlossen werden.

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