Vor 20 Jahren : Das ungesühnte Verbrechen von Lübeck

Feuerwehrleute löschen in der Lübecker Hafenstraße den Brand in einer Flüchtlingsunterkunft.

Feuerwehrleute löschen in der Lübecker Hafenstraße den Brand in einer Flüchtlingsunterkunft.

Vor 20 Jahren starben zehn Menschen bei einem Anschlag – vier Jugendliche aus Grevesmühlen standen zeitweise unter Verdacht

von
19. Januar 2016, 08:00 Uhr

Es war eines der folgenschwersten Verbrechen in der bundesdeutschen Geschichte. Vor 20 Jahren starben bei einem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße zehn Menschen. Unter Verdacht standen zeitweise auch vier Mecklenburger aus Grevesmühlen und Umgebung. Bis heute ist die Tat ungesühnt.

18. Januar 1996. Um 3.41 Uhr ging bei der Notrufzentrale Lübeck der erste Hilferuf ein. Pure Verzweiflung: „Hallo! Feuer! Polizei! Hafenstraße 52. Mach schnell, bitte! Kommen Sie schnell“, rief laut Tonbandprotokoll die Heimbewohnerin Françoise Makudila in den Hörer. Sie starb noch in der Brandnacht – mit ihr ihre fünf Kinder Christine, Miya, Christelle, Legrand und Jean-Daniel.

Feuerwehr und Polizei waren bereits sechs Minuten nach dem Anruf vor Ort und retteten zahlreiche Asylbewerber, die sich zumeist aufs Dach geflüchtet hatten. Doch für zehn Heimbewohner kam jede Hilfe zu spät – unter ihnen sieben Kinder und Jugendliche.

Sachverständige waren sich noch am 18. Januar sicher, der Brand wurde gelegt. Doch das Verbrechen gibt bis heute Rätsel auf. Wer waren die Brandstifter? Welche Motive hatten sie? Warum konnten sie nicht überführt werden? Drei Thesen hatten die Ermittler.

These 1: Zeugen sahen vier Jugendliche aus Grevesmühlen und Umgebung noch vor Eintreffen der Feuerwehr am Brandort. Die Polizei nahm die Tatverdächtigen, denen ein rechtsextremer Hintergrund nachgesagt wurde, fest. Gerichtsmediziner stellten an ihren Gesichtern, Haaren, Wimpern und Augenbrauen Verbrennungen fest, die nicht älter als 24 Stunden sein konnten. Dennoch kamen sie frei, weil sie in jener Nacht um 3.19 Uhr an einer 15 Kilometer weit entfernten Tankstelle gesehen worden waren und die Auslösung des Brandes auf 3.15 Uhr geschätzt wurde.

These 2: Safwan E. war Bewohner. In der Brandnacht soll der Libanese zu einem Sanitäter gesagt haben: „Wir waren es.“ Obwohl die Beweislage dünn war und ein Motiv fehlte, kommt es im September 1996 zum Prozess und anschließend zum Freispruch – aus Mangel an Beweisen.

These 3: Kamen die Täter aus der Lübecker Rotlichtszene?

Im Erdgeschoss wurde die verkohlte Leiche von Sylvio A. gefunden. Rechtsmediziner stellten später fest, dass der Asylsuchende aus Benin keinen Rauch eingeatmet hatte, also möglicherweise bereits vor dem Brand tot war. Außerdem war Draht an seinem Körper. Der Asylbewerber war mit einer Prostituierten befreundet, die als Informantin für die Polizei gearbeitet hatte und von Zuhältern und Drogendealern der Lübecker Rotlichtszene enttarnt wurde. Auf die Wohnung der Freundin war bereits einen Monat zuvor ein Brandanschlag verübt worden.

Der NDR zeigt heute um 21.15 Uhr die Dokumentation „Die Brandnacht“ und rekonstruiert 20 Jahre nach dem Verbrechen mögliche Tatverläufe.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen