Reiten in MV : Das Leben ist kein Ponyhof

Nicole Wolf auf ihrem Ponyhof in Grambow: Die 56-Jährige auf der Koppel  mit Haflinger-Mix-Stute Sweety und Wallach Bravour.  Fotos: Behncke       
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Nicole Wolf auf ihrem Ponyhof in Grambow: Die 56-Jährige auf der Koppel mit Haflinger-Mix-Stute Sweety und Wallach Bravour. Fotos: Behncke       

Wenig Reitwege, mögliche Pferdesteuer und hohe Nebenkosten: Reiterhöfe und Vereine in Mecklenburg-Vorpommern stehen vor immer mehr Problemen

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20. Juni 2016, 12:00 Uhr

Fiorella, Sweety, Teddy, Fliege, Oberon, Bravour und Rusty – jedes dieser Pferde hat seine eigene Geschichte. Seine eigenen Vorlieben und Charaktereigenschaften. Sie alle haben ein zu Hause auf dem Ponyhof Grambow gefunden. Zwölf Pferde teilen sich hier 8,5 Hektar. Zwölf von 13 800 Pferden in MV. Sie genießen frisches Gras, viel Bewegung und die volle Aufmerksamkeit von Nicole Wolf. Sie führt den Hof nahe Schwerin alleine. Und das stellt die 56-Jährige vor viele Herausforderungen: „Mitarbeiter kann ich mir nicht leisten. Ich habe drei tolle erwachsene Kinder – ohne ihre Hilfe würde es nicht gehen“. Und auch auf die Zusammenarbeit mit dem Reitverein Gut Grambow sei sie angewiesen. „Wir veranstalten gemeinsam Ferienkurse und Reitferien“, berichtet Wolf. Ohne dieses Einkommen könne ihr Ponyhof nicht existieren. Er ist einer von 72 Reiterhöfen in MV.

Auch Rolf Günther, Leiter des Gestütsbetriebes in Redefin, berichtet von Schwierigkeiten – gerade in der Vergangenheit: „Wir haben die Reit- und Fahrschule als zweites und das Marketing, mit jährlich gut 100 Nicht-Pferde-Events, als drittes Standbein aufgebaut – ein reiner Zuchtbetrieb würde sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen.“ Doch gerade dafür wurde das Landgestüt 1812 durch Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin eigentlich gegründet. In den kommenden Jahrzehnten wuchs das Gestüt stetig. 1817 standen bereits 20 Hengste auf den Deckstationen Lübz, Schwerin, Rehna, Doberan, Grevesmühlen und Redefin. 1840 waren es schon 26 Deckstationen, die mit 134 Hengsten besetzt waren. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verfügte das Gestüt sogar über 151 Hengste, verteilt auf 44 Stationen im Land. Danach wurden es deutlich weniger. Heute hat das Gestüt rund 100 Pferde eingestallt. Der derzeitige Hengstbestand umfasst 33 aktive Landbeschäler, darunter zwei Trakehner, 27 Warmblut- und zwei Kaltbluthengste, einen Vollblut- und einen Lewitzerhengst, welche über drei Deck- und Besamungsstationen in Redefin, Rostock-Kritzmow und Göhren-Lebbin sowie fünf Außenstationen zum Einsatz kommen.

„Wir hatten besonders mit der Wendezeit zu kämpfen“, erklärt Rolf Günther, der selbst schon 26 Jahre in Redefin arbeitet. Damals sei man sich nicht sicher gewesen, wie und ob es überhaupt für das Landgestüt weitergeht. „Zum Glück wurden wir 1993 vom Land übernommen“, so Günther. Das Land stellte erhebliche finanzielle Mittel für die Renovierung der historischen Gestütsanlage zur Verfügung. Das Konzept des Gestüts wurde nach und nach erweitert. In Redefin bilden sich rund 600 Reiter und Fahrer jährlich weiter. „Außerdem haben wir 16 Betten für Touristen und Lehrgangsbesucher“, fügt Günther an. Geld komme aber gerade durch Veranstaltungen wie Lebensart, die Festspiele MV im Juli oder aber durch den Tag des Jagdhorns, der am vergangenen Wochenende stattfand, in die Kassen. Neben all diesen Zusatzverdiensten sei die Zucht immer noch eine der Hauptaufgaben des Gestüts. „Wir wollen die Preise erschwinglich halten und so den Züchtern im Land den Zugang zu gutem Hengstsperma ermöglichen.“ So habe D’Olympic, ein 22-jähriger Elitehengst der Rasse Oldenburger, der seit 20 Jahren im Einsatz ist, etwa 1000 Fohlen gezeugt. Für eine Besamung erhält das Gestüt 550 Euro in MV, in anderen Bundesländern 650 Euro. Zum Vergleich: Mitbewerber wie Paul Schockemöhle nehmen für eine Besamung zwischen 800 und 2500 Euro.

