Pilgern in MV : „Das Leben ist ein Pilgerweg“

Bereit für den ersten Schritt: Die Pilger beim Abmarsch in Tessin
Foto:
1 von 2
Bereit für den ersten Schritt: Die Pilger beim Abmarsch in Tessin

Acht Pilger begeben sich für neun Tage in Mecklenburg-Vorpommern auf alte Pfade. Die Gründe sind sehr unterschiedlich

von
07. Juni 2016, 06:30 Uhr

Nein. Blasen hatte er vom Pilgern noch nie an den Füßen, sagt Johannes Schmitz. Das richtige Schuhwerk sei entscheidend. Dann der Rucksack – zehn Kilo höchstens – je weniger Last, desto leichter der Weg. Man braucht nicht viel für neun Tage. „Ich habe immer meinen Pilgerausweis dabei, das kleine Neue Testament, ein Kreuz und die Jacobsmuschel“, sagt Schmitz. Kleidung und Wäsche zum Wechseln, Regenschutz, Isomatte, Schlafsack, Besteck und eine Trinkflasche. Mehr nicht.

Heute kommt noch ein silberner Sonnenschirm dazu, den er an seinem Rucksack befestigt. 8.30 Uhr in Tessin bei Rostock. Schon jetzt brennt die Sonne vom Himmel.

Gemeinsam mit acht weiteren Personen will Schmitz den Weg der Heiligen Birgitta gehen. Der ist einer von vier Pilgerpfaden in Mecklenburg-Vorpommern und führt von Rügen bis nach Niedersachsen. Die Heilige Birgitta galt als eine politisch ambitionierte Frau. 1341 begab sie sich auf eine Pilgerreise von Schweden nach Santiago de Compostela. Dabei durchquerte sie auch MV. Start dieses Mal ist die Kirche in Tessin bei Rostock. Tageszeitengebete, Schweigezeiten und biblische Impulse.

Heilige Birgitta

Der heutige Birgitta-Pilgerweg beginnt in Sassnitz auf Rügen und führt über Güstrow, Schwerin und Boizenburg bis nach Roseburg in Niedersachsen. Am Wegesrand liegen Meisterwerke der Backsteingotik, das Sternberger Seenland und ehemalige Klöster. Das über 500 Jahre alte Gebäude des Pilgerklosters Tempzin dient Gästen, die das typische Pilgerleben kennen lernen wollen, mit einfachen Übernachtungsmöglichkeiten.

Länge: 400 Kilometer

„Meine Uhr ist auf dem Weg hierher stehen geblieben“, sagt Schmitz. „Ob das ein Zeichen ist?“ Der 61-Jährige pilgert nicht zum ersten Mal. „Das Leben ist ein Pilgerweg. Es geht darum, loszulassen, leer zu werden. Nicht so viele Ziele zu haben und einfach zu gucken, was kommt.“ Pilgern. Das ist nicht nur Spanien und nicht Hape Kerkeling. Pilgern bedeutet da zu sein, im Hier und Jetzt, lebendig zu sein in jedem Schritt, in jedem Atemzug, in jedem Schweißtropfen. Dann geht es los. Der erste Schritt ist immer ein besonderer. Mehr als 200    000 haben Schmitz und die anderen noch vor sich, bis sie in neun Tagen Schwerin erreichen. Bis zu 25 Kilometer sind die einzelnen Etappen lang.

Baltisch-Mitteldeutscher Weg

Derzeit ist der Baltisch-Mitteldeutsche Weg bis nach Bad Wilsnack in der Prignitz markiert. Eine Verbindung zum Pilgerweg durch Sachsen-Anhalt ist geplant. Der Weg startet in Rostock und durchquert südwärts in der Nähe Sternbergs eine der beeindruckendsten, durch die Eiszeit geprägten, Landschaften MVs. Im Freilichtmuseum Groß Raden erhalten die Pilger Einblicke in die slawische Siedlungsgeschichte.

Länge: 180 Kilometer

Pilgerführer unter: reichel.gue@freenet.de

„Ich habe großen Respekt vor dieser Herausforderung, aber ich versuche, mich ihr zu stellen“, sagt Marianne Niebert. Zum ersten Mal geht sie pilgern. Akribisch hat die 57-Jährige im Vorfeld zu Hause ihre T-Shirts mit der Küchenwaage gewogen. Bloß kein Gramm zu viel. Doch jetzt möchte sie abschalten. Kein Telefonklingeln, keine Uhr, keine Termine. „Ich fühle mich jetzt schon entspannter“, sagt sie und lacht. Als Christin wären ihr besonders die Gebete wichtig und das Hören auf sich selbst und die Natur. Wann hat man das letzte Mal bewusst wahrgenommen, wie sich Gras unter den Schuhsohlen anfühlt?

Via Baltica

Die Via Baltica ist der nördlichste Weg der Ost-West-Verbindungen, der durch Deutschland verläuft. Er liegt unweit der Ostsee und ist geprägt durch traumhafte Pfade, alte Kirchen und Begegnungen mit der Backsteingotik, insbesondre in den ehemaligen Handestädten. Der Jakobsweg ist gut geeignet für Menschen, die das Pilgern vor der Haustür und in Tagesetappen für sich entdecken möchten.

Länge: 770 Kilometer

Pilgerführer unter: www.via-baltica-verlag.de

Charakteristisch für die Wanderwege in MV sei die Vielfalt der Landschaft, sagt der Regionalbeauftragte für den Jacobsweg, Wilhelm Reichel. Gemeinsam mit Kersten Koepcke von der evangelischen Kirche begleitet er die Tour. „Städte und Naturräume wechseln sich ab und die Gastfreundschaft kann man nicht bezahlen“, sagt Reichel. Die Herbergen auf dem Weg seien einfach. Mehrmals werde die Gruppe in Gemeinderäumen mit Schlafsack und Isomatte auf dem Boden schlafen. „Es geht um diese Einfachheit. Zu Hause leben wir in Luxus“, sagt er. Im Jahr 2000 brach der Güstrower das erste Mal zum Pilgern auf. Damals sei er kurz vor dem Burnout gewesen. 14 Wochen wanderte er insgesamt am Stück – nach Rom. Eine Erleuchtung oder Ähnliches habe er nicht gehabt. „Aber das war eine wahnsinnige Erfahrung für mich.“ Jeden Tag hätte er aufs Neue um Herberge betteln müssen. „Ich habe in Klostern geschlafen, in einem Abbruchhaus, aber auch in einer öffentlichen Toilette.“

Mecklenburgische Seenplatte

Der Pilgerweg Mecklenburgische Seenplatte ist ein neuer Weg. Noch sind die Anschlüsse an die anderen Wege per Bahn zu suchen. Doch die Strecke lohnt sich. Sie führt zum Teil durch unberührte Natur, hügelige Landschaften und vorbei an an einer einmaligen Dichte von altehrwürdigen Kirchen.

Länge: 250 Kilometer

Informationen: www.pilgerweg-mecklenburgische-seenplatte.de

Am Samstag wollen die Pilger Schwerin erreichen. Dann werden sie erzählen, was sie auf ihrer Reise erlebet haben: Ruhe? Entspannung? Inneren Frieden? Oder Blasen und Rückenschmerzen? Wir werden berichten. Die ersten Schritte sind bereits gemacht. Und Reichel weiß: „Ich bin nicht der erste und nicht der letzte auf diesem Weg. Ich trete immer in Fußspuren, die schon andere hinterlassen haben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen