Tabuthema Suizid : Das Leben wiedergefunden

Viktor  Staudt privat
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Viktor Staudt

Viktor Staudt überlebte – doch den Kampf ums Weiterleben muss er immer wieder neu führen. Heute Lesertelefon: Selbstmord erkennen und verhindern - Rufen Sie an!

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05. September 2017, 05:00 Uhr

„…Vor einigen Jahren hatte ich mich schon einmal auf meine ,letzte Fahrt“ begeben und dann auf halbem Weg kehrtgemacht. Diesmal musste ich das durchziehen. Um zu verhindern, dass ich im letzten Moment kalte Füße bekam, fuhr ich beim Spirituosenhändler vorbei und kaufte mir eine Flasche Wodka. Damals trank ich selten Alkohol, daher würde mir diese Flasche vermutlich ausreichend Mut verleihen, diesen einen, letzten Schritt über die weiße Linie zu machen. Beim Bezahlen fragte ich mich, ob es dem Mann hinter der Kasse wohl je zu Ohren kommen würde, dass ich mit seinem Wodka zum Bahnhof gefahren war, um mich vor einen Intercity zu werfen.…

Viktor Staudt, Die Geschichte meines Selbstmords und  wie ich das Leben wiederfand. Knaur Taschenbuch. ISBN 978-3-426-78784-7. 254 Seiten. 9,99 Euro
ISBN 978-3-426-78784-7. 254 Seiten. 9,99 Euro

Ich war mir sicher, dass ich das hier tun wollte. Als der Zug nahte und ich ihn direkt auf den Bahnhof zurasen sah, ging ich vor, erst zu dem weißen Streifen und dann über die Linie hinweg bis an die Bahnsteigkante. Ich schaute nicht mehr zur Seite oder zurück, sondern wartete, bis der Moment da war, der Moment, an dem ich die Augen schließen und mich mit einem Mal vornüber fallen lassen würde, wobei ich mir vorstellte, einen Sprung ins Wasser zu machen.

Ich sprang.

Mit einem harten Schlag landete ich auf den Gleisen. Ich spürte keinerlei Schmerzen, als ich den Kopf hob und zur Seite blickte und den Zug direkt vor mir sah. Ich kniff die Augen fest zu und schrie, so laut ich konnte, während ich auf den Schlag wartete. Ich hörte zu schreien auf, als der Zug über mich hinwegraste und der Schock mich aus dem Alkoholrausch wachrüttelte. Blitzschnell wurde mir klar, dass ich noch nicht tot war…“

* * *

Viktor Staudt ist 30 Jahre alt, als er seinem Leben ein Ende setzen will. 18 Jahre ist das mittlerweile her – und doch ist der Selbstmordversuch in seinem Leben ständig präsent. Denn Staudt überlebt den Sprung vor den Zug, verliert dabei aber beide Beine. Seither ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Auf Prothesen und damit zumindest im übertragenen Sinne wieder auf den eigenen Beinen gehen zu können, ist ihm nicht vergönnt. „Dazu hätte ich zumindest noch ein Knie gebraucht, um die Balance halten zu können“, erzählt er.

Auch wenn ihn die bleibende Körperbehinderung sehr belastet, gebraucht Staudt Formulierungen wie: „Bis zum Schwimmbad sind es nur fünf Minuten zu Fuß“. Das sei nun mal eine gängige Angabe, die jeder versteht, meint er. Aber ja: Es sei natürlich auch schmerzhaft, denn wenn er „zu Fuß“ sage, wisse er nur zu gut, dass er selbst nie wieder zu Fuß gehen werde. Deshalb würde er jetzt im Nachhinein auch sagen, der Selbstmordversuch war keine gute Idee, „aber damals war ich davon überzeugt, dass es die einzig richtige Entscheidung war. Es war ein nüchtern getroffener Entschluss, der mir völlig klar erschien.“

Vorausgegangen waren diesem Entschluss viele Jahre, in denen der auf Außenstehende so taff wirkende Mitarbeiter einer Fluggesellschaft von Ängsten gejagt und von Selbstzweifeln zerfressen wurde. Kontakte zu knüpfen fiel ihm schon in der Schule schwer. Später geriet er geradezu in Panik, wenn er fremden Menschen gegenübertreten musste. Er konnte sich nicht die Haare schneiden lassen, bekam Arbeitsstellen nicht, konnte keine Beziehungen eingehen – weil er binnen kürzester Zeit schweißgebadet war und ihm die Stimme versagte.

Heute Telefonforum zur Suizidprävention

„Suizid verhindern“ – zu diesem Thema bietet unsere Zeitung heute von 10 bis 12 Uhr ein Lesertelefon mit Experten an. Geschieht Suizid ohne Vorzeichen oder senden Menschen vorher immer Signale? Sind diese Signale bei Männern anders als bei Frauen? An wen kann ich mich wenden – für mich selbst oder für andere?