Rolf Günther ist mit seinem Gestüt und der jetzigen Situation zufrieden. 60 Hektar, 37 Mitarbeiter und zehn Auszubildende. Ein Luxus, den sich Nicole Wolf in Grambow nicht leisten kann. Wenn der Hof voll ist, zum Beispiel zu den Reitferien, helfen ihr Betreuer. Fünf junge Frauen um die 16 Jahre alt. Sie führen die Kinder bei Wanderausritten, schlafen mit im Schlafsaal. „Mir ist besonders die Arbeit mit den Kindern wichtig“, sagt Wolf. Der Reitverein Gut Grambow, mit dem Wolf solche Veranstalutngen durchführt, ist einer von 258 Reitvereinen in MV, die der Landesverband für Reiten, Fahren und Voltigieren listet. Die Vereine zählen insgesamt 9128 Mitglieder, davon sind 3830 unter 18 Jahren. Der Reitverein Gut Grambow zählt mit 144 Mitgliedern zu den größten in Nordwestmecklenburg. „Jugendarbeit kann nicht groß genug geschrieben werden“, sagt Nicole Wolf. Gerade Kinder würden in MV zu kurz kommen. „Es gibt rund um Schwerin wenig Möglichkeiten, auf einem Pferd zu sitzen“, so Wolf. Sie bietet neben Reitferien und Unterrichtsstunden auch große und kleine Pferdetage an. Ihre Angebote laufen gut.

Auch Bewegungstraining für besondere Mädchen und Jungen stehen in Grambow auf dem Programm. „Ich bin keine Therapeutin, habe aber speziell ausgebildete Pferde, auf denen auch behinderte Kinder reiten können“, erklärt die 56-Jährige. Aber um mit Kindern vernünftig ausreiten zu können, fehle rund um Schwerin ein Reitwegenetz. „Es gibt ja nicht einmal öffentliche Feldwege“, mahnt Wolf. Hier müsse unbedingt was passieren.

Und noch ein Problem brennt Nicole Wolf unter den Nägeln: „Immer wieder ist die Pferdesteuer im Gespräch. Ich frage mich, was das soll. Für viele Reiterhöfe würde es das Aus bedeuten. Und die Gemeinden würden doch auch nur wirklich daran verdienen, wenn ein Reiterhof hunderte Tiere hat und besteuern muss – was ja keiner hat“, ärgert sich Wolf. Zwischen 100 und 750 Euro müsste ein Pferdebesitzer pro Tier berappen und an die zuständige Gemeinde zahlen. „Außerdem besteuert man doch auch keinen anderen Sport. Sonst können wir mit Fußball anfangen“, fügt Wolf hinzu. Dem pflichtet auch Hans-Joachim Begall, Geschäftsführer des Landesverbandes MV für Reiten, Fahren und Voltigieren, bei: „Was würden Segler, Ruderer und Kanuten sagen, wenn ihre Boote besteuert würden?“ Die Pferdesteuer würde keinen Vorteil bergen. Das hätten die Ergebnisse aus Hessen gezeigt. „Dort lösten sich Vereine auf, Reiterhöfe wurden geschlossen, Beschäftigte wurden arbeitslos, weil es Reiter und Pferdebesitzer an andere Standorte zog“, so Begall. In den betreffenden Gemeinden, wie Weißenborn im Werra-Meißner-Kreis, ginge die Anzahl der Pferde so stark zurück, so dass letztlich der Aufwand des Amtes größer wurde, als die erzielten Einnahmen durch die Pferdesteuer. „Die Gemeinden erlitten außerdem einen Imageschaden im Bereich Tourismus“, bekräftigt Begall.

Die Kosten für einen kleinen Reiterhof wären so schon hoch genug – Versicherungen, Berufsgenossenschaft, 19 Prozent Umsatzsteuer auf Reitstunden, sieben Prozent auf Futter – da bliebe nicht viel, meint Nicole Wolf. „Man kann mit Pferden ein kleines Vermögen machen, wenn man vorher ein großes hatte“, sagt die Leiterin des Ponyhofs in Grambow. Das Leben ist eben kein Ponyhof – aber manchmal, wie bei Nicole Wolf, dann eben doch. Auch wenn sie so gut wie keinen Urlaub machen kann und viel Arbeit hat, sei der Hof ihr Leben. Ihre Existenz. Ihre Berufung.



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