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Telefonseelsorge : „Das Leben ist nicht nur geschmeidig“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weihnachten ist für viele Menschen die schlimmste Zeit im Jahr, weil sie von Einsamkeit übermannt werden – die Telefonseelsorge hilft

svz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 12:00 Uhr

„Können Sie so lange am Telefon bleiben bis sie nichts mehr hören? Und dann legen Sie auf.“ Die Frage kommt unterwartet. Sie schockiert, erschüttert, bewegt. Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt entschlossen. Der Mensch, dem sie gehört, sagt, er habe eine Reihe Tabletten genommen, wolle sterben, heute – aber nicht alleine. Die Atemgeräusche werden langsamer, sind kaum noch wahrnehmbar. Schließlich Stille. Wenn sie den Hörer ablegt, hat sie ihn verloren. Also bleibt die Dame von der Telefonseelsorge noch ein wenig dran. Minuten vergehen. Dann folgt sie der Aufforderung, akzeptiert die Situation, beendet das Gespräch, das schon lange keins mehr war.

Dieses Telefonat ist in Erinnerung geblieben. „Jeder kann für sich entscheiden, ob er mit den Anrufen umgehen kann. Aber was wäre die Alternative gewesen?“ Uta Krause leitet seit neun Jahren die Telefonseelsorge in Schwerin. An Weihnachten häufen sich die Anrufe. „Das größte Problem ist die Einsamkeit. Wir Menschen sind nicht dafür gemacht allein zu sein. Doch je länger wir alleine sind, umso mehr Eigenarten entwickeln wir. Das macht es oft schwieriger der Einsamkeit zu entfliehen“, weiß Krause.

Es sind Dankesanrufe, die an Heiligabend bei der Telefonseelsorge eingehen – oder Anrufe tiefster Verzweiflung. „Vor einiger Zeit rief uns am 24. Dezember eine Dame an, die sich bedanken wollte. ,Mir geht es gut’, sagte sie. ,Vor einem halben Jahr ging es mir nicht gut. Wären Sie nicht da gewesen, wäre ich heute nicht mehr da’.“

Genau solche Anrufe seien es, die die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge in ihrer Arbeit bestärken. „Unser Ziel ist die Ermutigung zum Leben“, erklärt Krause. „Keine Sorge ist zu klein. Jede Katastrophe beginnt im Kleinen bevor sie zu einer großen Katastrophe wird. Große Katastrophen sind nur schwieriger zu händeln. Alles, was das Leben schwer macht, ist einen Anruf wert“, betont Krause.

Die Schweriner Telefonseelsorge feiert im nächsten Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Momentan engagieren sich 90 Freiwillige ehrenamtlich. „Damit sind wir rund um die Uhr erreichbar“, sagt Krause. „An 365 Tagen im Jahr.“

Für die Weihnachtsfeiertage gäbe es Kollegen, die sich jedes Jahr aufs Neue in den Schichtplan eintragen. „Sie leben den Weihnachtsgedanken“, findet Krause. „Das Telefon lässt sich gut mit dem Stall von Bethlehem vergleichen. Sie sind beide Geburtsorte. Gemeinsam mit den Anrufern werden neue Ideen geboren, die ihnen weiterhelfen können“, erläutert Krause und erinnert sich an ein Gespräch mit einem trockenen Alkoholiker: „Er kam gerade aus der Entwöhnungstherapie. Er war allein – und furchtbar traurig, dass er sich keinen Tannenbaum leisten konnte. Schließlich gehöre der Baum zu Weihnachten dazu. Wir redeten über die Bedeutung des Festes und darüber, dass es Menschen gibt, die ihren Baum schon am 1. Weihnachtsfeiertag entsorgen. Schon hatte er die Lösung: Er wollte sich so einen Baum besorgen.“

Während der Telefonate bleiben sowohl Anrufer als auch Angerufener gesichts- und namenlos. Die vollständige Anonymität würde die Ungezwungenheit unterstreichen und die Anruf-Hürde überwinden. „Das Leben ist nicht nur geschmeidig. Das muss jeder im Laufe seines Lebens feststellen“, sagt Krause. „Und wenn man dann kein soziales Netz hat, das einen auffängt, dann braucht man andere Hilfe“, ergänzt sie.

In der Regel würden Menschen anrufen, die sich an einem Wendepunkt befinden, die zum Beispiel gerade eine Scheidung durchgemacht haben oder in die Pensionierung gegangen sind. „Jammern, weinen, das Bedauern einer Situation – alles ist erlaubt. Wir hören zu, geben aber keine Ratschläge. Wir sagen ihnen nicht, welchen Weg sie gehen sollen. Denn das wissen wir nicht“, gibt Krause zu.

Bevor jemand Telefonseelsorger wird, erhält er eine einjährige Ausbildung. Dabei werden Gesprächstechniken erlernt, Gesetzesgrundlagen zum Thema Datenschutz und passende Umgangsformen. „Wir sprechen auch darüber, was bestimmte Lebensthemen in einem selbst auslösen können. Wenn ich ein Kind habe, möchte ich vielleicht nicht mit jemandem sprechen, der seins gerade verloren hat“, erklärt Krause.

Das Ehrenamt bei der Telefonseelsorge würde die eigene Lebenseinstellung erweitern. „Man muss Menschen mögen und ihnen helfen wollen. Man muss offen sein. Schließlich rufen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen an. Und man muss sich bewusst sein, dass niemand in der Öffentlichkeit weiß, dass man dieses Ehrenamt ausübt. Es ist schließlich anonym“, so Krause.

 

Bei Anruf Hilfe

•  Die Telefonseelsorge ist über die Rufnummern 0800-1110111 und 0800-1110222 zu erreichen. Die Anrufe sind aus dem deutschen Fest-und Handynetz kostenfrei.

• Wer lieber E-Mails schreibt als telefoniert, findet eine Kontaktadresse auf der Website www.telefonseelsorge.de. Dort steht auch ein Beratungs-Chat zur Verfügung.

• Sie haben Interesse ehrenamtlich als Telefonseelsorger zu arbeiten? Dann nehmen Sie mit den Büros in Mecklenburg-Vorpommern Kontakt auf: Telefonseelsorge Schwerin: 0385-512525, Telefonseelsorge Neubrandenburg : 0395- 5683920, Telefonseelsorge Rostock : 0381- 4900029, Telefonseelsorge Greifswald: 03834-897466

 

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