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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 10:10 Uhr

Tierdiebstahl : Das verschwundene Reitpony

vom

Sie wurden ohne das Wissen ihrer Besitzer verkauft. Mit gestohlenen Pferden können Betrüger gute Geschäfte machen. Doch eine junge Frau will die Hoffnung nicht aufgeben und sucht ihren Wallach bereits seit zwei Jahren.

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erstellt am 10.Dez.2012 | 06:57 Uhr

Arendsee/Schwerin | An braunen Ponymischlingen kommt Kristin Franzl nicht vorbei. Erblickt sie ein Kleinpferd in diesem Farbton muss sie sich es aus der Nähe anschauen. Sie sucht nach markanten Zeichen wie den zwei weißen Fesseln an den Hinterbeinen. Die 19-jährige Pferdeliebhaberin aus der Altmark hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ihren verschwundenen Wallach Flaneur wiederzufinden. "Ich denke jeden Tag an ihn", sagt die junge Frau.

Sie macht sich Vorwürfe. Kristin Franzl kann sich nicht verzeihen, ihr geliebtes Pferd in die Obhut eines Bekannten gegeben zu haben, der es anschließend ohne ihr Wissen weiterverkaufte. "Oft habe ich ein schlechtes Gewissen", erzählt sie. Seit mittlerweile zwei Jahren sucht Kristin nach ihrem Reitpony mit dem breiten Kopf und dem kräftigen Körper. Die letzte Spur stammt von Ende 2010 - demnach ist der 1,48 Meter große Wallach nach Mecklenburg-Vorpommern weiterverkauft worden.

Tierkommunikatoren sollen Seele aufspüren

Die Fach-Abiturientin lässt seitdem nichts unversucht, ihr Pferd wiederzufinden: Visitenkarten hat sie drucken lassen und auf Pferdemessen verteilt. Im Internet gibt sie in Pferdeforen Suchinserate auf. Tierärzte, Hufschmiede und Pferdehändler hat sie angeschrieben und angerufen. Auf dem Videoportal YouTube läuft ein kleiner Film über Flaneur. Der Wallach hat außerdem eine eigene Seite auf Facebook.

Ihre Hoffnung setzte die 19-Jährige auch in die Künste von Tierkommunikatoren, die angeblich die Seelen von Tieren aufspüren können. 500 Euro bezahlte Kristin Franzl für diese Dienste. "Das hat sich aber als Hokus-Pokus herausgestellt", sagt sie. Auch die tägliche Re-cherche im Internet brachte bislang keine konkreten Hinweise zum Aufenthaltsort von Flaneur. Abschalten kann die Schülerin nicht: "Es ist schrecklich, nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist und ob er vielleicht gequält wird. Ich fühle mich für ihn verantwortlich."

Bekannter nahm ihn in Pflege und verkaufte ihn

Neun Jahre alt ist Kristin, als sie das braune Reitpony geschenkt bekommt. "Wir sind zusammen groß geworden. Er war für mich so etwas wie ein Familienersatz", erzählt die 19-Jährige. Auf Flaneurs kräftigem Rücken lernt sie reiten. Sie bildet das Pferd selbst aus. "Er war mein Traum", sagt die Pferdeliebhaberin. Zerstört wird er, als sie mit 17 Jahren eine Ausbildung beginnt und sich nicht mehr so intensiv um ihren vierhufigen Schützling kümmern kann. Sie gibt das Pony in die Obhut eines Bekannten. "Das ist ein riesengroßer Fehler gewesen", sagt Kristin Franzl heute.

Geahnt habe sie damals nichts. Ganz im Gegenteil. Flaneurs neues Zuhause gefiel seiner Besitzerin auf Anhieb. Eine große Koppel mit mehreren Artgenossen stand für den Wallach be-reit. Kristin Franzl wurde zum Grillen eingeladen. Flaneurs Pflegevater machte einen "netten Eindruck". Die böse Überraschung erlebte die junge Frau wenige Wochen später, als sie ihren treuen Gefährten besuchen wollte: Flaneur stand nicht mehr auf der Koppel. Er habe ihn zur Ausbildung geschickt, erzählte ihr der Bekannte. Eine Lüge. Er hatte das Pferd stattdessen verkauft. Für Kristin Franzl ein Schock. "Ich wollte ihn doch niemals weggeben", betont die 19-Jährige.

Die Abzocke mit Pferden ist ein gutes Geschäft

Flaneurs Schicksal ist kein Einzelfall. In zahlreichen Foren und Portalen im Internet wie "vermisste Pferde", "pferdgesucht" oder "pony-freunde" schildern geprellte Pferdefreunde ähnliche Erfahrungen. Sie suchen ihren Apollo, Bonny oder Charly. Offenbar haben Betrüger eine raffinierte Masche entwickelt, um Pferdebesitzern ihre geliebten Tiere abzuluchsen.

