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Mecklenburg-Vorpommern

25. September 2017 | 09:46 Uhr

Das repräsentative Kapital

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svz.de von
erstellt am 11.Okt.2010 | 06:33 Uhr

Schwerin | Die Wähler in den neuen Bundesländern schicken immer häufiger westdeutsche Zuwanderer in ihre fünf Landesparlamente. Der Trend weise seit den ersten Landtagswahlen am 14. Oktober 1990 stetig nach oben, sagt der Soziologie-Professor Heinrich Best von der Universität Jena. Mit Abstand am höchsten ist die Wessi-Quote in Mecklenburg-Vorpommern.

Unter den Direktmandaten liege der Anteil der Westdeutschen sogar um Einiges höher als bei den Abgeordneten, die über die Landeslisten in die Parlamente eingezogen sind, berichtet der Soziologe über die Ergebnisse einer bislang unveröffentlichen Studie. In den fünf Landtagen, die 1990 gewählt wurden, waren die Ostdeutschen fast unter sich. Nach den beiden folgenden Urnengängen nahm die Zahl der in den alten Bundesländern aufgewachsenen Mandatsträger geringfügig zu und stieg dann deutlich bei den Wahlen nach 2000. Im Durchschnitt liegt die Wessi-Quote inzwischen bei gut 16 Prozent. Die westdeutschen Zuwanderer sind demnach deutlich überrepräsentiert.

Die westdeutschen Kandidaten hätten zumindest keinen Nachteil gegenüber den einheimischen, so Best. Mit weiteren Deutungen hält er sich zurück. "Grundsätzlich kann man sagen, dass Wessis offenbar über repräsentatives Kapital verfügen, das den vermuteten, in ihre Herkunft begründeten Nachteil ausgleicht." Denn gewöhnlich beeinflusse die lokale Verwurzelung und der regionale "Stallgeruch" die Entscheidung der Wähler durchaus zugunsten der ostdeutschen Kandidaten. Auffällig sei auch, dass viele der westdeutschen Abgeordneten "von oben" in die Landesverbände ihrer Parteien in den neuen Ländern eingestiegen sind. Entweder hatten sie ihre politische "Ochsentour" in einem westdeutschen Ortsverein absolviert oder sie kamen als Beamte der Landesministerien.

Best vermutet zudem, dass die Parteien in Ostdeutschland schon wegen ihrer geringen Mitgliederzahl nicht in der Lage sind, "politisches Personal für die parlamentarischen Vertretungen Ostdeutschlands in hinreichender Zahl und Qualität bereitzustellen" und dies durch einen "massiven Elitenimport" ausgeglichen wird.

Im Schweriner Landtag sind zurzeit 18 der 71 Abgeordneten in den alten Bundesländern geboren worden. Allein die Koalitionsparteien SPD und CDU stellen je sieben. Insgesamt entspricht das einer Quote von gut 25 Prozent - die mit Abstand höchste von allen ostdeutschen Regionalparlamenten. In Sachsen sind es 16,6 Prozent, in Thüringen 15,9 Prozent und in Brandenburg 14,9 Prozent. Die niedrigste Quote weist Sachsen-Anhalts Landtag mit 11,3 Prozent auf.

Kaum ein Wessi hat es bislang in die Landtags-Fraktionen der Linkspartei geschafft. In der SPD liegt ihr Anteil unterdessen deutlich höher als in der CDU. Die eher kleinen Fraktionen von FDP und Grünen verzeichnen meist eine West-Quote von über 20 Prozent. Den höchsten Anteil an Mitgliedern aus den alten Bundesländern haben mit 50 beziehungsweise 62 Prozent die NPD-Fraktionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen.

Best kann am Ergebnis seiner Studie nichts Problematisches finden. "Viel irritierender" ist für ihn "die extreme Asymmetrie", dass umgekehrt kaum ein Ostdeutscher in Westdeutschland in einem Landtag oder gar in der Landesregierung sitzt. Dabei sind nach 1990 deutlich mehr ehemalige DDR-Bürger in die alten Bundesländer gezogen als umgekehrt.

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