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Misswahlen : Das Leben der einzigen „Miss DDR“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 11:53 Uhr

Sie war die erste und die letzte „Miss DDR“, gekürt in der Umbruchzeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung: Leticia Koffke. Damals hätte sie sich nicht träumen lassen, dass dieser Sieg der Anfang ihrer ganz persönlichen Wende wird, ein Weg, der sie bis nach Mailand, New York und Istanbul führt.

19 Jahre lang hat Koffke ein alltägliches DDR-Leben in Brandenburg an der Havel. Die Mutter Krippenerzieherin, der Vater Koch. Nur ihr Vorname fällt auf, der Vater hat ihn ausgesucht. „Vielleicht lag es an der ganzen Gleichmacherei“, mutmaßt sie. „Dass sich irgendetwas unterscheiden sollte, und sei es nur der Name.“ Wenn sie sich später in der DDR unterscheidet, dann durch ihre Kleidung. Sie entwirft und näht sie selbst. Kleidung bedeutet ihr etwas. Sie trage zum Selbstbewusstsein bei, sagt sie bis heute.

Nach der Schule beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Am
9. November 1989 steht sie um 4 Uhr auf, sie hat Frühschicht als Schwesternschülerin. Abends ist sie todmüde und schläft. Ihr Freund weckt sie, als die ersten Bilder aus Berlin im Fernsehen flimmern, die Mauer ist auf, die Nation im Freudentaumel. Koffke freut sich, aber ihr Misstrauen sitzt tief. Vielleicht irgendein Irrtum und morgen ist die Grenze wieder dicht, denkt sie. Sie geht zur Frühschicht.

Erst einige Tage später fährt sie nach Berlin. Ein neugieriger Blick ins KaDeWe und in andere Kaufhäuser. Schön ist er, der Westen, denkt sie. Doch sie will die Ausbildung nicht abbrechen und rübermachen. Die Tante aus Berlin bringt einen Zeitungsartikel über eine Miss-Wahl in Brandenburg an der Havel mit. Die Mutter sagt: „So ein Quatsch.“ Koffke aber denkt an Abwechslung. Sie schneidert sich Rock und Bluse, leiht sich schwarze Pumps.

Miss-Wahlen haben Ende der 1980er-Jahre keinen guten Ruf. Die DDR-Regierung lehnte sie lange ab und setzt auf den „Held der Arbeit“. Helden müssen nicht schön sein. Erst spät gibt es kleine Zugeständnisse wie Wahlen zur „Miss Frühling“ oder „Miss Sommer“. In der Bundesrepublik laufen Feministinnen zu dieser Zeit schon Sturm gegen „Fleischbeschau“. Im Unterschied zum Glamour der 1920er- und 1950er-Jahre hängt den Wahlen in den späten 1980ern in Westdeutschland allerdings schon eine Art „Friseusen-Image“ an. Doch Ostdeutschland ist bei Miss-Wahlen völlig unverbraucht, Tausende bewerben sich. Es geht um kleine Gewinne, kleine Fluchten aus dem grauen Alltag. Vorurteile gibt es kaum. „Wer hatte denn als Ost-Frau Angst als dumm-niedliches Weibchen durchzugehen?“, fragt Koffke und lacht. An FKK gewöhnt, kommen ihr die Badeanzüge für den Auftritt züchtig vor.

Mit langen blonden Haaren und guter Figur wird sie Zweite im Landesausscheid für Brandenburg und denkt sich wenig dabei. Sie steckt mitten in der Schwesternprüfung. Als sie Mitte September 1990 zur Wahl der „Miss DDR“ nach Schwerin eingeladen wird, ist das Kleid geliehen und die Konkurrenz der Schönen groß. Dass es die DDR zwei Wochen später nicht mehr geben wird? Daran denkt sie nicht im Traum. Es gibt Wichtigeres.

Im Krankenhaus arbeitet sie in der Gerontopsychiatrie, es ist ihre erste Stelle. Sie konnte sich die Station nicht aussuchen, sieht nur alte Leute. „Einmal saß ich da im Spätdienst und dachte: Das kann doch nicht alles sein. Da muss noch was passieren.“ Nur was? Die Antwort gibt sich Koffke selbst, als sie als völlig überraschte Siegerin der Schweriner Wahl noch am Abend einen Model-Vertrag unterschreibt. Ende 1990 gewinnt sie die Wahl zur „Miss Germany“ – die erste gesamtdeutsche Siegerin seit Jahrzehnten. Ihr Bild ist in den Zeitungen. Der Titel „Miss DDR“ verschwindet so schnell wie das Land. Koffke wird Teil der bunten Glitzerwelt des Westens, sie hat Auftritte in Mailand und New York. Sie verdient gutes Geld, verliebt sich und zieht zum neuen Partner in die Nähe von Düsseldorf.

Es ist das Jahr eins nach der Wiedervereinigung – und der erste große Bruch. Koffke ist enttäuscht von den Westdeutschen. Sie findet, dass sie grundlos rumjammern, während im Osten viele Menschen ihre Arbeit verlieren. Sie stört sich an der Fixierung auf Materielles, an oberflächlichen Gesprächen. „Ich war einfach anders“, sagt sie. Sie hatte auf einen dritten Weg gehofft, darauf, dass zwei Staaten das Beste von sich zusammenwerfen und etwas Neues entsteht. Sie hätte gern ein paar Nischen aus der DDR behalten, das Gefühl, dass man nicht überall eine Maske tragen muss. Der Westen kommt ihr kalt vor.

Auch das Modeln bringt sie mit der Zeit ins Grübeln. „Es war auch oberflächlich. Da geht es nur ums Aussehen. Ich wollte aber auch was leisten im Leben.“ Zusammen mit ihrem Partner gründet Koffke im Jahr vier nach der Wiedervereinigung das Modelabel „Leticia K.“. Mit ihrer zweijährigen Tochter zieht sie für die Produktion 1998 mit nach Istanbul. Nach zwei Jahren reicht es ihr. Sie trennt sich von Partner und Firma und zieht mit ihrem Kind zurück nach Brandenburg. Dort merkt sie, dass sich die Stadt in zehn Jahren weitaus weniger verändert hat als sie selbst. Sie packt die Koffer für den zweiten Aufbruch in den Westen: Berlin. Sie fängt bei einer Juwelierkette im KaDeWe an. Seit 2007 leitet sie ein Schmuckgeschäft in Köln. Hier hat sie eine neue Heimat gefunden. Und wenn sie heute an die wichtigste Wende in ihrem Leben denkt, dann war es nicht die Miss-Wahl vor fast einem Vierteljahrhundert. Es war das Jahr 2011, in dem ihr Bruder ihr eine Niere spendete.

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