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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 23:37 Uhr

Arzt in zwei Systemen : Das Nächste, bitte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dr. Jürgen Buhr aus Bützow hat als Arzt in zwei ganz unterschiedlichen Systemen gearbeitet und konstatiert: Beide hatten Risiken und Nebenwirkungen

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Geplant war es nicht, dass er von seinen 44 Berufsjahren als Arzt jeweils genau die Hälfte in einem anderen Staat und damit auch in einem anderen Gesundheitswesen verbracht hat: Dr. Jürgen Buhr aus Bützow war Arzt in zwei Systemen – und kann deshalb besser als die meisten anderen einschätzen, was gut war und was besser gemacht werden könnte. Jetzt, im Ruhestand, hat er seine Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst. Der Titel „Das Nächste, bitte“ macht er klar: Beide Systeme haben Risiken und Nebenwirkungen.

Von 1962 bis 1968 hatte der heute 72-Jährige an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock Medizin studiert. Kein einfaches Unterfangen: Von anfangs 400 Studierenden blieben nach dem Physikum nur noch 180 übrig. Jürgen Buhr war einer von ihnen. Nach der Approbation im Herbst 1968 begann der Bützower mit der Facharztausbildung zum Internisten. Das hieß noch einmal fünf Jahre lang zu lernen und parallel dazu schon praktische Erfahrungen zu sammeln: im Kreiskrankenhaus Bützow, der Rostocker Universitätsklinik und dem Schweriner Bezirkskrankenhaus. Anschließend arbeitete der Diabetes-Spezialist an der Bützower Kreispoliklinik. 1978 wurde er stellvertretender Ärztlicher Direktor, später übertrug man ihm den Direktorenposten. Ursprünglich hatte man ihn sogar für den Posten des Kreisarztes vorgeschlagen, doch der blieb ihm verwehrt, weil er sich trotz wiederholter Anwerbungsversuche widersetzte, Mitglied der SED zu werden.

Dabei sah er, wie die Partei permanent versuchte, sich in alle Lebensbereiche einzumischen, auch in das Gesundheitswesen. Als er Kritik äußerte, wurde Buhrs Forschungstätigkeit eingeschränkt, er durfte seine Erfahrungen – unter anderem auf dem Gebiet der Lehrergesundheit – nur noch begrenzt veröffentlichen.

Gänzlich überwarf er sich mit dem Regime, als er im Wende-Winter angesichts des schlechten Zustandes der Bützower Poliklinik öffentlich forderte, in das bestens sanierte Gebäude der SED-Kreisleitung umziehen zu können.

Doch wurde schon zu jener Zeit klar, dass die Poliklinik ein Auslaufmodell sein würde. „Damit hatte jeder meiner Kollegen die Perspektive einer Niederlassung – oder eben keine“, erinnert sich Dr. Jürgen Buhr .

Er selbst sah die Niederlassung als Chance und als Bereicherung an. Endlich war er ganz allein für das verantwortlich, was er tat. „Und die neue Technik, die uns plötzlich zur Verfügung stand, war wie Science Fiction“, erinnert er sich. Mit 16-Stunden-Tagen stürzte er sich in die selbstständige Arbeit in seiner Praxis, die sich seit 1995 „Diabetologische Schwerpunktpraxis “ nennen durfte.

Doch schon bald kristallisierten sich auch die Schattenseiten dieses Gesundheitssystems heraus: „Das Diktat des Politischen in der DDR wurde nach der Wende durch das zunehmende Diktat des Ökonomischen ersetzt.“ Auch von der Ausbildungsqualität und vom Status des Arztes her waren in der DDR viele Dinge einfach besser, sagt er mittlerweile.

Was das bedeutet? „Ein Arzt in der DDR handelte rechtlich im Auftrag der Gesellschaft zum Wohle des Einzelnen. Daher galt jeglicher Eingriff als zielorientiertes Handeln im Interesse des Patienten. In der Bundesrepublik dagegen war und ist ein Arzt von morgens bis abends kriminalisiert. Jeder ärztliche Eingriff stellt grundsätzlich den Tatbestand der Körperverletzung dar, der nur durch das Einverständnis des Patienten aufgehoben wird.“

Daraus folgen die aberwitzigsten Verfahren: Buhr nennt als Beispiel den Fall eines älteren herzkranken Patienten, der einen Herzstillstand erlitt. Ein zufällig vorbeikommender Arzt begann mit der Wiederbelebung – und brach dem Patienten bei der kräftigen Herz-Druck-Massage zwei Rippen. Weil dieser zuvor nicht sein Einverständnis mit der Wiederbelebung erklärt hatte – wie sollte er auch –, zeigte er anschließend den Arzt wegen vorsätzlicher Körperverletzung an. Das Verfahren wurde zugelassen… Buhr fand den rechtlichen Status des Arztes in der DDR logischer und vernünftiger als den jetzigen. „Als Mediziner fühlte ich mich juristisch korrekter und sicherer bewertet und aufgehoben.“

Was ihm am bundesdeutschen Gesundheitswesen außerdem nicht gefällt: „Nichtärzte schreiben vor, wie viel Ärzte für eine Behandlung maximal ausgeben dürfen.“ Ein krasses Beispiel von vielen, die der Bützower in der zweiten Hälfte seines Berufslebens erlebt hat: Er überwies einen seiner Patienten zu einer dringenden Herz-OP nach Hamburg, wo er in der Folgewoche aufgenommen werden sollte. Doch dessen Krankenkasse lehnte ab mit der Begründung, in Rostock sei dieselbe Operation deutlich billiger. Allerdings: In Rostock hätte es erst in acht oder neun Monaten einen freien Termin gegeben. Buhr drohte daraufhin, den Fall an die Medien zu geben. Daraufhin gab es für seinen Patienten plötzlich eine Ausnahmegenehmigung. „Das Ganze war kein Einzelfall“, betont der Mediziner, der 2013 im Alter von 70 Jahren schließlich seine Praxis aufgab.

Wäre er Gesundheitsminister, würde er als erstes abstellen, dass die Tätigkeit des Arztes vom Geld abhängt. „Denn Budgetierungen und Regressdrohungen sind genauso unanständig wie die Verlockung, Zusatzeinkünfte zu erzielen.“ Er selbst, so versichert Buhr, habe in seinem ganzen Berufsleben nie Igel-Leistungen angeboten. Nach seiner Vorstellung muss das Einkommen eines Arztes ausschließlich mit der Zahl der behandelten Patienten korrelieren. Und: „Wenn eine Klinik Gewinn erwirtschaftet, dann ist das nur insofern einzusehen, als dass daraus Rücklagen für nötige Investitionen oder den Ersatz bzw. die Modernisierung von Medizintechnik gebildet werden.“ Die Möglichkeit, ein vom Arzt verordnetes Medikament in der Apotheke durch ein anderes zu ersetzen, stünde ebenso auf seiner Streichliste wie die Kopplung von Chefarzt-Gehältern an die Häufigkeit bestimmter, gut bezahlter Behandlungen. „Sie können sagen, ich bin naiv oder ein Träumer, aber diese Spielregeln kann und sollte man festlegen.“ Für ein nächstes, besseres Gesundheitssystem.

Dr. Jürgen Buhr. Das Nächste, bitte. Verlag am Park der Edition Ost. ISBN 978-3-945187-18-0. 14,99 Euro

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