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„West Side Story“ in Schwerin : Das muss man sich ansehen!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Großartige Open-Air-Aufführung von „West Side Story“ auf dem Schweriner Alten Garten

svz.de von
erstellt am 02.Jul.2017 | 20:30 Uhr

Regen, Regen, Regen. Zweieinhalb Stunden am Freitag mit dem Auto im Regen nach Schwerin zur Musicalpremiere bei den diesjährigen Schlossfestspielen. Die „West Side Story“ von Leonard Bernstein steht auf dem Programm – und ein Premierenabend Open Air auf dem Alten Garten im Regen. Aber die Schweriner sind hart, sie kommen bei jedem Wetter. Sie wissen, wie man sich rüstet. Bis auf einige Plätze an den Außenflanken ist die Publikumstribüne voll besetzt. Ein buntes Meer von Kapuzen, Ponchos und Regencapes.

Und die Reise hat sich gelohnt. Es wurde eine derart heiße Aufführung, dass der Regen quasi verdampfte. Bernstein nahm die alte Geschichte von Romeo und Julia und verankerte sie in der New Yorker West Side Mitte des vorigen Jahrhunderts. Zwei jugendliche Straßengangs, die „weißen“ Jets und die Sharks aus Einwandererkindern, kämpfen verbissen um die Vorherrschaft in ihrem Revier. Dazwischen muss die Liebe von Tony, der aus den Jets kommt, und der gerade aus Puerto Rico eingewanderten Maria scheitern, tödlich.

Termine: 6. bis 9.7., 13. bis 15.7., 19. bis 23.7., 27. bis 30.7. und vom 3. bis 5.8.2017 um jeweils 20.00 Uhr sowie am 16.7. und 6.8. um 18.00 Uhr auf dem Alten Garten in Schwerin

Der Schweizer Choreograf und Regisseur Simon Eichenberger zieht das New Yorker Milieu in unsere Schweriner Gegenwart. Die kann eine Gegenwart überall in den wohlhabenden Staaten sein, die heute Ziel von Immigranten aus dem Teil der Welt sind, auf dessen Armut sich der Wohlstand gründet. Der Bühnenbildner Stephan Prattes stürzt dazu die Kopie der goldenen Schlosskuppel samt Engel als Ruine auf die Erde herunter, während er die linke Bühnenhälfte mit Stahlcontainern begrenzt. Ein Hinweis auf unsere Zukunft? Totaler Werteverfall und absolute Mobilität, unbehaust?

In diesem Umfeld erzählt Eichenberger die Geschichte in faszinierenden Tanzbildern, die voller Energie bis zu eruptiver Aggression das Lebensgefühl der jungen Leute äußern. Frappierend, wie perfekt diese rasanten Abläufe sitzen, die Messerkämpfe. Da stockt einem der Atem. Dazwischen tief anrührende Dialogszenen wie die Hochzeitsvision von Tony und Maria, und das tödliche Ende. Großes Theater!

Musikalisch kontrapunktiert die Mecklenburgische Staatskapelle dieses packende Spiel mit verblüffendem Einfühlungsvermögen. GMD Daniel Huppert hat auch von dieser von Jazz, Tanz und Broadway inspirierten Musik eine klare Vision, die er mit seinen Musikern hinreißend stilecht, warmherzig und leichtfüßig umzusetzen vermag. Nirgendwo knirscht es im rhythmischen Getriebe der oft so crazy choreografierten Tänze. Auch nicht in variablen Tempi mancher gefühlvollen Songs.

Die meisten Stimmen für die Songs sind exzellent. Jörn-Felix Alt singt Tonys Partie mit geradezu einschmeichelndem Timbre bis hinauf zu tenoraler Höhe. Mit der Ungarin Mercedesz Csampai, alternierend mit Katrin Hübner, bekommen Marias Songs wie „Tonight, tonight“ und „I feel pretty“ den anmutigen Schmelz eines verliebten Mädchens. Und wie die Tänzer und Tänzerinnen während des Tanzes singen, das hat professionellen Pfiff und Sitz. So bekommt die Aufführung etwas von Weltstadt, aber eben fast nur mit Gästen aus aller Welt. Das muss man sich ansehen, egal bei welchem Wetter!
 

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