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Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 05:42 Uhr

Das Haus am See

vom

svz.de von
erstellt am 04.Sep.2013 | 11:39 Uhr

Michael Greiner, ein großer, durchtrainierter Mann, betritt den Gemeinschaftsraum. Beim äußerst kräftigen Händedruck fragt er: "Darf ich Ihnen ein Wasser anbieten?" - und schnell stehen zwei Gläser und eine Flasche Mineralwasser auf dem Tisch. Eine völlig alltägliche Szene in einer fremden Umgebung.

Greiner ist Bewohner des neuen Hauses für Sicherungsverwahrte in der Justizvollzugsanstalt Bützow in Mecklenburg-Vorpommern und gilt als gefährlicher Straftäter. Seit Anfang Juni sind hier acht Männer untergebracht, von denen die Gerichte überzeugt sind, dass sie eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

Aktuell wohnen in dem zweistöckigen Appartementhaus in typisch norddeutschem Rotbraun fünf verurteilte Sexual- und drei Gewalttäter.

Nach Verbüßung ihrer Haftstrafe waren sie zunächst im Waldecker Gefängnis. Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2011 die Regelungen zur Sicherungsverwahrung für verfassungswidrig erklärt hatte, wurde für rund elf Millionen Euro in dem insgesamt mehr als zehn Hektar großen JVA-Komplex das neue Gebäude errichtet.

"Das Haus ist für 20 Verwahrte ausgelegt, in jeder der 20 Quadratmeter großen Wohnungen ist ein bisschen Privatsphäre möglich", sagt JVA-Sprecher Jens Kötz. Die große Terrassentür mit Zugang zum weitläufigen Rasengelände mit See täuscht. Die Tür aus robustem Panzerglas wird ebenso wie die Eingangstür am Abend verschlossen, vor dem Fenster sind Gitter. "Nachts muss die Wohnung ausbruchssicher sein", betont Kötz.

Sicherungsverwahrte verbüßen keine Strafe, sondern werden wegen ihrer hohen Gefährlichkeit von der Allgemeinheit ferngehalten, sagt die Justizministerin Mecklenburg-Vorpommerns, Uta-Maria Kuder (CDU). Sie ist zufrieden, dass mit der raschen Umsetzung der Vorgaben aus Karlsruhe kein Straftäter aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden musste. "Der Schutz der Bevölkerung ist mir persönlich sehr wichtig."

Und das kostet: Ein Tag in einer normalen Justizvollzugsanstalt kostet pro Häftling durchschnittlich 118 Euro, für einen Verwahrten werden derzeit 260 Euro veranschlagt. Ob es dabei bleibt, werde sich erst künftig erweisen, heißt es aus dem Ministerium in Schwerin.

Von seinen über 40 Lebensjahren hat Greiner mehr als 20 im Knast verbracht, wegen Gewalttaten und eines Ausbruchs. Nach einem bewaffneten Banküberfall 2006 sah ein Gericht die rote Linie überschritten und verurteilte ihn zu knapp vier Jahren Haft - mit Sicherungsverwahrung. Das will Greiner nicht akzeptieren. "Ich bin doch kein Sexgangster oder Lebenslänglicher", beklagt er sich über die Richter, "die Götter in Schwarz", die ihm bitter Unrecht getan hätten, wie er findet.

"Ich habe denen im Gericht die Meinung gesagt, das war mein Fehler." Verbiegen lassen will er sich nicht, auch nicht an die Spielregeln in Bützow halten. "Ich werde mich nie in das System einfügen, und wenn ich dran verrecken muss - tut mir leid." Greiner sagt, er wäre schon lange draußen, wenn er die Regeln der Gesellschaft einhielte, und fügt hinzu: "Das ist ganz schön Hardcore."

Stefan Brietzke ist einer von drei Psychologen, die sich um die acht Verwahrten kümmern. "Ein sehr guter Schlüssel", sagt er, wissend, dass das Haus für bis zu 20 Verwahrte bei gleicher Psychologenzahl ausgelegt ist. "Unsere Klienten richten sich hier gerade ein", berichtet er. Es gehe darum, ein Klima zu schaffen, in dem die Männer bereit seien, ihre Probleme zu erkennen und etwas verändern zu wollen. Ein erster Prozess, der wohl ein halbes Jahr in Anspruch nehmen wird.

Greiner ist noch lange nicht an diesem Punkt, im Appartement mit Tür zur Außenanlage stehen noch unausgepackte Kartons. Alles wirkt ein wenig schmuddelig, wie bei jemandem, der auf der Durchreise ist.

Das Bett ist nicht gemacht, ein voller Aschenbecher steht auf dem Tisch. Wie jeder Bewohner hat auch Greiner eine kleine Küche, das Regal ist übervoll mit Gewürzen. Fernseher und Radio stehen da - laut Verfassungsgericht muss es bei der Unterbringung einen deutlichen Unterschied zum normalen Vollzug geben.

