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Barack Obama: getöteter schwarzer Teenager : "Das hätte ich sein können"

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Knapp eine Woche nach dem Prozess um den getöteten schwarzen Teenager Trayvon Martin hat sich US-Präsident Barack Obama überraschend zu dem Fall geäußert. "Das hätte ich sein können"

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2013 | 07:14 Uhr

Knapp eine Woche nach dem Prozess um den getöteten schwarzen Teenager Trayvon Martin hat sich US-Präsident Barack Obama überraschend zu dem Fall geäußert. Afroamerikaner erfülle der umstrittene Freispruch des Todesschützen George Zimmerman auch deshalb mit Schmerz, weil sie selbst eine "Reihe von Erfahrungen" gemacht hätten, sagte Obama am Freitag im Weißen Haus. Schwarze Männer in den USA seien es gewohnt, dass man sich vor ihnen fürchte, sagte der erste dunkelhäutige Präsident der Vereinigten Staaten. Nur wenige Afroamerikaner hätten noch nicht selbst erlebt, dass Frauen nervös ihre Handtasche umklammerten und die Luft anhielten, wenn ein Schwarzer in der Nähe sei.

Vor seiner Wahl zum Senator des US-Staats Illinois habe Obama selbst erlebt, wie Autofahrer in seiner Nähe ihre Türen verriegelten. Schwarze Jungen würden häufig über einen Kamm geschoren. Den Angehörigen Trayvon Martins, der im Februar 2012 in einer Auseinandersetzung erschossen wurde, drückte Obama sein Mitgefühl und das seiner Frau Michelle aus. "Ich kann mir nur vorstellen, was sie gerade durchmachen, und es ist bemerkenswert, wie sie damit umgegangen sind." Über den getöteten Teenager sagte er: "Das hätte ich vor 35 Jahren sein können." Der umstrittene Prozess sei aber professionell abgelaufen und an dem Urteil sei nicht zu rütteln.

Demonstranten forderten am Wochenende in mehr als 100 US-Städten "Gerechtigkeit für Trayvon". Bei den von einer Bürgerrechtsbewegung organisierten Kundgebungen verlangten vor allem Schwarze eine neue Anklage gegen den Todesschützen. Sängerin Beyoncé und Rapper Jay-Z schlossen sich in New York City den Forderungen an. Die Mutter des getöteten Teenagers, Sybrina Fulton, machte deutlich: "Heute war es mein Sohn, morgen könnte es Eurer sein."

Kommentar: Thomas J. Spang
Lange hat er geschwiegen. Zu lange für den Geschmack leidenschaftlicher Gemüter, die im Fall Trayvon Martin nach dem Freispruch George Zimmermans auf eine promptere Reaktion des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus gehofft hatten. Barack Obama beließ es zunächst bei einer schriftlichen Stellungnahme, die zu Ruhe mahnte. Und dachte nach. Wohlwissend um die Fallstricke, die beim emotionalen Thema der Rassenbeziehungen in den USA überall ausgelegt sind. Er verwarf die Idee, mit großer Fanfare eine Grundsatz-Rede anzukündigen, die falsche Erwartungen geweckt hätte. Stattdessen schlich Obama nun unangekündigt in den engen Briefing-Raum des Weißen Hauses. Der Präsident wartete den richtigen Zeitpunkt ab.


Der Sohn eines Kenianers und einer Weißen aus Kansas sprach genau eine Woche nach dem Urteil und vor dem Auftakt eines landesweiten Protest-Sommers der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Statt sich mit klugen Worten am Grundsätzlichen zu versuchen, trat Obama als schwarzer Mann vor die Presse. Mit starken Worten öffnete er den nicht-weißen Amerikanern die Augen, was es heißt, als schwarzer Mann in den USA groß zu werden. Dafür schlüpfte er in die Schuhe Trayvon Martins. Seht her, das hätte ich vor 35 Jahren sein können. Die Insignien präsidentieller Macht optisch im Hintergrund verstärkten die Beispiele, die Obama von seinem eigenen Großwerden in Amerika teilte.
Der Präsident verzichtet bewusst darauf, Öl ins Feuer ethnischer Leidenschaften zu gießen oder sich in die Unabhängigkeit der Justiz einzumischen. Er macht etwas viel Effektiveres. Obama sensibilisiert und therapiert die Nation mit Empathie. Anteilnahme ist ein kraftvolles Instrument, Wandel zu beeinflussen. Darum ging es Obama in den 20 wichtigsten Minuten seiner zweiten Amtszeit.

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