Deutsch-deutsche Grenze : Das verschwundene Dorf

Ein paar Steine sind alles, was von der Lankower Stellmacherei übrigblieb.
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Ein paar Steine sind alles, was von der Lankower Stellmacherei übrigblieb.

Lankow an der innerdeutschen Grenze wurde vor 35 Jahren komplett geschleift

Der Herbstwind weht durch die Baumkronen hinunter zum See. Im kniehohen trockenen Gras liegen vereinzelt Mauerreste. Nur Teile eines Fundaments sind von der Stellmacherei übriggeblieben, die einst der Familie Goedicke gehörte. Eine schmale Kopfsteinpflasterstraße und knorrige Obstbäume, viel mehr weist nicht auf das einstige Lankow hin. In der Luft dreht ein Seeadler seine Runden.

In dem mecklenburgischen Dorf wurde fast 800 Jahre lang geboren, gearbeitet, gefeiert und gestorben. Laut einer alten Ortschronik bestand Lankow vor hundert Jahren aus drei Bauernstellen, fünf Büdnereien, drei Katen und einer Schule. Mehr als hundert Menschen sollen kurz nach 1945 noch in dem Ort gelebt haben. Viele von ihnen waren Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten, die hier eine neue Heimat gefunden hatten. Es sollte nicht ihre letzte Vertreibung gewesen sein.

„Von denen, die hier wohnten und zwangsweise umgesiedelt wurden, lebt kaum noch jemand. Es sind die Kinder, die die Erinnerung aufrecht halten“, sagt der Historiker Andreas Wagner, seit 2013 Leiter des Grenzhuses im nahen Schlagsdorf.

Mit dem Barber-Lyaschenko-Vertrag 1945 und einem Gebietsaustausch zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone rückte Lankow direkt an die innerdeutsche Grenze, die in den Folgejahren zur Todeszone wurde.

Ein Befehl mit der Nummer 38/52 des Ministeriums des Inneren der DDR war der Anfang vom Ende Lankows. „Zur Erhöhung der Sicherheit im Gebiet an der Demarkationslinie“ wurden im Juni 1952 die ersten Einwohner in der „Aktion Ungeziefer“ zwangsweise ausgesiedelt. Am 3. Oktober 1961 fuhren erneut bewaffnete Einheiten vor. Viel Zeit blieb ihren Großeltern nicht, um zu packen, erinnert sich die Enkelin Brigitte Bollgahn, die vor 67 Jahren in Lankow das Licht der Welt erblickte. Ihre Großeltern mussten in ein Dorf nahe Bützow umziehen. „Die Zwangsausgesiedelten bekamen keinen Ersatz für ihre Häuser, sondern die letzten Wohnungen“, so Wagner. Einige wenige konnten später in der neuen Heimat einen Hof übernehmen, von Bauern, die in den Westen geflohen waren.

„So wie hier in Lankow, starteten die Sicherheitskräfte an jenem 3. Oktober 1961 in 46 Orten im ehemaligen Bezirk Schwerin die ,Aktion Festung‘. 65 Menschen wurden allein in Lankow, Kneese, Neuhof ausgesiedelt, 349 im Bereich Hagenow “, berichtet Sandra Pingel-Schliemann, die das Buch „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen! Die Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe 1945-1989“ geschrieben hat.

Auch die verbliebenen Einwohner von Lankow, im Jahr 1973 waren es noch 28, wurden umgesiedelt. Das letzte Gebäude in dem menschenleeren Ort wurde 1976 abgetragen und der Bauschutt in den See geschoben.

Lankow ist kein Einzelfall. Auch an Neuhof, Bardowiek, Stresow und Lenschow erinnern nur noch Gedenksteine. Versuche, die Orte nach der Einheit wieder aufzubauen, scheiterten. Sie sind wohl für immer ausgelöscht.

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