Das Leben der einfachen Griechen

<strong>Griechisches Urlaubsidyll 2012:</strong> schön und fast menschenleer. <foto>Foto: R. Sobiech</foto>
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Griechisches Urlaubsidyll 2012: schön und fast menschenleer. Foto: R. Sobiech

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14. Juni 2012, 10:41 Uhr

Korinth | Das "Land der Götter" zeigt sich in diesen Tagen von seiner Sonnenseite. Fast immer klettern die Temperaturen auf 30 Grad im Schatten. Bogoivillen und Oleander blühen um die Wette. Orangen, Zitronen und Aprikosen leuchten an den Bäumen. Es ist Erntezeit im Garten Eden. An den staubigen Straßenrändern neben den Plantagen warten die Obstbauern auf Kundschaft. 10 Kilo Apfelsinen gibt es schon für 3 Euro.

Wir halten an und lassen uns einen Beutel mit köstlichen Früchten füllen. "Germany?" fragt die Verkäuferin zielsicher. "Germany gut! You’re welcome. Aber Mrs. Merkel…" Sie zieht ihre Handkante quer am Hals entlang. Diese Geste sehen wir in den nächsten zwei Wochen noch oft, während wir selbst überall stets freundlich empfangen werden.

Unser Hotel liegt nahe Isthmia auf der größten Insel Peleponnes, etwa 75 Kilometer entfernt von Athen. Der Korinthische Golf vor unseren Füßen lockt mit glasklarem Wasser und spiegelt den Himmel in unwirklich schönem Türkisblau. Am breiten, kleinkieseligen Strand verweilen indes nur wenige Badelustige. Am großen Hotelpool und unter den Sonnenschirmen ist ebenso überschaubar. Ihre Herkunft verraten deutsche, russische, englische und französische Wortfetzen.

Ebenso wie das ganze Land durchleidet auch der griechische Tourismus gerade eine große Krise, bestätigt mir Nikos Venetsanos. Seine gemütliche Taverne liegt nur ein paar Schritte entfernt von unserem Hotel und einem benachbarten großen Campingplatz. "Früher reichten meine Stühle kaum für alle Gäste", erinnert sich der drahtige 58-Jährige. "Um Mitternacht haben sich alle bei Wein und Tanz verbrüdert und gesungen. Deutsche, Briten und Griechen. So habe ich mir Europa immer vorgestellt. Ein Haus mit offenen Fenstern und Türen. In diesem Jahr kommt kaum jemand. Habt ihr jetzt Angst vor uns?"

Ich erzähle Nikos von unseren Freunden und Bekannten, die wir in unsere Urlaubspläne eingeweiht hatten. "Seid ihr verrückt?" fragten die einen. Andere tönten: "Denen würde ich nicht einen Euro hinbringen. Was haben denn die Griechen bisher mit unseren Milliarden gemacht?" Die Schlagzeilen des Boulevard zeigen halt Wirkung.

"Ich muss morgen nach Korinth zum Einkaufen und auf die Behörde. Hast Du Lust mitzukommen?" fragt mich Nikos. "Dann lernst Du das Leben von uns einfachen Leuten kennen." Am nächsten Morgen zeigt mir Nikos erst noch seinen Garten. Auberginen, Zucchini und Bohnen wachsen prächtig . "Alles frisch für meine Gäste", sagt Nikos stolz. Während er einem Dutzend Hühner etwas Futter vorstreut, fügt er hinzu: "Es ist eine Schande, wie wir unsere Landwirtschaft in den letzten Jahren vernachlässigt haben. Wir importieren teure Lebensmittel, statt sie selbst zu produzieren und zu exportieren."

In Nikos’ 19 Jahre altem klapprigem Citroen ("Aus zweiter Hand, ich brauche kein Luxussymbol") tuckern wir die 15 Kilometer nach Korinth. Der sagenumwobene Ort galt einst als Brücke und blühender Handelsplatz. Noch heute lassen Tempelreste und mächtige Torbögen die einstige Bedeutung erahnen. Neukorinth ist mit rund 65 000 Bewohnern der Größe nach mit Neubrandenburg vergleichbar. In einem Gewerbegebiet weist Nikos auf die Zeugnisse der neuzeitlichen Katastrophe: Geschlossene Autohäuser, verwaiste Industriegebäude. Das Kabelwerk, die Bootswerft und die Spielzeugfabrik haben große Probleme, auch weil die Banken keine Kredite mehr vergeben, erfahre ich. Und weil anderswo auf der Welt halt billiger, besser, effektiver produziert wird. Und weil die Kaufkraft im Land immer mehr sinkt.

Wir fahren am Hospital vorüber. "Es ist das einzige staatliche Krankenhaus in unserer Gegend, das noch geöffnet hat", berichtet Nikos. "Es gibt lange Wartezeiten auf Arzttermine, einen Besuch in teuren Privatkliniken kann sich kaum einer leisten", fügt er hinzu. "Ich zahle jeden Monat 1200 Euro in die Kranken- und Rentenkasse. Aber die Medizin in der Apotheke muss ich selbst bezahlen, weil die Krankenkassen genau wie der Staat pleite sind. Ist das gerecht?"

