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Mahnung vor Krieg und Flucht : Das „Tagebuch des Schreckens"

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Mucksmäuschenstill sitzen Schüler der Förderschule und des Gymnasiums in Güstrow und hören Kurt Teichmeier zu. Der 80-Jährige berichtet über die Zeit in seinem Leben, die für ihn das Furchtbarste war, was er erlebt hat.

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erstellt am 15.Jan.2012 | 07:31 Uhr

Güstrow | Mucksmäuschenstill sitzen Schüler der Förderschule und des Gymnasiums in Güstrow und hören Kurt Teichmeier zu. Der 80-Jährige erzählt, was er als 14/15-Jähriger durchmachen musste. Er berichtet über die Zeit in seinem Leben, die für ihn das Furchtbarste war, was er erlebt hat (siehe Personalie unten). Der Güs trower erzählt vom Ende des Zweiten Weltkrieges, von der Flucht aus der pommerschen Heimat, von der Rache der Russen und vom schweren, fast unmenschlichen Anfang in der neuen "Heimat " Güstrow. Das Besondere: Teichmeier hat alles dokumentiert. Was er damals als Junge Tag für Tag notierte, hat er auf 235 Seiten aufgeschrieben und mit Fotos ergänzt - in seinem "Tagebuch des Schreckens".

Als er aufhört, sitzen die Schüler, die so alt sind wie er damals, immer noch ganz still und schauen ihn ungläubig an, obwohl sie etwas über diesen schlimmsten aller Kriege gehört oder Kriegsfilme gesehen haben. Aber das ist nichts gegen diesen Bericht. Dann bricht der Bann: Die Schüler bombardieren Kurt Teichmeier mit Fragen und er spricht weiter - als ob es gestern war, denn der Schrecken hat sich in seinem Kopf eingebrannt.


Eigene Erlebnisse nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Teichmeier: "Ich habe aufgezeichnet, was ich erlebte. Das Buch ist eine mahnende Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Es erzählt von schrecklichen Zeiten und Taten, von Angst und Not. Und es verbindet sich mit dem Wunsch, dass die Menschheit von solch einem Krieg für immer verschont bleiben möge." Er hat sich damit aber auch einen Wunsch erfüllt, denn in der DDR durfte der parteiloseTeichmeier diese Gedanken weder äußern noch aufschreiben. Teichmeier: "Ich wäre eingesperrt worden, denn da sind Schreckenstaten dabei, die wollten die DDR-Oberen nicht hören."

Seine Schreckensgeschichte beginnt in Kolberg, seinem Geburtsort. Das Ende des Krieges kam für den jungen Kurt damals - überzeugt von Hitlers Propaganda - plötzlich, "über Nacht", wie er sagt. Als Hitlerjunge - Teichmeier: "Wir waren Feuer und Flamme" - bekam er Panzerfäuste und bekämpfte russische Panzer. "Das habe ich getan, ohne Angst. Aber danach habe ich am ganzen Leib gezittert. Es war schrecklich." Genauso furchtbar war der Flüchtlingsstrom, der sich in Kolberg ergoss. Die Stadt wuchs innerhalb kürzester Zeit von 40 000 auf 80 000 Bewohner. Teichmeier sah ein Elend, das er nie vergessen wird.

Ohne Hab und Gut geflüchtet und die Rache der Russen erlebt

Am 17. März 1945 begann für die Familie - die Mutter mit vier Kindern - die Flucht, ohne Hab und Gut. Mit dem Zug und zu Fuß kamen sie Ende März in Güs trow an. Ein Bauer brachte sie einen Tag später nach Oldenstorf Ausbau. Bis Juli blieb die Familie dort. Sie lebte mit 30/35 Flüchtlingen in einem Haus. Hier ging es mit dem Schrecken weiter. Kurt Teichmeier erlebte die Rache der Russen am Krieg der Deutschen gegen ihre Heimat. Teichmeier: "Sie kamen jede Nacht. Ich habe gesehen wie Frauen vergewaltigt wurden." Am Pfingstsonnabend - Kurt hatte eine Turnhose mit einem Hakenkreuz an einem Bein an - entdeckten die Russen das. "Ich wurde brutal zusammengeschlagen und in Dobbertin in der Kommandantur im Keller eingesperrt. Pfingstsonntag kam ich nach Güstrow in die Haftanstalt. Ich wurde verhört. Aber dann ließ man mich doch gehen." Trotzdem war es für den Jungen eine schlimme Situation. Kurt Teichmeier war 14!

