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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 22:35 Uhr

Landwirtschaft in MV : Das neue Feudalsystem

vom
Aus der Onlineredaktion

Großinvestoren kapern die Landwirtschaft in MV. Bodenpreise auf Höchststand. Neues Agrarstruktursicherungsgesetz steht in den Sternen

svz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 12:00 Uhr

In der Firmenbilanz rechnet sich das kaum noch: 25 500 Euro beim Kauf von einem Hektar Ackerland mittlerer Qualität in der Region um die mecklenburgische Kleinstadt Warin – „das ist ökonomisch nicht mehr darstellbar“, meint der Chef der Wariner Pflanzenbau e.G., Wolf-Dietmar Vetter. Im Westen des Landkreises Nordwestmecklenburg werden für höherwertigere Böden schon 31 000 Euro je Hektar fällig. Das ist für heimische Landwirte oft zu viel. „Auf dieser Basis lässt sich kein neuer Betrieb mehr aufbauen“, meint Wolf-Dietmar Vetter. Immer wieder habe er in den vergangenen zwei Jahrzehnten neue Flächen dazugekauft – oft von der bundeseigenen Bodenverwaltungs- und -verwertungsgesellschaft (BVVG). 2500 Hektar bewirtschaftet sein Agrarhof derzeit – Pachtland, aber auch eigene Flächen. Doch angesichts der horrende steigenden Bodenpreise sei künftig nur noch der Kauf von Teilflächen drin, um die eigenen Äcker zu ergänzen, meint der Betriebschef. Die Preise kennen nur noch eine Richtung – nach oben. Solange der Kapitalmarkt kaum noch Zinsen abwirft und Investoren nach Anlagemöglichkeiten suchen, wird das wohl auch erst mal so bleiben, erwartet Landwirt Vetter.

In MV hat das große Rennen um Ackerland begonnen: Für Investoren ist der Einstieg ins Bodengeschäft lohnender geworden, als ein Engagement auf dem Geldmarkt – trotz Ackerpreisen in bisher nicht gekannter Höhe. So verspricht die Verpachtung Renditen, die auf dem Kapitalmarkt kaum noch zu erzielen sind. Auch ist Boden nicht vermehrbar und so eine wertstabile Anlage. Und so wird im Osten des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte beim Immobilienportal agrarboden.de ein Ackerbaubetrieb mit etwa 1000 Hektar bewirtschafteter Gesamtfläche angeboten. Andernorts in MV steht ein Landwirtschaftsbetrieb mit mehr als 1200 Hektar und einem hohen Eigentumsanteil zum Verkauf – nach Höchstgebot, heißt es beim Internetportal immonet.de. Mindestgebot: 18 Millionen Euro. Industrielle, millionenschwere Fondsgesellschaften, finanzkräftige Privatleute – sie zahlen. Längst werden ganze Betriebe ins Portfolio geholt – kaum erschwinglich für einheimische Landwirte. „Ohne viel Kapital ist es sehr, sehr schwer“, meint Vetter. Das Geschäft kennt kaum Grenzen: Kapitalgeber entdecken die mecklenburgische Weite und machen heimischen Bauern den Acker streitig. Die neuen Investoren hätten oft keine Bindung an die ländliche Region, beobachtet Agrarminister Till Backhaus (SPD): „Die kommen mit dem Flugzeug ins Land, gehen zur Jagd und sind wieder weg.“ Mit Folgen: In MV hätten sich in einigen Landesteilen „neue feudalistische Strukturen entwickelt“, kritisiert er. Bäuerliche Strukturen im ländlichen Raum – in einigen Regionen seien die nicht mehr erkennbar. In Vorpommern würden schon große Teile vollständig in der Hand außerlandwirtschaftlicher Kapitalgeber sein.

Das Ackergeschäft hat 2015 einen neuen Rekordwert erreicht. In 1799 Fällen wurden in dem Jahr Agrarflächen verkauft – mindestens 15 587 Hektar für insgesamt 313,4 Millionen Euro, ermittelte das Statistische Amt Schwerin. Damit gaben Investoren dreimal so viel aus wie 2007, als eine noch größere Gesamtfläche von 18 466 Hektar für insgesamt 89,8 Millionen Euro den Besitzer wechselte.

Der Streit ist programmiert: Der Privatisierungszwang für den Ost-Staatsboden sei der Kardinalfehler gewesen, meint Backhaus. Die vom Bund betriebene Verkaufspraxis habe die Preise in die Höhe getrieben, kritisieren die Ost-Landwirte. Inzwischen sorge die Bodenfrage für Unfrieden in den Dörfern, beobachtet der Agrarpolitiker: „Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen das. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, werden wir große Probleme bekommen.“

Der Druck wächst: Der Landnahme will MV jetzt einen Riegel vorschieben. Bis Anfang 2018 wollte Backhaus einen Regelungsentwurf eines neuen Agrarstruktursicherungsgesetzes einbringen, mit dem aktiven Landwirten ein Erwerbsprivileg eingeräumt und der Konzentration von Bodeneigentum entgegengewirkt werden sollte. Bei zu hoher Konzentration sollte gar ein Verkaufsverbot ausgesprochen werden. Der Zeitplan ist nicht mehr zu halten, zu groß ist der Widerstand. Eckpunkte seien mit den Regierungsfraktionen und den Bauern zwar erörtert worden. „Eine bäuerlich geprägte Landwirtschaft muss in den Händen der Agrarbetriebe bleiben“, fordert der Minister – und stößt damit bei Landwirten zwar grundsätzlich auf Zustimmung. Im Detail würden sie eine solche Regelung aber nicht unterschreiben und stimmten im Bauernverband sogar gegen das Gesetz. „Es geht ein Riss durch den Verband“, so Backhaus. Zu groß sind bei einigen Bauern die Bedenken vor Eingriffen in die Eigentumsrechte – vor allem bei denen, die ein Vierteljahrhundert nach der Umwandlung der alten LPG als übriggebliebene Eigner ihre Anteile versilbern und Millionen einnehmen. Junglandwirte drängen aber auf Änderungen, um am Bodenmarkt teilnehmen zu können.

Jahrelang hatten sich die Ost-Landwirte gegen die BVVG-Verkaufspraxis gewehrt und Hilfe eingefordert. Durch die hohen Bodenpreise sahen sie sogar die Existenz vieler Betriebe gefährdet. Und dennoch lehnt der Verband jetzt eine staatliche Lenkung des Bodenmarktes ab. Man sei nicht gegen das Gesetz, erklärt Bauernpräsident Detlef Kurreck: „Das Gesetz allein wird aber nicht helfen.“ Besser sei es, bäuerliche Strukturen besser zu fördern.

Backhaus gibt dennoch nicht auf: Inzwischen sehen zwar selbst Experten seines eigenen Hauses erhebliche verfassungs- und europarechtliche Hürden für das neue Gesetz. Ohne Einigung mit den Landwirten steht auch die Zustimmung des Koalitionspartners in den Sternen. Und doch setze er auf einen Kompromiss. Er sei bereit, über Grenzen zu reden – „in einem offenen Dialog mit den Bauern“. Denn eines sei klar: „Wir können auf Dauer so nicht weitermachen“, meint Backhaus: „Ich möchte in der Landwirtschaft nicht erleben, dass wir Fremde im eigenen Land sind.“ 

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