Auch beim Pferdezuchtverband Mecklenburg-Vorpommern hört man von solchen Vorfällen "immer mal wieder", bestätigt Mitarbeiterin Heike Fischer. Pferdebesitzer geben ihre Tiere guten Gewissens als Beistellpferd ab oder bringen sie auf einen Gnadenhof, "und dann sind sie irgendwann weg", schildert Heike Fischer. In anderen Fällen stehen die Besitzer plötzlich vor verschlossenen Hoftoren, weil sich die Betrüger mit ihrer Beute aus dem Staub gemacht haben. Bei den Tätern handele es sich aber um Privatpersonen und nicht um registrierte Pferdezüchter, betont die Mitarbeiterin des Pferdezuchtverbandes.

Auch dem Rechtsanwalt und vereidigtem Pferde-Sachverständigen Wulf von Wedel sind diese Betrügereien bekannt. "Pferdediebstahl hat eine jahrhundertelange Tradition", sagt der Rechtsanwalt. Mit gestohlenen Tieren lasse sich "leichtes Geld" verdienen. Privatleute, die ein preisgünstiges Freizeitpferd suchen und keine Fragen über dessen Herkunft stellen, blättern auch schon mal 2000 Euro für einen neuen Reitgenossen hin. Nicht auszuschließen ist auch, dass einige Tiere in Ost- oder Südeuropa auf dem Teller oder in einer hiesigen Pferdeschlachterei landen. Das bringt immerhin auch einige hundert Euro ein.

Um potentielle Opfer zu ködern, platzieren die Betrüger ihre vermeintlich gut gemeinten Angebote in den Anzeigenteilen von Fachzeitschriften oder in Pferde-Foren im Internet. "Oft wird dabei die emotionale Bindung der Pferdebesitzer zu ihren Tieren ausgenutzt", erklärt der Rechtsanwalt. Auch Besitzer, die sich mit Klauseln und Verträgen absichern wollen, sind vor bösen Überraschungen nicht gefeit. "Vor kriminellen Machenschaften schützen diese nämlich nicht", gibt von Wedel zu bedenken.

Ihre Tiere sehen die Besitzer selten wieder

Ist das Pferd erst einmal weg, wird es für die Betroffenen schwierig, die Spur des Tieres zu verfolgen. "In der Szene findet ein reger Umschlag statt", weiß der Rechtsanwalt.

Auch der Gang vors Gericht bringt den geprellten Pferdebesitzern nicht immer den gewünschten Erfolg, selbst wenn das Urteil zu ihren Gunsten ausfällt. Im Falle einer Verurteilung muss der Täter lediglich Wertersatz leisten. "Der ideelle Wert des Tieres interessiert den Richter aber nicht", erklärt von Wedel. Der Geschädigte muss selbst schauen, wo sein Pferd abgeblieben ist. Die Wiederbeschaffung "erledigt keiner für ihn", erklärt Rechtsanwalt von Wedel. Haben die Betrüger die Tiere unter der Hand ohne Pass weiterverkauft, lassen sich die Besitzerwechsel kaum noch nachvollziehen. "Schweigen die Beteiligten, ist es praktisch aussichtslos", so Wedel. Die Polizei könnte dann nur "gegen Unbekannt ermitteln". Die Erfolgschancen sind in solchen Fällen eher gering.

Diese leidvolle Erfahrung machte auch Kristin Franzl. Ein Gericht verurteilte den Bekannten, Schadenersatz zu zahlen. Geld sah die betrogene Pferdebesitzerin aber nicht. "Er war ja plei-te", erinnert sie sich. Sie hätte auch viel lieber ihren Flaneur zurückgehabt - doch der war inzwischen weiterverkauft worden.

Die Spur des Wallachs ist seitdem abgerissen. Kristin Franzl hat mittlerweile ein neues Pferd geschenkt bekommen. Das ungeklärte Schicksal von Flaneur lässt sie aber nicht los. "Er ist ein wichtiger Teil meiner Jugend gewesen, erklärt sie. Sie wolle wissen, was mit ihm passiert sei. "Dann kann ich damit abschließen.", Dass das mittlerweile 13 Jahre alte Pferd vielleicht in der Wurst gelandet sein könnte, glaubt sie nicht. Sie beschreibt ihr erstes Pony als gutes, gesundes Reitpferd mit einem Wert von "gut und gerne 1600 Euro." Sie will deshalb weiterhin nach dem braunen Wallach suchen und demnächst auch die Tierärzte und Hufschmiede in Mecklenburg-Vorpommern befragen. "Bis ich Gewissheit habe, dass es ihm gut geht. Das würde mir reichen."

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