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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 08:53 Uhr

„Das kann ich mir nicht mehr leisten"

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erstellt am 03.Aug.2012 | 06:18 Uhr

Prignitz | Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema, hat mit ihrer angedrohten Tarifreform bundesweit Empörung ausgelöst. Veranstalter von Dorffesten, Konzerten, Clubs oder Kneipen, sprich von überall, wo Musik live oder vom Band gespielt wird, müssen demnach ab kommendem Jahr mit einer Erhöhung der Gema-Abgaben von bis zu 600 Prozent rechnen. Gegen die geplante Neuregelung der Tarife protestierten vor kurzem mehrere Tausend Menschen während eines Gema-Treffens in Berlin. Unter den Demonstranten befand sich auch Roy Hartung vom Prignitzkombinat, unter anderem verantwortlich für das Suburb-Festival in Perleberg und den Club "Aggregat".

Die Reform wäre für viele Veranstalter existenzgefährdend

"Die Gema kann diese hohen Summen unmöglich abverlangen. Dann können etliche Clubs dichtmachen und reihenweise Events nicht mehr stattfinden", befürchtet er. "Diese Reform wäre für viele existenzgefährdend." Nach den neuen Tarifen sollen Veranstalter nicht wie bisher einen jährlichen Pauschalbetrag zahlen, sondern für jede einzelne Veranstaltung eine Gebühr an den Musikrechteverwerter entrichten. Diese setzt sich aus der Quadratmeterzahl der Veranstaltungsfläche und der Höhe der Eintrittspreise zusammen.

Roy Hartung selbst wäre von der Erhöhung massiv betroffen: "Für das ,Suburb’-Festival verdoppelt sich dann die Jahresgebühr, für das ,Aggregat’ wären jährlich 1600 Euro statt derzeit 400 Euro fällig", rechnet er vor. "Das könnte ich mir nicht mehr leisten," ist er sich sicher. Gema-Sprecher Franco Walther hält dagegen: "Betroffen sind nur Veranstaltungen mit Eintrittspreisen über zehn Euro", betont er auf Nachfrage des "Prignitzers". Denn das sei das Anliegen der Gema: "Große und teure Veranstaltungen haben bisher tendenziell zu wenig bezahlt, während Events mit geringen Eintrittspreisen zu viel abgeben mussten. Das wollen wir mit der Reform ausgleichen und die Gema-Abgaben so gerechter gestalten."

Teuer werde es indes für solche Veranstaltungen, die zwar unter die Zehn-Euro-Grenze fallen, wo aber die Besucher ausbleiben. Davon betroffen wäre etwa André Berlin von der Kulturscheune in Schilde: "Die Zeiten, als noch 600 bis 800 Leute zur Ü-30-Party kamen, sind vorbei. Heute sind es nur noch 150 bis 200." Kommt die Reform zum Tragen, würde die Jahresgebühr von 3000 auf 25 000 Euro steigen. "Das bedeutet für mich, ich muss die Zahl der Veranstaltungen drastisch ’runterschrauben." Heißt im Klartext: Von derzeit jährlich rund 26 Partys in der Kulturscheune werde es künftig nur noch drei bis sieben geben.

Zehn Prozent vom Eintrittsgeld sollen an die Gema gehen

Eine andere Strategie will Nick Schröder vom "Necs Club" in Perleberg verfolgen: "Veranstaltungen gibt es bei mir zwar ohnehin nur noch sechs Mal im Jahr, aber für die gibt es dann freien Eintritt. So kann ich zwar nur an den Getränken verdienen, komme aber an den hohen Gema-Gebühren vorbei", so sein Plan. Dass das funktioniert, bestätigt auch Franco Walther: "Wird kein Eintrittsgeld fällig, bezahlt der Ver anstalter nur die Mindestvergütung." Und die betrage 22 Euro pro Veranstaltung.

Gebührenexplosionen, wie sie Roy Hartung und André Berlin befürchten, seien jedoch Ausnahmefälle, wie Franco Walther betont: "Und für die gibt es immer noch die so genannte Angemessenheitsregelung." Diese besagt, dass die Obergrenze der Gebühren bei zehn Prozent der Einnahmen des tatsächlichen Eintrittsgeldes liegt. Mehr müsse niemand bezahlen.

Die bisherige Regelung sehe jedoch nur fünf Prozent des Eintrittspreises vor, künftig werde also das Doppelte verlangt. Mit dem Geld will die Gema Musikurheber am Umsatz, der mit ihren Werken gemacht wird, beteiligen. "Aber ob es dann auch tatsächlich bei den Künstlern ankommt, ist fraglich", merkt Roy Hartung mit Blick auf die oft bemängelte Transparenz des Musikrechteverwerters an.

Eine Reform wünschten sich Politiker, Musiker und Clubbetreiber schon lange, um endlich Klarheit in den Tarif-Dschungel zu bringen. Zwar sollen die bislang elf bestehenden Tarife gegen zwei neue ausgetauscht werden, doch was die Gema plant, entspricht dann doch nicht ihren Vorstellungen. "Ich bin auf jeden Fall für eine Reform", sagt Roy Hartung. "Aber sie sollte gerechter sein." Dafür kämpft er zurzeit auch über das soziale Netzwerk Facebook.


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