Am Hafen bugsiert Nikos seinen Citroen auf einen großen Parkplatz. Ein junger Mann deutet mit fragender Geste an, ob er gegen ein kleines Entgelt auf den Oldtimer aufpassen oder wenigstens die Scheiben putzen dürfe. Nikos verneint lächelnd. Der Fragesteller erweist sich als afghanischer Flüchtling. "Ein Illegaler", sagt Nikos. "Davon haben wir viele hier. Sie versuchen, irgendwann auf den Schiffen nach Italien, Frankreich oder nach Deutschland zu kommen. Arme Teufel, die sind noch schlimmer dran als wir." Nikos berichtet von Unruhen in der Hafenstadt Patras. Mitglieder der Neofaschistischen Partei hätten zusammen mit einer aufgebrachten Menge vor ein paar Tagen versucht, Flüchtlinge aus ihrem Quartier in einer leeren Fabrikanlage zu vertreiben. Mit dem Ruf "Ausländer raus!". Bei einem Gemenge mit der Polizei habe es mehrere Verletzte und Festnahmen gegeben. Anlass sei der Tod eines griechischen Jugendlichen bei einer Messerstecherei mit drei Afghanen gewesen. Nach einem Streit um einen Hund…

Im Zentrum zeigt Nikos auf ein geräumtes Elektronikkaufhaus und eine geschlossene Bankfiliale. "Früher standen die Geschäftsleute Schlange, wenn hier mal ein Laden frei wurde", erzählt er. "Heute ist fast jeder zweite Laden leer. Es weiß ja auch keiner mehr, in welche Zukunft er investieren soll. Unser Volk wird doch zu Tode gespart, während die Milliarden aus Europa nur den internationalen Banken wieder zugute kommen."

Auch Yannis, der Obst- und Gemüsehändler, blickt sorgenvoll in die Zukunft. Sein Umsatz ist in den letzten beiden Jahren auf die Hälfte geschrumpft, höre ich. "Die Leute kaufen lieber etwas billiger im Supermarkt", klagt Yannis. Während Löhne, Gehälter und Renten sinken, bleiben die Preise ähnlich hoch wie in Deutschland. Milchprodukte sind sogar doppelt so teuer, zeigt ein Blick in die Regale. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent zur Verbesserung der Staatseinnahmen tat ein Übriges.

Die Händler versuchen sich auf ihre Weise zu wehren. Etwa so: Meine Frau will in einem kleinen Modeladen eine hübsche Jacke kaufen. Auf dem Preisschild sind 63 Euro ausgezeichnet. "Ich lasse sie Ihnen für 55 Euro", bietet die nette Inhaberin an. Meine Frau will mit ihrer Kreditkarte bezahlen. "Oh, das ist in dieser Woche nicht möglich", sagt die Inhaberin mit bedauerndem Lächeln. Ob sie auch bar bezahlen könnte und ob dann 50 Euro okay sind, fragt meine Frau. "Okay", sagt die Inhaberin. "Es wäre aber besser für mich, wenn ich nur 25 Euro auf den Bon drucke, okay?" Wir verzichten auf die Quittung. Ist das nun Beihilfe zur Steuerhinterziehung oder Beihilfe zur Notwehr gegen die nächste drohende Geschäftspleite?

"Heute streiken die Mitarbeiter der Spielcasinos bei uns und in Athen", berichtet Stavros, ein Bekannter von Nikos. "Der Kapitalismus stirbt", ist Stavros überzeugt. Der bekennende Syriza-Aktivist hofft, dass seine linke Sammelbewegung, die inzwischen den Parteistatus erhalten hat, nach der Wahl die Macht im Land übernimmt und "es bei uns wieder gerechter zugeht."

Stavros hat mit Begeisterung das Gedicht "Europa Schande" von Günter Grass gelesen, das in vielen griechischen Zeitungen veröffentlicht wurde. "Er bringt es auf den Punkt", sagt der gelernte Drucker, der seit ein paar Monaten arbeitslos ist. Das pauschale Arbeitslosengeld wurde von 461 auf 358 Euro gekürzt und wird nur ein Jahr lang ausgezahlt. Die Arbeitslosenrate im Land stieg in den letzten fünf Jahren von 8,3 auf jetzt rund 22 Prozent.

Am letzten Abend sitze ich um Mitternacht mit Vassili vor dem Hotel. Der junge Hotelangestellte erzählt: "Freunde haben mich gefragt: Warum bedienst Du diese Deutschen, die unser Land kaputt machen wollen? Ich habe ihnen geantwortet: Weil sie unsere Gäste sind und weil man Gäste immer gut behandelt. Außerdem sichern sie mit ihrem Geld auch meinen Arbeitsplatz. Und schließlich sollen sie zu Hause berichten können, dass sie bei uns mit offenen Armen empfangen wurden."

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