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Xavier zeigt Schwächen auf : „Das ist nicht hinnehmbar“

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Aus der Onlineredaktion

Der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn kritisiert den Umgang der Bahn mit Xavier

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erstellt am 06.Okt.2017 | 20:55 Uhr

Gestrandete Züge, verärgerte Fahrgäste – die Bahn hatte mit dem Sturm „Xavier“ ihre liebe Mühe, auch noch am Tag danach. Rasmus Buchsteiner sprach mit Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn.


Herr Naumann, kann man mit dem Krisenmanagement der Deutschen Bahn während Sturm „Xavier“ zufrieden sein?

Naumann: Nein, nicht im Geringsten.


Woran hat es gehapert?

Es hat einfach an Informationen gefehlt. Als Hamburger habe ich den direkten Vergleich zwischen der Deutschen Bahn und der privaten Eisenbahngesellschaft Metronom. Dort wurde im Stundentakt informiert, was geht und was nicht.


Und wie war es bei der Deutschen Bahn?

Ich habe am Freitagmorgen um 7 Uhr den DB-Navigator geöffnet. Die letzte Aktualisierung war von 0.55 Uhr. Das ist nicht hinnehmbar. Wir haben alle Verständnis, dass kein Zugverkehr stattfinden kann, wenn Bäume auf die Schienen fallen oder Oberleitungen beschädigt werden. Und es ist auch richtig, dass man lieber gar nicht fährt, wenn nicht klar ist, wo die Bäume liegen. Da geht es um die Sicherheit der Fahrgäste. Aber man muss dann auch sauber informieren. Das ist der Bahn nicht gelungen, warum auch immer.


Man war womöglich nicht vorbereitet auf den Tag X?

Man hat offenbar keine Konzepte dafür, was im Fall von Sperrungen zu tun ist. Erforderlich ist ein genauer Überblick, welche Strecken noch frei sind und welche nicht. In vielen Fällen hätte es Ausweichstrecken gegeben, die nutzbar gewesen wären. Aber das ist kaum geschehen, unter anderem weil den Lokführern hier Streckenkenntnisse und Streckeninfos fehlten.


Wie kann es sein, dass für solche Fälle nicht das richtige Drehbuch bei der Bahn vorliegt?

Sie liegen bei der Bahn vielleicht irgendwo in der Schublade – aber viel zu tief. In den Betriebszentralen sind Kenntnisse des Gesamtnetzes nicht mehr so vorhanden wie in früheren Zeiten und wie unbedingt nötig. Welche Rückmeldungen haben Sie von gestrandeten Reisenden?
Für das vorübergehende Einstellen des Verkehrs gab es sehr wohl Verständnis. Die Bahn hat immerhin reagiert und Übernachtungszüge zur Verfügung gestellt. Aber es hat eben an verlässlichen Informationen zur Weiterreise gefehlt.


Haben die Betroffenen Anspruch auf Entschädigungen?

Ja, das haben sie. Denn bei Sturmereignissen gelten die gleichen Regelungen wie sonst auch bei Verspätungen. Wer mehr als zwei Stunden zu spät ankommt, erhält die Hälfte des Fahrpreises erstattet oder bekommt einen Hotel- oder Taxigutschein von 80 bis 100 Euro. Wir gehen davon aus, dass „Xavier“ bei der Bahn für einen Schaden mindestens in zweistelligem Millionenbereich gesorgt hat – allein wegen der zusätzlichen Ausgaben für Entschädigungen.

Fehlt es der Bahn an Einsatzkräften, die blockierte Strecken räumen können?

Schwer zu beurteilen. Dafür gibt es schon eine Menge Personal und Gerät. Die Schwierigkeit ist, schnell dorthin zu gelangen, wo geräumt werden muss. Das dauert meist Stunden. Und wenn Oberleitungen oder Signalkabel repariert werden, kommt es auch auf Sorgfalt an.


Warum ist es nicht möglich, Strecken von vorneherein weitgehend baumfrei zu halten?

Früher, im Dampflokzeitalter, gab es entlang der Gleise den sogenannten Brandschutzstreifen, um Brände durch Funkenflug zu verhindern. Die hat man wieder zuwachsen lassen. Wir müssen Natur- und Verkehrsschutz wieder in Einklang bringen. Man kann die Gefahr durch umstürzende Bäume und herabfallende Äste durch gezielten Schnitt verringern. Die Bäume in Gleisnähe würden auf geringe Höhe gestutzt und können umstürzende größere Bäume abfangen. Das muss jetzt angefangen werden!

 

Kommentar von Andreas Herholz: Xavier deckt Schwächen auf

Sieben Tote, etliche Verletzte, Millionenschäden, eine Schneise der Verwüstung und ein gewaltiges Verkehrschaos in weiten Teilen der Republik – das Sturmtief „Xavier“ hat gewirbelt. Respekt und Dank gilt den vielen Rettungskräften und Helfern für ihren mitunter lebensgefährlichen Einsatz. Vor allem bei der Bahn ging oft nichts mehr. Gut, dass der Konzern auf Nummer sicher ging und Züge aus dem Verkehr zog, um Fahrgäste nicht zu gefährden. Katastrophal allerdings sind die Krisenkommunikation und der Service für die Reisenden. Die Bahn sollte dringend prüfen, wie sie sich gegen solche Stürme besser wappnen und die Folgen professioneller bewältigen kann. Schutz der Vegetation hin, Kostenmanagement her – die großen Bahntrassen sollten nicht unmittelbar von Bäumen gesäumt werden. Es braucht ausreichend Personal und Gerät für die Räumung blockierter Strecken. Und gestrandete Kunden dürfen nicht im Stich gelassen werden. Und: Sind Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei überhaupt ausreichend für die sich häufenden außergewöhnlichen Wetterereignisse gerüstet? Das nächste Sturmtief kommt bestimmt.



 

 


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