Diese und andere Fragen rund um das Thema Suizidprävention beantworten folgende Experten:

  • Renate Kubbutat (Nervenärztin im Sozialpsychiatrischen Dienst am Fachdienst Gesundheit Schwerin) - (0385) 6378 8007
  • Dr. Gerriet Stein (Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Erzbischöflichen Amtes Schwerin) - (0385) 6378 8008
  • Lutz Jastram (Pastor im Ruhestand) - (0385) 6378 8009

Im damals noch jungen Internet suchte Viktor Staudt nach Erklärungen, fand wohl auch Hinweise auf eine depressive Erkrankung. Doch in den Beschreibungen sah er nur andere: „Ich gebe nämlich nicht auf, bleibe nicht tagelang im Bett liegen, vernachlässige mich nicht, lasse mich nicht volllaufen und nehme keine Drogen, selbst rauchen tue ich nicht“, schildert er in seinem Buch „Die Geschichte meines Selbstmords und wie ich das Leben wiederfand“. Schreiben konnte er dieses Buch nur, weil – Jahre nach dem misslungenen Selbstmordversuch – endlich die richtige Diagnose gestellt wurde: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Das Antidepressivum, das ihm daraufhin verordnet wurde, hätte ihn gerettet, sagt Staudt heute. Zwischenzeitlich habe er versucht, es wieder abzusetzen, gesteht er – doch sofort seien die Beschwerden zurückgekehrt. Angst davor, medikamentenabhängig zu werden, hat er nicht. „Wenn der Arzt es für richtig hält, muss man es versuchen“, ist seine Position, die er in den letzten Jahren auch bei Vorträgen und Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum vertreten hat. Der Zulauf zu diesen Veranstaltungen ist enorm – „ich habe ja auch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal“, meint Staudt nicht ohne Selbstironie. Vor allem aber sei es ganz einfach so, dass über Depressionen oder Suizid in der Öffentlichkeit noch immer viel zu wenig gesprochen wird – „obwohl das Bedürfnis danach da ist“. Und die Notwendigkeit. Denn die Zahl derjenigen, die ihrem Leben selbst ein Ende bereiten, wird nicht weniger – im Gegenteil. Nachdem es auch in seinem persönlichen Umfeld mehrere Suizide gab, habe er ernstlich überlegt, seine öffentlichen Auftritte aufzugeben, gesteht Viktor Staudt. „Aber dann habe ich mir gesagt: Falls nur ein einziger Mensch sich nach der Lektüre meines Buches oder einem Vortrag entscheidet, Hilfe zu suchen, anstatt Hand an sich zu legen, dann hat es sich doch gelohnt.“

 

Dabei ist auch Viktor Staudt bis heute nicht frei von Ängsten. Gerade hat er in Abstimmung mit seinem Therapeuten eine Lesereise durch Norddeutschland, die ihn auch nach Schwerin führen sollte, abgesagt. „Manchmal denke ich, dass ich meine Depressionen überwunden habe, war nur ein Pyrrhussieg“,schrieb er vor drei Jahren im Vorwort seines Buches. Heute weiß er aber auch, dass die trüben Gedanken, die ihn einzuholen versuchen, wieder vorbeigehen. Die mehr als 3000 Mails, die er als Reaktion auf sein Buch bekommen hat, helfen Viktor Staudt dabei. Denn sie geben ihm dass Gefühl, gebraucht zu werden. „Ich vermittle ein bisschen Hoffnung, realistische Hoffnung“, sagt er.

Donnerstag Lesung im Medienhaus

Am Donnerstag, dem 7. September 2017, wird es im Casino des medienhauses:nord (19061 Schwerin, Gutenbergstraße 1) um 18 Uhr eine öffentliche Lesung zum Thema Suizidprävention geben. Auf Einladung des Initiativkreises Suizidprävention Schwerin wird Tanja Salkowski aus ihrem Buch „sonnengrau. Ich habe Depressionen – na und?“ lesen, in dem die Erkrankung und das damit verbundene Suizid-Risiko aus weiblicher Sicht betrachtet werden. Es werden aber auch Passagen aus dem Buch von Viktor Staudt „Die Geschichte meines Selbstmords und wie ich das Leben wiederfand“ vorgetragen – als Widerspiegelung des männlichen Blicks auf die Problematik.

Der Eintritt ist kostenlos, es gibt aber nur noch Restkarten. Eine Anmeldung per Mail an ariete.schwartzer@medienhausnord.de ist daher unbedingt erforderlich.

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