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Kinderleichen im Wrack eines deutschen Flugzeugs in Polen : Das Rätsel vom Kamper See

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Ein Kind ohne Eltern ist eine Waise. Wie aber heißen Vater und Mutter eines gestorbenes Kindes? Diese verzweifelte Frage ist im westpommerschen Kamp seit Monaten Thema. Der Grund liegt mehr als 56 Jahre zurück.

svz.de von
erstellt am 05.Mär.2012 | 08:37 Uhr

Kolberg | "Eine Frau, die ihren Mann begräbt, wird Witwe genannt, ein Mann, der ohne seine Frau zurückbleibt, Witwer. Ein Kind ohne Eltern ist eine Waise. Wie aber heißen Vater und Mutter eines gestorbenes Kindes?" - Mit diesen Worten versuchte der niederländische Literat Pieter Frans Thomèse 2003 den Tod seiner Tochter Makira zu verwinden. Diese verzweifelte Frage von Eltern, die das erleben mussten, was wider die Natur ist - nämlich dass Kinder vor ihren Eltern gehen, ist im westpommerschen Kamp bei Treptow an der Rega seit Monaten Thema und sorgt für Diskussionen. Wegen eines Falls, der mehr als 56 Jahre zurückliegt.

Die Ereignisse des 5. März 1945 lassen sich einigermaßen verlässlich rekonstruieren: Der Kamper See war eine wichtige Evakuierungsbasis für Zivilisten aus Kolberg und die Lager in Deep und Kamp, die für die so genannte Kinderlandverschickung (KLV) eingerichtet worden waren. Ziel der Nazi-Führung war es, Kinder aus den von Bombardierungen bedrohten Großstädten in Sicherheit zu bringen. Über die genauen Zahlen der evakuierten Kinder sind sich die Historiker nicht einig, die Angaben schwanken zwischen 850 000 bis 2,8 Millionen Kindern, die in einem der rund 2000, vermeintlich sicheren KLV-Lager untergebracht waren.

Nahe Kolberg waren laut Wolfram Althoff, Sonderbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge rund 12 000 Mädchen und Jungen untergebracht. Doch spätestens mit Anbruch des Frühjahrs 1945 waren auch sie nicht mehr sicher. Mit dem Heranrücken der 2. Belorussischen Front auf Kolberg wurden die Lager evakuiert. Der Fliegerhorst Kamp wurde zum Ausgangspunkt für eine Luftbrücke nach Rügen.

Die Großflugboote von Typ Do24 (Dornier) waren ursprünglich für die Rettung Schiffbrüchiger auf See gedacht - 1945 wurden sie jedoch entlang der Ostseeküste zu Evakuierungsflugzeugen für Tausende Flüchtlinge. Allerdings waren Flieger oftmals hoffnungslos überladen. So auch am 5. März 1945, als im für 16 Personen ausgelegten Flugzeug der "Seenotgruppe 81" 76 - andere Quellen sprechen von 82 Passagieren - vor den herannahenden sowjetischen Truppen zu entkommen versuchten. Sicher ist: In dem Flieger befanden sich Kinder und Betreuerinnen.

Was dann passierte schilderte der damalige Flüchtling Wolter v. Egan-Krieger so: "Vor den Augen Tausender stürzte eine der überladenen Maschinen unmittelbar nach dem Start aus etwa 80 Metern Höhe in den Kamper See und versank augenblicklich. Während die Blicke der entsetzten Menschenmenge auf die Absturzstelle gerichtet waren, in der Hoffnung, Überlebende auftauchen zu sehen, zeigte sich Minuten später lediglich der Teil einer Tragfläche an der Wasseroberfläche. Für die sich an Bord befundenen Personen war alles vorbei. Die Schockwirkung auf die Wartenden lässt sich vorstellen."

Bürgermeister Zdiszlaw Matusiewicz muss sich Einwänden und Fragen stellen, wenn er mit stoischer Beharrlichkeit Gäste seiner Stadt zu den Hangars am Kamper See führt und ihnen seine Sicht der Tragödie auf dem Grund des Sees schildert. "Geht uns das Schicksal von zumindest einigen Dutzend deutschen Kindern, die in einem deutschen Wasserflugzeug im März 1945 beim Versuch der Evakuierung von Kolberg ums Leben kamen, etwas an - angesichts der vielen Tausend ähnlichen Schicksale von polnischen und anderen Kindern in dieser Zeit?", heißt es etwa. Für Matusiewicz ist die Antwort klar: "Die Vorstellung, dass unmittelbar vor unserer Haustür ein Flugzeug mit so vielen Kindern an Bord auf dem Grund des Sees liegt, bewirkt bei mir als Bürgermeister, Mensch und Christ ganz einfach Unbehagen. Ich bemühe mich darum, dass das Wrack gehoben wird und die Opfer eine würdige letzte Ruhe finden. Und wenn möglich - die Angehörigen Gewissheit bekommen, was damals geschehen ist."

Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass die Maschine abgestürzt war, weil sie überladen war: Doch polnische Taucher brachten neue Erkenntnisse zu Tage. Teile des Wracks konnten geborgen werden. "Das Heck weist eine Einschussstelle einer Panzergranate auf, sogar ein Granatensplitter steckte noch drin", berichtet Miroslaw Huryn von der Stiftung "Fort Rogowo". Huryn ist überzeugt davon, dass die Maschine abgeschossen wurde. "Von sowjetischen Panzern, die in der Nähe des Sees aufgefahren waren". Die Wrack zu heben wird kompliziert. Der See ist hier ist sehr flach und die Maschine liegt unter einer meterhohen Schlammschicht. Eine Bergung erfordert die Nutzung von Sperrwänden und das Abpumpen des Schlamms, was sehr teuer ist.

Trotzdem will der Bürgermeister nicht von seiner Idee ablassen. Die Opfer der letzten Tage sollen eine würdige Beerdigung bekommen .

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