Ship of Tolerance Rostock : Das Schiff, das keines sein sollte

Die russische Künstlerin Emilia Kabakov hatte die Idee
Die russische Künstlerin Emilia Kabakov hatte die Idee. zum Ship of Tolerance

Das Künstlerpaar Ilya und Emilia Kabakov präsentiert Installationen und Bilder in der Kunsthalle Rostock. Eine Betrachtung

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07. Juni 2018, 12:00 Uhr

Vor Rostock ankert ein Schiff. Es könnte zumindest eines sein mit seinen hellen Holzplanken und seinem Segel, das sich dem Wind entgegenstemmt. Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich das vermeintliche Boot als montiertes Kunstwerk. Und sein Segel als Collage aus kunterbunten Kinderzeichnungen. Diese Installation von Ilya und Emilia Kabakov – ein Teil der Ausstellung „Two Times“ der Kunsthalle Rostock – macht ohne Frage Eindruck. Sie ist grell und naiv, sie ist so plakativ, dass sich ihre Hintergründigkeit geradewegs aufdrängt. Aufdrängen muss. Mit sanfter, subtiler Gewalt, einem Sitzstreik nicht unähnlich.

Nicht nur, dass das „Ship of Tolerance“ nirgendwo hinfährt. Es ist, wie seine Namensbrüder und Vorgänger-Schiffe auf der ganzen Welt, nicht grundlos in Rostocks Hafen gepflanzt. Ein Fremdkörper, eine Form von Mimikri. Neben anderen Schiffen fällt das Kunstwerk der russischen Exilkünstler kaum auf. Und doch stört es bewusst.

Als Herbert Grönemeyer 1989 davon sang, den Kindern die Macht zu geben, weil sie „nicht wüssten, was sie tun“, zelebrierte er eine Form von Naivität, auf die sich auch die Erfinder des „Ship of Tolerance“ berufen. Nicht grundlos wirft das Kunstwerk ein Schlaglicht auf die wechselvolle Geschichte Rostocks. Nicht umsonst setzt die kindliche Unschuld ausgerechnet zu dieser Zeit einen Kontrapunkt zu der emotional aufgeladenen Inanspruchnahme von Meinungshoheiten durch Politik und Gesellschaft. Ein symbolischer Akt mit doppelter Wurzel. Denn dort an der Mündung zur Ostsee und den vielfältigen Kulturen, die die Schiffer jahrhundertelang mit sich brachten, dort gibt es seit langem Reibungsflächen mit dem Anderen und Fremden.

Als im März 1992 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die Anfeindungen gegenüber ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern zu Gewaltexzessen umschlugen, nahmen die massivsten rassistischen Übergriffe seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Lauf. Jahrzehnte später sind die Spannungen wieder spürbar. Die Flüchtlingskrise zwingt erneut zur Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Und zur Überprüfung eigener Positionen. Sehr bewusst legen die Kabakovs deshalb den Finger in die Wunde, sehr bewusst wählen sie Regenbogenmalereien und bunte Fantasieflaggen als Waffen im Kampf gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung. Einen Kampf mit Pinsel, Feder und Schraubenzieher, den das Paar seit vielen Jahren aufnimmt. Gegen die Politik der Sowjetunion, vor deren Regime sie einst flohen. Gegen die Geister der Vergangenheit und die alte Ideologie, mit der sich das Paar, das sich schließlich in New York kennenlernte, immer noch auseinandersetzt. Wieder und wieder.

Lange Zeit war vor allem Ilya Kabakov für seine Installationen weltberühmt, war schon in der Sowjetunion ein ebenso unangepasster wie einflussreicher Maler. Damals, bevor er begann, mit seiner Partnerin gemeinsam an der Kunst zu arbeiten. Heute besitzen beide Kultstatus in der Kunstszene.

Zwei Künstler, zwei Welten, zwei Zeiten – two times. Oder noch ein paar mehr: Mit ihren neuesten Kunstwerken kehren sie zu Ilya Kabakovs Wurzeln zurück. In einer Bildreihe werden fiktive Darstellungen von Zigarre paffenden Parteigenossen und lachende Jungen mit roten Halstüchern und grauen Gesichtern scheinbar altmeisterlichen Faltenwürfen und Ideallandschaften gegenübergestellt. Zwei Seiten der Stilisierung, zwei Seiten von Übertreibung, zwei Spielarten des falschen Scheins. Pseudosozialistischer Realismus, überladener Barock. Two Times.

Ausstellung bis zum 15. Juli. Das Schiff liegt bis zum 31. Oktober in Rostock.

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