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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 15:48 Uhr

Horst bei Boizenburg : Das Tor ins neue Leben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Flüchtlinge landen in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung im ehemaligen Grenzdorf Horst bei Boizenburg

„Eins. Zwei. Drei. Eine Frau, viele Kinder.“ Im Chor kämpfen sich die jungen Männer durch die Deutsch-Stunde. „Verständigungshilfe“ heißt der Unterricht in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Horst bei Boizenburg. Der pensionierte Lehrer Wolfgang Herrmann (71) kommt zweimal die Woche, um den gerade eingereisten Asylsuchenden erste sprachliche Hürden aus dem Weg zu räumen. „Es macht Spaß zu helfen“, sagt er. Kinder drängeln sich in der offenen Tür des Klassenzimmers. „Schule?“, kichern die Mädchen. Schon toben sie wieder hinaus auf den Spielplatz.

1993 entschied Mecklenburg-Vorpommern, seinen ersten Anlaufpunkt für Flüchtlinge fernab von Siedlungen mitten im Wald an der ehemaligen innerdeutschen Grenze neu zu errichten. Vorausgegangen waren die ausländerfeindlichen Attacken vom August 1992 in Rostock-Lichtenhagen rund um die damalige zentrale Aufnahmestelle in einem Plattenbaugebiet. In der Folge wurde Horst ausgebaut. 

Im Wald an der Elbe, wo früher Grenzer patrouillierten, herrscht heute geordnete Enge. Das Erstaufnahmeheim bietet in drei Häusern Platz für 600 Menschen. Seit Monaten sei es mit zeitweise bis zu 700 Schutzsuchenden überbelegt, so dass auch Wohnungen in Boizenburg genutzt würden, sagt Wolfgang Isbarn, Abteilungsleiter im Landesamt für innere Verwaltung. Eigentlich verlebten alle Asylbewerber, die MV zugeteilt werden, die ersten Wochen nach ihrer Flucht in Horst. Hier würden sie ärztlich versorgt, geimpft, eingekleidet, hier stellten sie ihre Asylanträge. „Wer hier ankommt, spürt erstmal die Ruhe“, meint Andreas Konen, Migrationsbeauftragter der Malteser Werke als Betreiber der Einrichtung. „Keine Polizeipräsenz, kein Blaulicht, dafür immer genug zu essen.“

Um nicht untätig zu sein, helfen die Kinder in der Kantine, in der Kleiderkammer und Wäscherei, im Spielzimmer, sie putzen Flure und Gemeinschaftsbäder, fegen Wege und Außengelände – für 1,05 Euro Taschengeld pro Stunde.   Weil bundesweit die Flüchtlingszahlen steigen, werden auch in MV dieses Jahr bis zu 6000 Antragsteller erwartet gegenüber 4400 in 2014 und 2300 im Jahr davor. Im Sommer solle daher eine Außenstelle des Erstaufnahmeheims in Schwerin mit 450 zusätzlichen Plätzen öffnen, erklärt Isbarn. Bis dahin aber werde in Horst jeder Winkel für weitere Betten genutzt. Fernsehraum, Friseurstube, Schneiderei seien jetzt Wohnräume.

Einzig die beiden Gebetsräume für die Schutzsuchenden aus über 20 Ländern wie der Ukraine, Syrien, Albanien, Serbien, Afghanistan oder Ghana, blieben bestehen. Durch einen schmalen Flur getrennt liegen in Horst eine winzige Moschee und eine einfache Kirche, jeweils von der Größe eines Schulraumes, nebeneinander. Betrieb sei hier rund um die Uhr, so Konen. Doch immer gehe es friedlich zu, religiöse Konflikte würden hier nicht ausgetragen.

Ein Vermittler ist auch Betreuer Toufik Benmebarek. Der Algerier kam 1999 über Horst nach Deutschland, wie er erzählt. Inzwischen wohne er mit Frau und Söhnen in Boizenburg und arbeite für die Malteser im Aufnahmeheim. Auch Freiwillige wie Lehrer Herrmann seien wichtig, betont Konen. Es gehe um eine ehrliche Willkommenskultur für Asylbewerber, die später in ganz Norddeutschland ihr vorübergehendes oder dauerhaftes Zuhause finden. „Horst ist der erste Kontakt mit Deutschland, und der entscheidet.“

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