Das Spiel mit dem Feuer

<strong>Fans aus Rostock zünden  Feuerwerkskörper -</strong> die Diskussion über Pyrotechnik beschäftigt den Fußball.<fotos>dpa </fotos>
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Fans aus Rostock zünden Feuerwerkskörper - die Diskussion über Pyrotechnik beschäftigt den Fußball.dpa

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08. März 2013, 11:28 Uhr

Rostock | Der 1. September 2012: Drittligist Hansa Rostock hofft zu Hause auf einen Befreiungsschlag. SV Wehen Wiesbaden gilt als Gegner, der zu schlagen ist. Dazu braucht die Mannschaft Unterstützung von den Rängen. Doch die härtesten Fans fehlen bei dem Spiel. Gespenstische Stille, wo es sonst am lautesten ist. Der Hansa-Vorstand hatte nach andauernden Ausschreitungen und vom Deutschen Fußballbund verhängten Geldstrafen Konsequenzen gezogen und die Südtribüne gesperrt. Da blieben jene Fans, denen gern das Attribut "sogenannte" vorangestellt wird, lieber gleich ganz draußen. Und doch in der Nähe. Im benachbarten Leichtathletik-Stadion inszenierten sie eine Parallelveranstaltung. Ihr eigenes Spiel, mit allem, was für sie offenbar dazu gehört. Auch Pyrotechnik. Und Zuschauer. Obwohl sie auf einige sicher gern verzichtet hätten. Doch diese sahen genau hin. Und zwar mit einer Teleskop-Kamera.

Polizisten, die ihre "Pappenheimer" genau kennen. Die Beamten nahmen zu Beginn der zweiten Halbzeit auch einen Mann ins Visier, der im Leichtathletik-Stadion etwas schwingt, das wie eine bengalische Fackel aussieht. Er ist vermummt, trägt eine Sturmhaube mit schmalen Sehschlitzen. Irgendwann wird er zur Seite gehen, die Mütze abnehmen, unter sein Shirt stecken und mit einem Basecap auf dem Kopf die Ränge wieder betreten. Das jedenfalls beobachtet eine Polizistin. Das zeigt auch das Video. Und so landet S. im Rostocker Amtsgericht auf der Anklagebank. Gestern begann der Prozess gegen ihn. Zuvor war dem arbeitslosen Mann ein Strafbefehl ins Haus geflattert. 900 Euro sollte er bezahlen. Dagegen legte er Einspruch ein, so kam es überhaupt erst zu dem Prozess, den auch zahlreiche Journalisten beobachteten. S. räumt gleich zu Beginn ein, was ohnehin zu sehen ist: Er ist der Mann auf dem Video. Er soll gleich gegen zwei Gesetze verstoßen haben: Gegen das Versammlungs- und gegen das Sprengstoffgesetz. Aber das sehen er und sein Verteidiger nicht so.

"Wieso Sprengstoff? Darunter verstehe ich was anderes", sagt der 28-Jährige. Und wieso Vermummung? Dies sei doch eher eine interne Veranstaltung gewesen. Da habe er sich nicht wirklich Gedanken gemacht, ob er erkannt wird oder nicht. Nun ist das Entzünden von bengalischen Feuern, von Pyrotechnik überhaupt, untersagt in deutschen Stadien. Aus gutem Grund. Die Fackeln entfalten zwar eine faszinierende Leuchtkraft, aber auch eine höllische Hitze und zuweilen giftigen Qualm. Wer sich dennoch nicht zurückhalten kann, dem droht ein bundesweites Stadionverbot - und eben auch eine Verurteilung vor Gericht. "Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre oder Geldstrafe", wies der Rostocker Richter gestern auf die Obergrenze hin. Woher er die Fackel überhaupt hatte, will er vom Angeklagten wissen. "Aus so einem Armeeshop", antwortet der Mann.

Sein Verteidiger sieht das Ganze offenbar nicht so dramatisch. Pyrotechnik könne nicht automatisch mit Gewalt gleichgesetzt werden, sagt er. Sie gehöre nun einmal für die Fan-Szene zu einem Fußballspiel genauso dazu wie Raufereien oder sogenannte Flitzer - all dies sei auch Teil der Inszenierung in jenem "Parallel-Spiel" im Rostocker Leichtathletik-Stadion gewesen. Das Spiel sei zudem nur eine Antwort auf die Schließung der Südtribüne gewesen. "Das sieht aber nicht nach einer Protestveranstaltung aus", sagt der Richter mit Blick auf das Video. Aber auf wen sollte denn die Fackel geworfen werden, fragt der Anwalt rhetorisch. Polizei sei ja nicht sichtbar im Stadion gewesen. "Wie?", hakt der Richter nach. Die Polizei sei das eigentliche Ziel der Fackeln? "Das war wohl ein Freudscher Versprecher?" Aber so habe er das nicht gemeint, wehrt der Anwalt ab. Der auch die sogenannte Gewalttäter-Datei "Sport" der Polizei kritisiert, in der auch sein Mandant nach einem Spiel 2010 in Düsseldorf aufgenommen wurde. Dort seien 150 Leute in einen "Polizei-Kessel" geraten. Alle stünden nun in jener Datei, obwohl nicht alle gewalttätig waren.

Von einer "umstrittenen" Datei spricht auch die Polizistin, die als Zeugin geladen wurde. Auch der vorbestrafte Angeklagte - der den Beamten wohl bekannt scheint - werde als "gewalttätig" eingestuft, bestätigt sie. Ob das Spiel der "sogenannten" Fans eine öffentliche Veranstaltung war, will der Richter wissen. Sie zuckt die Schultern. Das Leichtathletik-Stadion gehöre der Stadt. Die habe das Fan-Spiel an jenem Tag toleriert.

Wie schwierig die juristische Handhabe in Fällen von "Fan-Gewalt" ist, macht ein Stoßseufzer des Richters deutlich. Es würde ständig über Ausschreitungen im Zusammenhang mit Fußball berichtet. "Aber wir wundern uns, warum so wenig hier landet", sagt der Jurist. Die Politik rufe nach härteren Strafen. "Aber wie denn, wenn kein Täter auf die Anklagebank kommt". "Wir schreiben jedenfalls genügend Anzeigen", erwidert die Polizistin. Den Täter aus der Masse zu identifizieren, das ist offenbar das Problem. S. wurde gestern nicht verurteilt. Der Prozess wird fortgesetzt. Der Verteidiger verlangt ein Gutachten über das "pyrotechnische Erzeugnis", das sein Mandant auf dem Video in Händen hält. Dies sei zugelassen. Dem Beweisantrag will das Gericht nachgehen.

Übrigens: Der erhoffte "Befreiungsschlag" blieb aus. Hansa erreichte gegen die Wiesbadener an jenem Septembertag nur ein mageres Unentschieden, was Trainer Wolfgang Wolf nur wenig später den Job kosten sollte. Kommenden Sonntag spielt Hansa, noch immer Drittligist, gegen Halle. Der Klub warnte gestern in einer Pressemitteilung die Fans vor der Mitnahme von "Gasflaschen und pyrotechnischen Erzeugnissen".

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