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Welttag des Buches : Das Tor zur Welt hat viele Seiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Einer der letzten seiner Art: Buchbindermeister Holger Warnecke erzählt zum Unesco-Tag des Buches, wie sein Handwerk industrialisiert wurde

von
erstellt am 23.Apr.2017 | 09:00 Uhr

Der Geruch nach Leim, Papier und Leder strömt durch die Werkstatt der Buchbinderei Warnecke in Pastow bei Rostock. Auf einem großen Tischblock in der Mitte des Raumes liegt die 14. Auflage des Brockhaus-Lexikons. Jahrgang 1901. Die Fassung wirkt abgegriffen, die Fassade brökelt. Behutsam löst Lisa Gehlhar den Buchblock aus seiner Halterung. Der Auftraggeber wünscht sich neue Decken für seine Schätze – in einer möglichst originalgetreuen Optik.

Über eine Million Kinder bekommen zum Welttag des Buches den Abenteuerroman „Das geheimnisvolle Spukhaus“ von Henriette Wich mit Illustrationen von Timo Grubing geschenkt. Im Kontext der Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ können sich Schüler der Klassenstufen vier und fünf sowie von Integrations-, Förder- und Willkommensklassen ihr persönliches Exemplar gegen Vorlage eines Gutscheins in einer von 3500 Buchhandlungen abholen. In „Das geheimnisvolle Spukhaus“ besucht Moritz in den Ferien seine Tante. In ihrem Haus passieren ganz merkwürdige Dinge: Um Mitternacht ertönen seltsame Geräusche und Gegenstände fliegen durch die Luft. Sind das Geister? Oder stecken die frechen Nachbarjungs dahinter? Zusammen mit seiner Cousine Stella und seinem Cousin Kamil legt sich Moritz nachts auf die Lauer. Dabei stoßen sie auf ein gruseliges Geheimnis, das bis in die Römerzeit zurückreicht ...

Die Bestandserhaltung und Restaurierung von Raritäten aus der Vergangenheit ist nur ein kleiner Part der Arbeit von Lisa Gelhar und ihren Kollegen. Früher – vor der Digitalisierung – hätten sie zahlreiche Aufträge von Hochschulen, Bibliotheken und Ämtern bearbeitet, die sich um die Instandsetzung von verschlissenen Büchern drehten. Heute sei das Gros der Literatur online verfügbar. „Wir haben uns von einem reinen Handwerksbetrieb zu einem Mehr-Sparten-Haus entwickelt“, sagt Holger Warnecke, der gemeinsam mit seinem Bruder Lutz den Betrieb leitet. „Die Medienlandschaft verändert sich, neue, andere Kanäle werden bedient. Der Buchbinder als reiner Handwerker ist ein Nischenberuf geworden und wir zu Individualdienstleistern für Privat- und Industriekunden.“

Gelernt ist gelernt: Vorsichtig löst Lisa Gelhar den Buchblock aus seiner alten Fassung.
Gelernt ist gelernt: Vorsichtig löst Lisa Gelhar den Buchblock aus seiner alten Fassung. Foto: joro
 

Während Holger Warnecke von den Veränderungen der Branche erzählt, zieht er ein Gästebuch aus dem Regal. Der Einband ist aus hellbraunem Wildleder. Die Verarbeitung aufwendig. Der Auftrag kam von einem Milliardär. Für seine Privatinsel suchte er etwas Besonderes. Daneben steht die Speisekarte eines japanischen Edelrestaurants aus Hamburg – mit Gold veredelt. Davor der Katalog eines Juweliers – roter Samt, so weich wie das Innere eines Schmuckkästchens. Einzigartig soll es sein, mit Wiedererkennungwert – die Wünsche der Kunden seien vielfältig. „Mit ein bisschen Tüfteln ist das Meiste realisierbar.“

Das Know-how bringen die Warneckes mit. Das Familienunternehmen wurde 1859 in Thüringen gegründet. Damals dirigierte Buchbindermeister August Ortloff die Geschicke. 1935 schrieb der Betrieb eine Meisterstelle aus, auf die sich Hermann Warnecke bewarb. Er heiratete die jüngste Ortloff-Tochter und übernahm das Geschäft. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor. „Mein Vater übernahm die Firma nicht, heiratete aber eine Buchbindertochter und zog mit ihr an die Ostseeküste“, erzählt Holger Warnecke. „Meine Eltern bauten ihr eigenes Geschäft in Rostock auf.“ Sie starteten mit einer Pappschere, einem Hebelschneider, einer Anleimmaschine und einigen Kleinwerkzeugen. Mittlerweile befindet sich der Firmensitz im Rostocker Umland. Die Auftragslage sei stabil, auch wenn die industrielle Anfertigung zunehme. „Ich bin überzeugt, dass das gedruckte Buch in seiner Form und Vielfalt niemals durch Elektronik ersetzt werden kann – auch wenn der Buchbinder mittlerweile auch die Hüllen für die Tablets produziert.“

Die „Ottifanten“-Liebhaberstücke werden instand gesetzt.
Die „Ottifanten“-Liebhaberstücke werden instand gesetzt. Foto: joro

Zum Welttag des Buches an diesem Sonntag erinnert auch Dr. Roland Bernecker, Generalsekretär der Deutschen Unesco-Kommission, an die Wertigkeit des Gedruckten: „Bücher sind ein Tor zur Welt. Sie schlagen Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen unterschiedlichen Generationen und Kulturen. Mit dem Lesen oder Hören eines Buches trainieren wir unsere Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen.“ Der Welttag hat zum Ziel, fürs Lesen zu begeistern. Schließlich können mehr als 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben, erklärt Jörg Maas von der Stiftung Lesen.

Die Unesco-Generalkonferenz hat 1995 den 23. April zum „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ ausgerufen. Das Datum geht auf eine Tradition in Katalonien zurück: Zum Namenstag des Schutzheiligen St. Georg werden dort Rosen und Bücher verschenkt. Unabhängig von der Tradition, entwickelt sich derzeit im Internet ein neuer Trend um Bücher. Auf der Plattform „LovelyBooks“, die ihren Firmensitz in München hat, tauschen sich Leser untereinander und mit Autoren aus, nehmen an virtuellen Lesungen teil und sammeln in ihrem Online-Bücherregal ihre liebsten Schmöker. Bis zu 5000 Nutzer würden bisher an den Veranstaltungen im Netz teilnehmen, sagt Tina Lurz, Sprecherin der Community. In den vergangenen drei Jahren ist die Nutzerzahl von 112 000 auf rund 1,5 Millionen gewachsen.

Was den Literatursalons im Internet fehlt, sei die Berührung, findet Holger Warnecke. Ein Buch, dessen Haptik spürbar ist, könne einen besonderen Lesegenuss auslösen. „Bücher haben Charakter. Schade, wenn der verloren geht.“

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