zur Navigation springen

Kurs auf die Küste Europas : Das Ratten-Geisterschiff

vom

Einst war die "MV Lyubov Orlova" ein stolzes Kreuzfahrtschiff. Nun ist sie auf ihrer letzten Reise. Von der Crew verlassen, verrostet und verseucht mit Ratten, driftet sie seit Tagen als Geisterschiff im Nordatlantik.

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2013 | 10:05 Uhr

ST. JOHNS | Einst war die "MV Lyubov Orlova" ein stolzes Schiff. Viele Jahre fuhr sie wohlhabende Touristen auf exklusiven Kreuzfahrten zu den entlegensten Orten der Welt: zur Antarktis, nach Grönland oder durch das Eismeer der sagenumwobenen Nordwestpassage. Das eistaugliche Schiff ermöglichte seinen 230 Passagieren an Bord einmalige polare Abenteuer mit Blick auf Eisbären, Gletscher und Nordlichter.

Nun hat sich das Kreuzfahrtschiff auf seine letzte Reise gemacht - und die ist ein Abenteuer der anderen Art. Von seiner Crew verlassen, verrostet und verseucht mit Ratten, driftet es seit einigen Tagen als Geisterschiff im Nordatlantik - und steuert, angetrieben durch Wind und Wetter, auf die Küste Europas zu.

Eigentlich sollte das ausgemusterte Schiff vor zwei Wochen von einem Schlepper von Kanada aus in die Karibik zum Verschrotten gebracht werden, nachdem es zwei Jahre lang wegen eines missglückten Insolvenzverfahrens im Atlantikhafen von St. Johns vor sich hingerottet war. Doch schon wenige Kilometer außerhalb des Hafens riss im stürmischen Wetter die Leine und seitdem blieben alle weiteren Abschleppversuche erfolglos.

Nun dümpelt der einstige Luxusliner etwa 140 Kilometer vor Neufundland vor sich hin. Die kanadischen Behörden haben eine Bergung abgelehnt, weil das Wrack mittlerweile internationale Gewässer erreicht hat. Sein iranischer Eigentümer, der das Schiff 2012 für 275 000 Dollar aus der Konkursmasse einer russischen Reederei gekauft hatte, ist zu einer Bergung bislang nicht in der Lage.

Damit könnte der schwimmende Schrott zu einem Problem für Europa werden - samt der Ratten, der Treibstoffreste, diverser Chemikalien sowie den Motorölen an Bord. "Wenn das Geisterschiff nicht doch noch abgefangen wird, ist es am wahrscheinlichsten, dass es schon in wenigen Wochen auf die irische Küste treffen wird", sagte der Ozeanologe Brad de Young von der Memorial University in St. Johns dieser Zeitung. Laut De Young treibt die "MV Lyubov Orlova" derzeit mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 bis 50 Kilometern pro Tag in Richtung Nordosten. Der Wissenschaftler rechnet damit, dass es bei der derzeitigen Wetterlage ab Mitte April in Europa eintreffen wird.

Das kanadische Transportministerium betonte zwar, dass vom Schiff keine große Gefahr ausgehe. Doch das sehen nicht alle so. Die Hafenbehörde von St. Johns hatte sich unter Verweis auf mögliche Gesundheitsgefahren geweigert, dem ausgemusterten Schiff erneut einen Ankerplatz anzubieten. Umweltschützer fordern, das Wrack wegen der Schadstoffe an Bord schnellstmöglich zu bergen - bislang allerdings vergeblich.

Letzte Woche war das Geisterschiff zudem einigen Ölbohrinseln vor Neufundland bedrohlich nahe gekommen. Ein Boot des Mineralölkonzerns "Husky" schleppte es auf eigene Faust von den Plattformen weg. Danach übergab der Konzern das Gefährt den kanadischen Behörden und die Pannenserie setzte sich fort: Erneut riss im Sturm ein Tau und nun haben die Behörden entschieden, es seinem Schicksal auf See zu überlassen.

Damit bleibt ungeklärt, ob sich überhaupt jemand des Geisterschiffs annimmt. Dazu kommt das stürmische Winterwetter mit bis zu zehn Meter hohen Wellen und Winden von bis zu 150 Stundenkilometern, das jeden Bergungsversuch lebensgefährlich macht.

Womöglich geht es der "MV Lyubov Orlova" am Ende so wie jenem japanischen Trawler, der letztes Jahr führungslos vor Alaska angespült worden war. Bevor er dort auf ein Riff laufen konnte, wurde er von der US-Küstenwache kurzerhand im Meer versenkt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen