Rechtsmediziner vor Problemen : Das Leichenrätsel von Alt Rehse

Was geschah in „Haus Rethra“ - die Ermittler suchen nach wie vor nach Antworten.
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Was geschah in „Haus Rethra“ - die Ermittler suchen nach wie vor nach Antworten.

Der Körper der toten Frau aus „Haus Rethra“ war stark verwest. Was können die Rechtsmediziner in diesem Fall noch herausfinden?

svz.de von
15. August 2016, 20:55 Uhr

Am Gartenzaun  von „Haus Rethra“ flattert rot-weißes Absperrband mit der Aufschrift  „Unter Polizeiverschluss“. Vor einer Woche wurde die Polizei  zu der  ehemaligen Gaststätte im kleinen Ort Alt Rehse in der Mecklenburgischen Seenplatte wegen einer Ruhestörung gerufen. Der Einsatz brachte das Dorf kurz darauf bundesweit in die  Schlagzeilen. Der Beamte und ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes hatten in dem Haus  eine stark verweste Frauenleiche gefunden. Identität unklar. Ins Interesse der überregionalen Medien geriet der Fall, als es erste Hinweise gab, dass es sich bei der toten Frau um Sarah H. handeln könnte, einer ehemaligen Teilnehmerin der umstrittenen Kuppelshow  „Schwer verliebt“. 

Dass Sarah H. zeitweise mit dem Tatverdächtigen Axel G. unter einem Dach lebte, ist so gut wie gesichert. Ihr Namensschild  klebt noch am Briefkasten. „Haus Rethra heisst Sarah und ihre Barbies herzlich willkommen. Bin so schwer verliebt wie nie zuvor und Sarah ist eine solche Schönheit“, schrieb Axel G. Anfang Juli dieses Jahres auf seiner Facebook-Seite. Dazu veröffentlichte der 51-Jährige  eine Reihe bizarrer Fotos, auf denen Sarah H. mit Barbiepuppen und einem Reisepass posiert. Dorfbewohner haben die Frau aus der Kuppelshow auch im Ort gesehen. Den 51 Jahre alten Computerfachmann  soll sie im Internet kennengelernt haben. Aber ob es sich bei der Toten aus „Haus Rethra“ tatsächlich um die  ehemalige  TV-Show-Kandidatin handelt, ist auch eine Woche  nach dem Leichenfund noch nicht geklärt.  Die Staatsanwaltschaft wartet noch auf das Ergebnis des DNA-Tests. Und auch die Frage  wie die  Frau zu Tode kam, beschäftigt die Ermittler nach wie vor.

Die Staatsanwaltschaft wirft Axel G. fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge vor. Er sitzt wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Mit weiteren Details  hält sich die Staatsanwaltschaft zurück. Wichtige Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler vor allem von der Obduktion. „Wir wissen dann hoffentlich genau, wie und wodurch ihr Tod eingetreten ist“, teilt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dazu mit.

Doch welche Rückschlüsse können die Rechtsmediziner bei einer stark verwesten Leiche überhaupt noch ziehen?

Äußerst problematisch dürfte im aktuellen Fall  die Einschätzung der Todeszeit sein. „Bei einer Auffindung einer Leiche lässt sich die Sterbezeit nur in den ersten 24 Stunden nach dem Tode noch relativ gut ermitteln. Danach wird es immer schwieriger“, erklärt Dr. Fred Zack, Privatdozent am Institut für Rechtsmedizin der Rostocker Universitätsmedizin. Die Veränderungen einer Leiche seien nämlich  von sehr vielen Faktoren abhängig wie Temperatur, Lage und Ort oder ob der Körper abgedeckt war. Eingrenzen lasse sich der Sterbezeitpunkt aber möglicherweise über klassische Ermittlungsarbeit. „Etwa über Kontobewegungen  oder wann das Opfer zum letzten Mal lebend gesehen wurde.“

 Als „sehr schwer, aber nicht aussichtslos“ stuft der Facharzt für Rechtsmedizin die Untersuchungen zur Todesursache und den -umständen ein.  Auch wenn Körpergewebe wie Muskeln oder Haut bereits zersetzt sind - „Die Knochen können wertvolle Hinweise liefern“, erklärt Zack.  Stiche, Schläge und Schussverletzungen hinterließen am Skelett mitunter charakteristische Veränderungen wie etwa Brüche oder abnorme Stellungen. „Sind die Knochen gut erhalten, kann man Spuren von Gewalteinwirkung  auch nach einem längerem Zeitraum noch erkennen“, sagt Zack. Rechtsmediziner könnten sogar unterscheiden ob es sich um ältere oder frische Verletzungen handelt.  „Bei Verletzungen, die dem Opfer unmittelbar vor dem Tod zugefügt wurden, kann sich zum Beispiel kein Heilgewebe mehr bilden“, erläutert Zack.

Zur  Identifizierung der Frauenleiche hatte die Staatsanwaltschaft bereits weitere rechtsmedizinische Untersuchungen angekündigt -  wer die tote  Frau ist, könnte über einen DNA -Vergleich und ihren Zahnstatus ermittelt werden.  „Der ist vergleichbar mit einem Fingerabdruck“, erklärt Zack. Für einen Vergleich müssten die Beamten den Zahnarzt des Opfers ausfindig machen und sich Akten und Röntgenbilder von dessen Gebiss besorgen. Auch bei einer DNA-Analyse benötigen die Ermittler eine Vergleichsprobe. „Idealerweise von nahen Verwandten wie den Eltern oder Geschwistern“, sagt Zack.

 Und da sind die Ermittler in Neubrandenburg womöglich bereits einen Schritt weiter. Ergebnisse von den  Untersuchungen zur Identität der Leiche aus „Haus Rethra“ hat die Staatsanwaltschaft für Mitte der Woche angekündigt.

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