"Das Stück schreit ja nach Zirkus"

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Canio (Ricardo Tamura) verlangt von Nedda (Eva Lind) den Namen ihres Geliebten.

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15. Juni 2012, 11:06 Uhr

Sie hat an der Wiener Staatsoper gesungen, an der Mailänder Scala, in Paris, London und New York, alles edle Partien, ist auch im Fernsehen populär. Er hat italienische Liebhaber von Deutschland bis Japan und in der Arena von Verona interpretiert, und die Metropolitan Opera wartet. Was soll für sie noch kommen, ihn noch überraschen?

Der Zirkus natürlich! Ruggero Leoncavallos "Der Bajazzo" vereint mit der Magie von "Roncalli" in Schwerin. Ein Urereignis in der Opernwelt wie für die österreichische Sopranistin Eva Lind als Nedda und den brasilianischen Tenor Ricardo Tamura als Canio.

Für die Laune beim Gespräch auf dem Theaterbalkon steht Frau Linds lindgrüner Blazer mit Jeans und Ballerinas: heiter. Wann waren sie zuletzt in einem Zirkus? "Vor vielleicht 30 Jahren", rechnet er nach. Sie kontert mit zwei Jahren, "im Cirque du Soleil, ich liebe Zirkus, aber ohne Tiere, die tun mir dort leid". Oper im Zirkus, wie haben sie darauf reagiert? Sie antwortet - musikalisch gesagt - molto animato: "Ich fand das genial, das Stück schreit ja nach Zirkus, warum ist niemand früher darauf gekommen?" Eine verspätete Sensation also. Er gesteht andante: "Meist ist man zuerst skeptisch bei ungewöhnlichen Angeboten, aber hier habe ich mich tierisch gefreut."

Für die wandernde Theatertruppe des Stücks ist die Manege ideal, ist sie es auch für Sänger? Tamura scherzt: "Die Sänger bieten ja keinen Zirkus", und bevor der Doppelsinn von Zirkus und Theater aufkommt, der eher in der Politik haust, sagt er: "Das Zelt hat tolle Akustik, das haben wir nicht erwartet." Lind bestätigt den "unglaublich guten Klang", und beschreibt den Unterschied zur Bühne: "Hier bedarf es nur kleiner Gesten, denn das Publikum ist ganz nah dran, die Manege ist ein Präsentierteller, auf dem man rundherum gesehen wird, da kann man sich nicht verstecken." Das Arbeitsklima? "Wir haben es lustig", kommt ein Lach-Akkord von Lind, "Regisseur Peter Lotschak ist ein fröhlicher Mensch, und so arbeiten wir, keine Hektik, keine Wutausbrüche, keine Abreisen." Und zwischen den mehrfach besetzten Solisten gäbe es "Tipps statt Konkurrenz".

Leoncavallos Musik wird als Verismo bezeichnet, Wahrhaftigkeit, ähnlich dem Naturalismus in der Literatur, geht das für Sänger über den Belcanto hinaus? Tamura erläutert: "Man muss ebenso präzis wie schön singen, aber hier kommen schon noch Gefühlsausbrüche hinzu." Die Sopranistin neckt den Tenor: "Er kann das besonders gut." Die Nedda ist für Eva Lind eine Debüt-Partie, "ich habe sie lieben gelernt, schade, dass sie keine Arie hat, wenn sie stirbt." Tja, es können nicht alle Verdis Gilda sein.

Jetzt eine Provokation: Was Nedda und Canio passiert, Liebesbetrug, wie würden sich beide verhalten, wenn ihnen das privat passierte? Schallendes Lachen der Sopranistin: "Soll man darüber reden?" Darauf folgt von der weltgewandten Sängerin, die auch Philosophie studiert hat, ein Nietzsche-Zitat: "Niemand soll mir einen Rat geben, der nicht das Gleiche erlebt hat wie ich." Aha?! Nachsatz: "Ich würde wahrscheinlich abhauen." Und der Tenor, der auch Geologie studiert hat und einräumt, dennoch nicht zu wissen, wo der Stein des Weisen liegt, weiß lächelnd auch nur: "Ich gehe davon aus, dass ich die Frau nicht umbringen würde."

"Der Bajazzo" war ein Welterfolg Leoncavallos, sein einziger, warum hat er sich seit 1892 gehalten? Beide meinen, es sei die Einheit von Musik und Text, die ewige Geschichte von Liebe, Eifersucht und Tod. "Diese Oper versteht jeder."

Früher wurde gestritten, ob in der Oper zuerst die Musik kommt oder der Text, heute ist der Streitpunkt meist die Regie, was darf sie? "Sie darf", meint Eva Lind, "schon modern sein, aber ich möchte das Stück noch erkennen, das ist leider oft nicht mehr der Fall, für mich eine Grenzüberschreitung". Ricardo Tamura hält dafür: "Die Komponisten haben auf einen Text komponiert, was dort steht, sollte in der Oper stattfinden, sonst stimmt die Musik nicht mehr dazu." Dennoch herrschen vielfach Regie-Dompteure. "Wo subventioniert wird, kann sich Regietheater austoben. Irgendwann wird sich das überleben", denkt Lind und schiebt einen Spruch der legendären Wiener Opernlegende Marcel Prawy nach: "Wenn in der ,Traviata am Ende alle sterben, verlange ich mein Geld zurück." Tamura weiß: "Es gab schon eine Klage aus dem Publikum gegen ein Theater wegen Regiewillkür"; er glaubt, "das Gleichgewicht wird wiederkommen". Im Roncalli wird es da sein.

Oper in Zeiten der Internet-Infektion, welche Chancen hat sie noch? Ein Presto von Lind: "Die Oper wird immer leben, oder?" Ein Andante von Tamura: "Ja, wenn die Regie sie nicht kaputt macht. Ich bin nicht sicher. In Verona herrscht Andrang, weil dort nicht für den Regisseur gespielt wird." Er gelassen, sie sprühend, beide mit Leidenschaft: "Die Leute werden wegen der Sänger in die Oper gehen."

Sie sind nicht musikverbohrt. Studien in anderen Fächern "haben den Blick auf die Welt erweitert, die Lebenseinstellung geprägt". Kino-Fan Eva Lind malt auch, nicht documenta-konform, eher Still-Leben, Ricardo Tamura ist vielseitiger Kunst-Fan, hat früher sogar Gedichte geschrieben. Einen Vers für Lind zu ihrem Geburtstag einen Tag vor der Premiere? "Oh", das klingt melodiös, "wir wollen ihn nicht unter Druck setzen."

Der "Bajazzo" spielt auch gegen die Europameisterschaft im Fußball, interessiert sie Sport? "Marginal", sagt Lind, "übrigens, Singen ist auch Sport." Der Tenor aus dem Fußballland Brasilien ist naturgemäß Fußballfan. "Ich weiß nicht, was passiert, wenn Deutschland spielt und wir Vorstellung haben." Warten also auf Godot der Oper. Die Sopranistin aber ahnt: "Hinter der Bühne wird ein Fernseher laufen."

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