Das Toyota-Prinzip

Von zwei Wahlen wird nur eine wirklich spannend - die in Hessen. Es geht um die Zukunft von Roland Koch, es geht vor allem aber um die große Koalition in Berlin. Verliert die CDU, droht Stillstand.

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27. Januar 2008, 06:22 Uhr

Morgen wird in Hessen und in Niedersachsen gewählt. Ja - auch in Niedersachsen, obwohl von diesem Bundesland im Vorfeld des Urnengangs kaum die Rede war. Kein Wunder, denn da brennt für keine der großen Parteien etwas an: Die SPD kann dort zwar nicht gewinnen, aber das erwartet auch keiner. Und Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) wird im Amt bleiben, das gilt als sicher. Alles riecht in Niedersachsen nach Schwarz-Gelb und der Hoffnung der Linken, ins Parlament einzuziehen. In Hessen hingegen geht es um viel. Selten erschien ein Wahlausgang - Toyota lässt grüßen - so ungewiss: Nichts ist unmöglich, heißt die Devise, die Ministerpräsident Roland Koch zunehmend als anstrengend empfinden muss. Auch er galt lange als wahrscheinlicher Sieger, bevor Andrea Ypsilanti (SPD) ihre Aufholjagd bis zur Augenhöhe führte. Zwischen Kochs brutalst möglicher Polarisierung und Clements Attacke auf die SPD-Wahlkämpferin ist es ein Treppenwitz, dass ausgerechnet die Themenzuspitzung Kochs, die ihn seinerzeit ins Amt brachte, ihm heute politisch das Genick brechen könnte. Entscheidend könnte das Abschneiden der Linken in Hessen sein: Noch dümpelt er mit den Genossen mal unter, mal über fünf Prozent, aber der kleine, nur 1,60 Meter große Spitzenkandidat Willi van Ooyen kann am Ende Kochs größtes Problem werden, wenn er das linke Lager mit seinem Einzug in den Landtag stärkt. Die Hessen-Wahl hat überdies bundespolitische Bedeutung. Scheitert Koch bei dieser Lagerwahl, wird Stillstand in Berlin vor dem Hintergrund einer zunehmend selbstbewussten SPD endgültig zur festen Größe. Ein SPD-Erfolg in Hessen würde dem von Parteichef Kurt Beck verordneten Linksruck zugeschrieben und könnte die Republik weiter verändern, weil alle die viel beschworene "Mitte" noch weiter links wähnten. CDU-intern würde Koch eine Niederlage die Kronprinzenrolle kosten, Wulf hätte endgültig die Nase vorn. Angst vor einer Niederlage müssen auch - wieder einmal - die Demoskopen haben. Immer, wenn Populismus und Polemik statt Themen das Wahlvolk spalten, wird es für die Auguren schwer. Dann entscheidet sich die Wahl wirklich am Wahltag, wenn der Souverän abwägt zwischen seiner Wut über die durchsichtigen Machtkämpfe und seinem Willen zur Gestaltung. Es wird ein spannender Wahlsonntag.

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