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250 Gutshäusern im Land droht der Verfall : Das Schlimmste ist der Vandalismus

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1012 Herrenhäuser und Gutsanlagen stehen in MV unter besonderen Denkmalschutz. Um die 250 davon sind vom akuten Verfall bedroht. Das Land verliert sein steinernes Erbe. Doch weder die Besitzer, noch das Land tun etwas.

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2012 | 08:16 Uhr

Schwerin | In Divitz bei Barth an der Ostsee zerfällt gerade eine Wasserburg. Sie ist eine der bedeutendsten Wasserburgen im gesamten norddeutschen Raum. Das 350 Jahre alte Gutshaus in Kittendorf bei Stavenhagen fiel dem Schandfleckenbereinigungsprogramm des Bundes und dem Bagger zum Opfer. Das 1925 erbaute Gutshaus Grellenberg bei Grimmen fiel von allein um. In Löwitz bei Rehna scheiterten die Pläne des neuen Berliner Eigentümers und so verfällt das denkmalgeschützte Gutshaus weiter, nachdem es nach siebenjähriger Käufersuche kurz Hoffnung auf eine Nutzung gab. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. 2192 Schlösser und Gutsanlagen gibt es nach Auskunft des Bildungsministeriums in MV. 1012 davon stehen unter Denkmalschutz. Der Zustand der anderen ist nicht aktenkundig. Der Verfall könnte also noch umfangreicher sein. 200 bis 300 der denkmalgeschützten Anlagen bedürfen dringend der Notsicherung.

Am schlimmsten ist es in Ivenack. Die riesige barocke Gutsanlage mit "außerordentlich hohem geschichtlichen Dokumentationswert" erstreckt sich über zehn Fußballfelder. Es gibt ein Schloss, eine Kirche, Teehaus, Orangerie, Marstall und ein Verwaltergebäude. Um das Jahr 1750 lebten hier ein Reichsgraf, dem 2000 Leibeigene zuarbeiteten. Seit 1999 gehört das Anwesen einem Parkettfabrikanten, dem das Geld ausging. Die Gemeinde streitet sich mit ihm.

"Hier muss etwas passieren", sagt selbst der Geschäftsführer des Landkreistages Jan-Peter Schröder. Aus dem Kultusministerium heißt es, dass "durch die unteren Denkmalschutzbehörden im Einzelfall Ersatzvornahmen zur Sicherung von Denkmalen möglich sind". Klartext: Die Landkreise sind verantwortlich. Aber die Kreise haben kein Geld. Nach der Kreisreform kommen so viele neue Aufgabe auf sie zu, dass zerfallende Gutshäuser, ja selbst Schlösser die geringste Sorge der Landräte sind. Zumal es oft kein Nutzungskonzept gibt. Schröder: "Natürlich haben wir ein Interesse daran, dass die Gutshäuser erhalten bleiben. Aber es muss eine tragfähige Nachnutzung geben."

Laut Denkmalbehörde stehen derzeit 121 der unbewohnten Schlösser "ohne Perspektive" da. Ihnen droht der meteorologische Abriss: die Vernichtung durch Wind und Wetter.

Das Land gibt nur dann Fördermittel, wenn ein Eigentümer einen Antrag stellt und einen Eigenanteil "in der Regel von 50 Prozent" beibringen kann. "Im laufenden Förderjahr wurde vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege für neun Gutshäuser und Herrenhäuser eine Fördersumme von 648 574,79 Euro bewilligt", so Michael Bednorz, Chef des Landesamtes. Gelder für Gutshäuser in Not - Fehlanzeige.

Der Hilferuf von fünf Arbeitsgemeinschaften, Stiftungen und Vereinen zur Rettung des steinernen Erbes im Frühjahr mit Schreiben an den Ministerpräsidenten, Minister, Landräte und Landtagsabgeordnete verhallte quasi ungehört. Eine Antwort aus dem Petitionsausschuss auf die gemeinsame Resolution fiel relativ lapidar aus. Auch hier der Verweis auf "die unteren Denkmalschutzbehörden als Vollzugsbehörden des Denkmalschutzes". Und so schlummert das Thema weiter. Gut nur, dass es auch Investoren gibt, die mit viel Liebe und viel Geld das steinerne Erbe erhalten.

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