Im Juli wurde er zum Kühe treiben eingesetzt. Die Rinder sollten in die Sowjetunion transportiert werden. "Wir waren rund 75 Kilometer von Reimershagen bis Rosenow kurz vor Neubrandenburg unterwegs. Es war eine Tortur. Aber wenigstens bekamen wir was zu essen. Aber immer mit der Angst im Nacken, was passiert mit uns", schildert Teichmeier. Dann kam der letzte Tag, weil der Bahnhof erreicht war. Teichmeier: "Als wir abends in der Scheune eingepfercht lagen, hörten wir die Russen sagten: Morgen geht es ab nach Russland. Uns kräuselten sich die Nackenhaare. Zum Glück betranken sich die Russen, so dass wir mit viel Mühe Latten herausbrechen und türmen konnten, jeder für sich." Kurt Teichmeier lief wie ein Wahnsinniger, aber immer mit dem Blick, ob nicht Russen auftauchen. "Ich lief bis ich nicht mehr konnte. Meine Füße bluteten, ich hatte keine Kraft mehr. Dann sah ich in Torgelow am See ein Licht. Ein Bauer half mir, versorgte mich mit Essen und Sandalen. Weiter mit einer furchtbaren Angst im Nacken kam ich in Oldenstorf an. Für mich war klar, ich war der Verschleppung nach Russland und vermutlich dem Tod knapp entronnen."

Nach Oldenstorf begann ein neues Kapitel des Schreckens als die Familie nach Klein Breesen verfrachtet wurde. "Es war die dritte Flucht". Im Gutshaus wurde ihr ein Raum zugewiesen, der ein einziger Misthaufen war. Mit Hilfe von anderen Flüchtlingen und Einheimischen wurde er einigermaßen eingerichtet. Not und Elend blieben aber, Hunger war immer an der Tagesordnung. Teichmeitrer erinnert sich an einen Brei aus Wasser und geriebenen Kartoffeln. Nur manchmal ersetzte Magermilch das Wasser. Der 14-jährige Kurt war Haut und Knochen.

Siedlung ohne Geräte und Vieh "aufgezwungen"

Dann der nächste Schock. Teichmeier: "Uns wurde eine Siedlung mit zehn Hektar und Wald schuldenfrei mit Eintrag ins Grundbuch von der Landesverwaltung Mecklenburg aufgezwungen. Was auf den ersten Blick gut aussah, erwies sich als Bumerang. Wir hatten ja nichts, keine Geräte, kein Vieh. Erst im Frühjahr 1947 erhielten wir eine Kuh, ein Schwein und paar Hühner. Satt wurden wir immer noch nicht, weil wir sehr viel an den Staat abgeben mussten." Die Familie kam damit nicht klar und überschrieb die Siedlung später einem Bauern.

Einen Schlussstrich in seinem Tagebuch zieht Kurt Teichmeier mit dem Weihnachtsfest 1947. Er schreibt: "Es ist traurig. Wir sind alle gleich arm. Es gibt keine Geschenke, das neue Jahr kommt. Was werden wir da erleben? Diese Frage stellen sich viele. Wenn auch für meine Familie die Schreckensjahre vorbei sind, so haben wir aber dennoch mit vielen Problemen zu kämpfen. Aber! Wir müssen nicht mehr so Hunger leiden. Und deshalb schließe ich an dieser Stelle mein Tagebuch."

Personalie


Die Lebensdaten von Kurt Teichmeier

• geboren am 24. April 1931 in Kolberg/Pommern, Schule acht Klassen Gymnasium
• 17. März 1945: Beginn der Flucht
• Ende März 1945 in Güstrow angekommen
• gelebt in Oldenstorf Ausbau und Klein Breesen, später und bis heute in Güstrow
• Schlosserlehre 1948 bis 1950 in Güstrow in der Schlosserei Wehrmann, eine ganze Zeit morgens und abends zu Fuß von Klein Breesen nach Güstrow marschiert, oft ohne Frühstück
• Gesellen bauten ihm ein Fahrrad
• Technikstudium, Arbeit in der Reederei in Rostock, zur See gefahren
• Meisterstudium, Maschinenbaustudium, Lehrmeisterbefugnis, Ingenierstudium Landtechnik, Studium Pädagogik für Berufsschullehrer TU Dresden
• Lehrer in Güstrow: Erwachsenenqualifizierung Landwirtschaft, Berufsschullehrer bis 1992
• Kurt Teichmeier bietet Schulklassen einen besonderen Geschichtsunterricht mit seine Erelbnissen an, ohne Kosten für die Schule: Meldung unter Telefon 0 38 43/68 34 26


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