Gewaltverbrechen : Das Profil des Mörders

Polizisten sperren den Fundort einer Leiche in einem Wald bei Hamburg ab.
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Polizisten sperren den Fundort einer Leiche in einem Wald bei Hamburg ab.

Profiler Alexander Horn denkt sich in die Welt von Mördern und Sexualstraftätern hinein – und löst Kriminalfälle über kühle Analyse.

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18. November 2014, 12:00 Uhr

Der „Maskenmann“ zum Beispiel. 14 Jahre lang war Alexander Horn ihm auf der Spur. Dann endlich saß der Münchner Profiler dem Mörder von mindestens drei kleinen Jungen gegenüber. Und schließlich redete der Mann. Stundenlang. Das Geständnis, das er bei Horn ablegte, brachte den Erzieher lebenslang hinter Gitter. Horn leitet die Abteilung K16 im Münchner Polizeipräsidium. Die 15 Beamten der Spezialeinheit für Operative Fallanalyse (OFA) sind zuständig für besonders schwer lösbare Fälle.

„Der Mann mit der Maske erschien wie ein lebendig gewordener Alptraum. Und den kleinen Opfern erzählten Eltern und Betreuer manchmal genau das: Ihr habt nur schlecht geträumt“, schreibt Horn in seinem gerade erschienenen Buch „Die Logik der Tat“.

Der „schwarze Mann“ schien ein Phantom, doch es gab ihn wirklich. Fast 20 Jahre führte der Pädagoge ein Doppelleben, kümmerte sich tagsüber liebevoll um seine Schützlinge – und stieg nachts mit dunkler Sturmhaube in Heime, Zeltlager oder Häuser, missbrauchte und tötete Jungen. Erst Horn und sein Team kamen darauf, dass hinter den Morden 1992, 1995 und 2001 überhaupt ein und derselbe Täter stecken könnte.

Bei der Mordserie der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU sah Horn als einer der ersten einen ideologischen Hintergrund: Sein Profil der Täter ergab zwei junge Männer, die gezielt männliche türkische Kleinunternehmer ermorden. Er vermutete ein ausländerfeindliches Zerstörungsmotiv, suchte im rechtsextremen Umfeld - der Denkfehler: Er glaubte, die Mörder hätten einen Anker in Nürnberg. Und so verlief die Spur im Sande. „Man denkt natürlich: Warum konnten wir diesen Tätern nicht eher Einhalt gebieten?“, sagt er heute. Der Kriminalhauptkommissar gilt als einer der erfolgreichsten Profiler in Deutschland. 500 bis 600 Morde hat er in 17 Jahren bearbeitet. Sechs bis sieben Fälle laufen in seinem Team stets parallel. Über die tägliche Konfrontation mit Grausamkeit und Gewalt sagt der 41-Jährige: „Man gewöhnt sich daran. Aber bestimmte Delikte verlieren nie ihren Schrecken - vor allem, wenn es um Kinder geht.“ Ein Rentner in der Oberpfalz wird scheinbar wahllos mit einer Armbrust angeschossen und mit Messerstichen getötet. Eine junge Frau verschwindet spurlos aus ihrer Wohnung. Eine 18-Jährige wird mit durchgeschnittener Kehle in einem Wald bei München gefunden. Die Fallanalytiker werden gerufen, wenn die örtlichen Kollegen nicht weiterwissen. Wenn Morde so unerklärlich und Verbrechen so unglaublich sind, dass auch Sonderkommissionen nicht vorankommen.

Erste Ansätze zur Fallanalyse gab es Ende der 1920er Jahre bei der Suche nach dem Serienmörder Peter Kürten im Rheinland. Mitte der 90er Jahre beschäftigte sich die Münchner Polizei nach dem Fall des siebenfachen Frauenmörders Horst David zunehmend mit Täterprofilen. Inzwischen gibt es in allen Bundesländern OFA-Einheiten und einen bundesweit einheitlichen Ausbildungsgang. Die Münchner Einheit ist international anerkannt. Horn und seine Leute halfen in Irland, einen Sexualmord aufzuklären. Sie reisten nach Frankreich und England. Dort gibt es eigene Profiler. Aber: „Wir kommen gern dazu, wenn es darum geht, eine zweite Meinung abzugeben.“ Die Bezeichnung Profiler mag Horn nicht besonders. „Die Fallanalyse ist mehr als das Profil eines Täters.“ Zudem sei der Begriff mit Klischees belegt - etwa, dass ein Profiler aus der Intuition heraus Fälle löse. „Es ist nicht wie im Krimi: Der Kommissar schließt die Augen - und weiß, wer der Mörder ist.“ Vielmehr sei die Fallanalyse akribische methodische Arbeit. Anhand der Fakten rekonstruieren die Ermittler auf Basis ihrer kriminologischen und psychologischen Kenntnisse das Puzzle des Verbrechens. „Ich muss sauber ein Bild bekommen: Was ist passiert. Wenn ich das Was beantworten kann, kann ich das Warum beantworten – und das führt mich zu dem Wer.“

Immer wieder besucht Horn Sexualmörder im Gefängnis, spricht mit ihnen: „Warum hat der Täter diese Entscheidung gefällt, und warum hat er sie so umgesetzt?“ Die Erkenntnisse fließen in Forschungsprojekte und sie lassen Ermittler zunächst Unfassbares begreifen und erkennen, was im Kopf von Mördern vor sich gehen kann.

Dennoch bleiben Verbrechen ungeklärt – und unerklärlich. Etwa der Mord an einem holländischen Urlauberpaar 1997 bei Traunstein. Die Rentner werden beim Kaffeetrinken vor ihrem Wohnwagen erschossen. Ein Motiv ist nicht erkennbar. Und damit bleibt bis heute das Profil des Täters im Nebel. „Der Fall ist noch offen - die Akte nicht geschlossen.“

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