Bedrohte Tiere : Das Schweigen der Insekten

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Die Population von Schmetterlingen, Käfern und Co ist auch in MV stark gesunken – Experten schlagen Alarm.

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20. November 2017, 11:50 Uhr

Wenn Uwe Deutschmann auf einer Wiese steht, kommt sein Jagdinstinkt durch. Mit Käscher, Laubbläser und einer Lampe bewaffnet, legt er sich auf die Lauer. Was er sucht, ist oft winzig klein. Deutschmann hat es auf alles mit sechs Beinen abgesehen. „Außer Wespen“, wie er betont. Der 66-Jährige ist Insektenforscher. Seit 50 Jahren sammelt er Käfer, Schmetterlinge, Nachtfalter und anderes Krabbeltier, das in MV kreucht und fleucht. Dabei gehen ihm jedoch immer weniger ins Netz. Das Insektensterben macht sich auch in Mecklenburg-Vorpommern bemerkbar.

An seinen größten Fund erinnert sich Deutschmann noch genau: Er war klein und unscheinbar und würde vom Laien wohl am ehesten als Grille identifiziert werden: der Cosmotettix evanescens Oss. Eine Zikadenart, die zuvor nur wenige Male in Südschweden und Südfinnland gesichtet worden war. Als Deutschmann sie 2011 im Grambower Moor entdeckte, war das der erste Fund dieser Art in Mitteleuropa. „Das war schon etwas Besonderes“, sagt Deutschmann und fügt hinzu: „Ich kann nicht behaupten, dass die Artenvielfalt weniger geworden ist. Aber die Populationen haben sich stark dezimiert.“

Die Zeiten, in denen früher im Sommer hunderte Insekten an der Autoscheibe klebten, sind längst vorbei. Der Rückgang ist teilweise alarmierend. Laut des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) sei allein in Nordrhein-Westfalen die Biomasse der Fluginsekten in den vergangenen 15 Jahren um bis zu 80 Prozent gesunken. Wurden 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen im Jahr gesammelt, seien es heute nur noch 300 Gramm.

„Grundsätzlich fing das Sterben schon in den 70ern und 80ern an“, meint Uwe Deutschmann. Damals wurden viele Feuchtgebiete in MV trockengelegt und damit der Lebensraum unzähliger Krabbeltiere zerstört. „Die Landschaft verändert sich. Die Biotope gehen weg. Und dadurch sind die Bestände stark zerklüftet“, erklärt der Experte. Die Asphaltierung der Grünflächen verstärke diesen Effekt zusätzlich. Auch die monokulturelle Landwirtschaft sei eine Ursache für das Schweigen der Insekten. „Die Raps- und Maisfelder sind ökologische Wüsten. Da fliegt nichts mehr.“

Das bestätigt auch Holger Ringel: „Der Vergleich von über 100 Stichproben im Land zeigt, dass es auf diesen Feldern einen deutlichen Mangel an Artenvielfalt gibt“, meint der Experte vom Nabu. Gerade einmal die Hälfte der auf Äckern heimischen Käfer seien hier zu finden. „Die Vielfalt liegt bei einer umweltfreundlicheren Bewirtschaftung hingegen um ein Drittel höher“, erklärt Ringel. Besonders Neonicotinoide, auch Insektengifte genannt, die seit Mitte der 1990er in der Landwirtschaft eingesetzt werden, stünden laut Ringel im Verdacht, für das Massenhafte Sterben der Insekten verantwortlich zu sein. „Der Wandel der Landwirtschaft zur großindustriellen Produktion mit einem perfektionierten Einsatz von Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Technik hat aus dem jahrhundertealten Biotop Acker eine lebensfeindliche Agrarwüste gemacht.“

Bereits 2012 hat das heutige Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt daher einen Strategieplan zur Erhaltung und Entwicklung der biologischen Vielfalt im Land auf den Weg gebracht. Damals wurden insgesamt 13 Aktionsfelder mit 73 Zielen und Maßnahmen formuliert. Ende vergangener Woche war Halbzeit. Die Bilanz fällt laut der agrarpolitischen Sprecherin der Grünen in MV, Claudia Schulz, mehr als ernüchternd aus: „Im Land sind der Erhalt und die Entwicklung der biologischen Vielfalt krachend gescheitert.“ Mehr als die Hälfte der Ziele könnten nicht erreicht werden.

Schulz siehe die Fehler klar in der Landwirtschaftpolitik. Außerdem fehlten deutschlandweit langfristig angelegte Monitoringprogramme. Mit ihnen könnte die Insektenpopulation besser kontrolliert werden. „Ohne vernünftige Datengrundlage lassen sich auch Maßnahmen kaum effektiv durchführen und evaluieren“, meint Schulz. Bei der Erhebung sei man auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, die aber „im Vergleich zu anderen Bundesländern wenig vom Land unterstützt werden“. Auch Uwe Deutschmann sieht Handlungsbedarf bei der Landwirtschaftspolitik. „Es würde sich schon rechnen, wenn man bei allen Feldern einen unbewirtschafteten Streifen am Rand stehen lassen würde“, glaubt der Entomologe. Dort könnten sich Käfer und Fluginsekten wieder ansiedeln. Ähnlich wie bei den Entwässerungsgräben an den Straßen. „Das Grün dort wird gemulcht. Für die Insekten ist das sehr schlecht.“ Jeder Fleck, auf dem Gräser und Blumen ungehindert wachsen können, bietet auch Insekten einen Lebensraum.

Uwe Deutschmann trägt unterdessen selbst zum Erhalt der Artenvielfalt bei. In seinem Garten in Bucholz bei Röbel. Auf bunten Blumenwiesen finden Insekten dort ein Zuhause. Auch Brennnesseln dürfen in einer Ecke des Grundstücks wachsen. Sie sind zum Beispiel die Nahrungsgrundlage von der Raupe des kleinen Fuchs’ – einer noch weit verbreiteten Schmetterlingsart. „Es soll immer alles anmuten, wie in einem Baumarkt“, moniert Deutschmann. „Die Leute wollen eine perfekten Rasen und nur wenige Pflanzen.“ Keine Insektenoase. Der Rentner empfiehlt hingegen, bunte Blütenmischungen zu säen. „Auch Gewürze sind sehr gut. Majoran zieht zum Beispiel viele nützliche Hummeln an.“

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