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Mecklenburg-Vorpommern

18. August 2017 | 01:29 Uhr

"Das ist blanke Erpressung"

vom

Schwerin | Für Ingo Schlüter gibt es kein Vertun: Kellnern, kochen, putzen für knapp mehr als fünf Euro die Stunde, Wache schieben für weniger als fünf Euro, acht Stunden am Tag in Call-Centern telefonieren für sechs Euro die Stunde - "das ist blanke Erpressung", meint der Landesvize des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Seit die Arbeitsmarktreformen vor sechs Jahren durchgedrückt wurden, haben Geringverdiener nichts mehr zu lachen. Die Verschärfung der Zumutbarkeitskriterien würden immer mehr Beschäftigte in eine Erpressungssituation treiben, in der sie auch schlechtbezahlte Arbeit annehmen müssten, um Hartz-IV zu entgehen, meinte Schlüter. "Die Waffenungleichheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat sich weiter verschärft."

Zehntausende in MV bekommen das täglich zu spüren. Einer DGB-Studie zufolge hat im Nordosten der Anteil der Vollzeitbeschäftigten mit Niedriglöhnen in den vergangenen zehn Jahren immer weiter zugenommen. 2009 arbeitete von den 375 400 sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten schon fast jeder Vierte für einen Monatslohn von weniger als 1367 Euro, ermittelten die DGB-Analysten - im Jahr 2000 waren es 20 Prozent. Vor allem Frauen: "Der Niedriglohn ist weiblich", urteilen die Studienautoren. Jede dritte vollzeitbeschäftigte Frau in MV arbeite für einen Niedriglohn, bei den Männern sind es nur 16,6 Prozent.

Und es werden mehr. Deutschland auf dem Weg in die Niedriglohn-Gesellschaft: Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Niedriglohnjobs bundesweit einen neuen Höhepunkt erreicht. 22,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten arbeiteten im Niedriglohnsektor, ermittelte die Bundesagentur für Arbeit - 4,6 Millionen Menschen erhalten weniger als 1800 Euro Brutto. Besonders prekär: Im Gastgewerbe und bei den Haushaltshilfen sind Dumpinglöhne nahezu der Normalfall. Drei von vier Vollzeitangestellten arbeiten für Löhne unterhalb der Niedriglohngrenze.

Ebbe in der Lohntüte: Für Millionen Beschäftigte in Deutschland reicht der Lohn nach einem Acht-Stunden-Tag kaum, um sich und die Familie ernähren zu können. So ermittelte das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, dass fast 3,6 Millionen Beschäftigte in Deutschland 2009 für weniger als 7 Euro brutto pro Stunde arbeiteten - gut elf Prozent aller Beschäftigten. Für mehr als 1,2 Millionen fällt der Stundenlohn noch geringer aus - unter als 5 Euro. Wirtschaftsaufschwung zu Lasten der Mitarbeiter: Inzwischen hätten viele Unternehmer in MV ergänzende Hartz-Leistungen in ihr Geschäftsmodell eingerechnet, meinte Schlüter. Es liege an den Unternehmern selbst, sich den schwarzen Schafen in ihren Reihen anzunehmen und gegen die Schmutzkonkurrenz vorzugehen. Für Arbeitgeber sei es Zeit umzudenken, meinte Schlüter. In den vergangenen Jahren hätten sich Arbeitgeberverbände gern als Fluchthelferorganisation für jene Mitgliedsfirmen verstanden, die aus Tarifregelungen aussteigen wollten. Wie im Bündnis für Arbeit vereinbart müsse aber wieder die tarifliche Entlohnung in den Mittelpunkt gestellt werden.

Wachstum auf Kosten der Steuerzahler: Um ein Auskommen zu sichern mussten allein die 16 565 Bedarfsgemeinschaften in MV mit sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Beschäftigten zu ihrem Lohn mit zusätzlich rund 110 Millionen Euro aus der öffentlichen Kasse unterstützt werden. "Die Aufstockung der Niedriglöhne durch Hartz-IV-Zahlungen stellt eine staatliche Subventionierung von Billiglöhnen und damit eine Erhöhung der Gewinne für die betroffenen Unternehmen zu Lasten der Steuerzahler dar", urteilten die DGB-Studienautoren.

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erstellt am 15.Dez.2011 | 10:22 Uhr

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