So hat jeder ein Telefon, mit dem er auf eigene Kosten nach außen telefonieren kann. Der Empfang von Gesprächen jedoch ist nicht möglich. Auch eine behindertengerechte Dusche gehört zur Einrichtung - der Staat muss damit rechnen, dass ein Teil der Männer für den Rest des Lebens hier-bleibt.

Die Sicherungsverwahrung ist aus dem Rechtssystem ohne ernsthafte Zweifel nicht wegzudenken, betont der Vorsitzende Richter am Landgericht Rostock, Peter Goebels. "Die Allgemeinheit muss vor potenziellen Tätern geschützt werden, das ist gar keine Frage für mich." Dies gelte insbesondere bei manchen Sexualstraftätern, die mit derzeitigen Mitteln nicht therapierbar seien.

Goebels hat bereits zweimal die Sicherungsverwahrung ausgesprochen. Allerdings müsse jede Therapiechance ausgenutzt werden, betont er. "Es wird genau darauf geschaut, was an Therapie angeboten wird." Werde zu wenig getan, könnten die Männer ihre Entlassung erzwingen, auch wenn eine Gefährdung durch sie nicht ausgeschlossen werden könne. Dass die Sicherungsverwahrung unter Juristen heftig umstritten ist, zeigt die Haltung der Rostocker Anwältin Beate Falkenberg vom Vorstand des Landes-Strafverteidigervereins. "Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, dass ein Gefangener wieder rückfällig wird, die Sicherungsverwahrung gehört abgeschafft", sagt sie.

Die Anwältin hält es für rechtswidrig, aus Angst davor, dass ein Einzelner rückfällig werden kann, die anderen für sehr lange Zeit wegzusperren. "Das Prinzip ,Im Zweifel für den Angeklagten’ wird ins Gegenteil verkehrt", betont Falkenberg. Sie kritisiert auch, dass es zwischen Sicherungsverwahrten und den anderen Gefangenen in Bützow keinen Kontakt gibt. "Innerhalb des Gefängnisses noch mal isoliert, ist doch doppelt bestraft."

Beim Bützower Bau haben die Justizbehörden scheinbar an alles gedacht. Neben den perfekt eingerichteten Appartements gibt es eine Werkstatt, Therapieräume, Besucherräume, in denen auch mal Gäste mit den Insassen einige Stunden am Tag ungestört sein können, sowie ein weitläufiges Außengelände mit Gartenflächen, Sportplatz und einem kleinen See. Den hat Greiner entkrautet und 50 Aale eingesetzt. Hier ist er häufig zu finden. Der See ist sein Rückzugsort, dort ist auch Platz und Zeit für Gespräche mit dem Personal.

Neben den drei Psychologen kümmern sich zwei Sozialpädagogen und die 17 Mitarbeiter im Allgemeinen Vollzugsdienst um die Männer. Jeder Mitarbeiter ist in die Therapie eingebunden. "Das Klima ist aufgeschlossener als im normalen Vollzug, es geht schon bei der Ansprache los", berichtet die Vollzugsbeamtin Doris Neumann. Die Leute wissen, dass sie eine lange Zeit hier sind, dass man sich um sie bemüht. Die meisten hätten sich auf das neue Haus gefreut, glaubt Doris Neumann.

Die acht Männer, die sich tagsüber gegenseitig besuchen können, seien eine schwierige Klientel, sagt Brietzke. Alles, was sie bisher gemacht und gelernt hätten, habe nicht zum Erfolg geführt. "Alkohol, Gewalt - sie sind gescheitert, darum sind sie hier." In einem mehrjährigen Prozess sollen sie lernen umzudenken. "Wir wollen Lust auf Freiheit vermitteln - Freunde, Arbeit oder auch den Sonnenuntergang am Strand." Jetzt komme es auf sie selbst an, keiner könne sagen, die Bedingungen seien schlecht.

Die Verwahrten wissen, dass sie ohne Therapie hierbleiben werden. Aber hier kennen sie die Regeln, es gibt eine gewisse Versorgungsmentalität. "Unser Auftrag ist die Behandlung und nicht, mit in die Resignation zu gehen", erklärt Brietzke. "Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Verwahrten irgendwann entlassen wird und dass die Therapie wirksam ist." Nötig sind dazu der Aufbau von Tagesstrukturen, das Heranführen an Arbeit und die Entwicklung von sozialen Umgangsformen.

Brietzke geht von mindestens sieben Jahren aus, bis Gutachter grünes Licht für die Entlassung eines Verwahrten geben können. Jährlich muss geprüft werden, ob die Verwahrung nicht ausgesetzt oder für erledigt zu erklären ist. "Kurzfristige Erfolge erwartet niemand." Es werde aber einige geben, bei denen die derzeitigen Therapiemittel nicht ausreichen.

Niemand weiß, ob und wann Greiner dem Haus den Rücken kehren kann. "Ich verlasse Deutschland und lege die Staatsbürgerschaft ab, wenn ich entlassen werde", sagt er. "Ich weiß nicht, warum ich immer Gewalt und Schläge androhen muss, um meine Interessen hier durchzusetzen." Trotz der Wut gegen Mitverwahrte, Personal und Staat sagt er: "Es ist traurig, richtig traurig."

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