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Vogelpest in Schwanheide : Das große Töten beginnt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verdacht auf den H5N8-Virus in Schwanheider Betrieb mit 106.000 Legehennen hat sich bestätigt.

svz.de von
erstellt am 31.Jan.2017 | 20:45 Uhr

Solch ein Medieninteresse hat Schwanheide noch nicht erlebt. Früher war hier die Welt zu Ende, zumindest die DDR. Auf dem Bahnhof Schwanheide bei Boizenburg wurden alle Züge kontrolliert, bevor sie in den Westen Richtung Hamburg weiterfahren durften. An diesem schmutziggrauen Dienstag laufen zahlreiche Journalisten wie aufgeschreckte Hühner vor der großen Geflügelanlage fast am Ortsende umher und warten darauf, dass endlich etwas passiert. Schließlich ist hier in der Nacht zuvor der größte Fall von Geflügelpest in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt worden. Alle 106  000 Legehennen des Betriebes müssen nun getötet werden.

Irgendwann fährt der Besitzer der Anlage, Dirk Robbe aus Voltlage in Niedersachsen, auf das Gelände, lehnt aber jedes Gespräch mit den Medienvertretern ab. Etwa zeitgleich fahren zwei Lastkraftwagen mit Gasbehältern durch das Betriebstor.

Lkw mit Gas fahren auf das Gelände.
Lkw mit Gas fahren auf das Gelände. Foto: Jens Büttner
 

„Die Legehennen werden heute und morgen mit Kohlendioxid getötet“, bestätigt Olav Henschel, der Amtstierarzt des Landkreises Ludwigslust-Parchim (LUP), den vermuteten Zusammenhang. „Kohlendioxid wird sonst bei den Tieren oft als Betäubungsmittel verwendet.“ Doch heute geht es den armen Hühnern damit richtig an den Kragen.

Ein wirklich schönes Leben hatten sie zuvor nicht. Sie durften auch ohne die seit dem Ausbruch der Vogelgrippe verhängte Stallpflicht niemals ans Tageslicht. Stellt sich also die Frage, wie sich die abgeschotteten Tiere überhaupt anstecken konnten. Seit Sonntag war die Sterberate so immens gestiegen, dass der Besitzer den Tierarzt informierte und Proben entnommen wurden. „Wie und wann sich die Hühner angesteckt haben, versuchen die Mitarbeiter des Friedrich-Löffler-Institutes mit ihren epidemiologischen Untersuchungen herauszufinden“, erläutert Olav Henschel. Der erste ist am frühen Dienstagnachmittag bereits eingetroffen, weitere werden folgen. „Es ist aber die Frage, ob sie das jemals herausbekommen werden“, meint der Tierarzt. Er selbst beaufsichtigt zusammen mit zwei Kollegen die Tötung der Legehennen durch eine Spezialfirma sowie den Abtransport der toten Hühner und die anschließende Desinfektion des Betriebes.

Die Geflügel-Anlage liegt auf beiden Seiten der Straße, die durch Schwanheide führt.
Die Geflügel-Anlage liegt auf beiden Seiten der Straße, die durch Schwanheide führt. Foto: Katja Frick
 

„Na das Virus kann mit den Straßenschuhen hereingetragen worden sein oder durch die Belüftungsanlage hinein gesogen“, weiß Helga Steckmann, die mit ihrer Nachbarin genauso wie andere Schwanheider die Vorgänge am Gartenzaun verfolgt. Sie muss es wissen, denn die ältere Dame war 40 Jahre lang Hauptbuchhalterin der Geflügelfarm auf demselben Gelände, die in der DDR zur ehemaligen LPG gehörte. Außerdem war sie auch noch die Frau des LPG-Vorsitzenden.

„Wir hatten damals immer eine Seuchenschleuse“, erzählt Helga Steckmann und man hört leise Kritik heraus. „Unsere Mitarbeiter mussten sich davor jeden Morgen vollständig entkleiden, dann desinfizieren und danach zogen sie drinnen ihre Arbeitskleidung an.“ 2003 verkaufte der LPG-Nachfolgebetrieb „Geflügelhof Schwanheide“ die Anlage an Dirk Robbe.

Vor ungefähr 14 Tagen habe eine auffällig große Kolonie von wilden Schwänen in Schwanheide Rast gemacht, wissen Helga Steckmann und ihre Nachbarin noch zu berichten. Vielleicht brachten diese Vögel das H5N8-Virus mit?

Stichwort: Geflügelpest und Vogelgrippe

Geflügelpest, Vogelgrippe, Hühnerinfluenza – die Tierseuche hat mehrere Namen. Der historisch entstandene Begriff Geflügelpest unterstreicht die Schwere der Krankheit - „Pest“ steht umgangssprachlich für einen Seuchenzug mit zahlreichen Todesfällen, unabhängig vom Erreger. Da die Erreger der klassischen Geflügelpest Grippeviren sind, haben sich die Tiermediziner international auf die Bezeichnung Aviäre Influenza geeinigt, übersetzt „Vogelgrippe“.

Bei der Aviären Influenza unterscheiden die Fachleute schwach-, mittel- und hochpathogene (krank machende) Erreger. Die Viren enthalten auf ihrer Oberfläche Eiweiße, die mit der Abkürzung H (Hämagglutinin) und N (Neuraminidase) bezeichnet werden. Es gibt 16 H-Subtypen und 9 N-Subtypen. Je nach der Kombination dieser Stoffe in der Hülle des Virus entstehen Namen wie H5N8.

Wasservögel sind die natürlichen Wirte solcher Erreger. Sie erkranken gewöhnlich kaum. Bei Hühnern, Puten und Gänsen mutierten die Viren der Subtypen H5 und H7 dagegen zu hochansteckenden Formen.

Verschiedene Vogelgrippe-Viren sind nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit bei sehr intensivem Kontakt auch für Menschen gefährlich. Übertragungen von Mensch zu Mensch sind nur in seltenen Einzelfällen beschrieben worden.

Der jetzige Betreiber der Anlage sei jedenfalls niemals in irgendeiner Hinsicht negativ auffällig geworden, meint Amtstierarzt Olav Henschel. Es mussten übrigens auch die Eier, die seit dem vermuteten Ansteckungs-Zeitpunkt von den Hennen gelegt wurden, zurückgerufen werden.

Heute wird mit dem Abtransport der getöteten Hühner begonnen und dann wird die gesamte Anlage desinfiziert. 21 Tage nach Ende der Feinreinigung, einer Schlussdesinfektion und der Aufhebung der Schutzmaßnahmen kann die Anlage wieder mit neuen Hühnern belegt werden.

„Um die Anlage von Schwanheide gibt es jetzt einen Sperrbezirk von drei Kilometern und einen Beobachtungsbezirk von zehn Kilometern“, erklärt Andreas Bonin, der Pressesprecher des Landkreises LUP. Die in diesen Bezirken einzuhaltenden Maßnahmen können auf der Website des Landkreises eingesehen werden. Dort gibt es auch eine interaktive Karte, in der man seine Adresse eingeben kann, um herauszufinden, ob man in einem der Bezirke wohnt.

Auf jeden Fall ist im Sperrbezirk der Transport von und der Handel mit Geflügel und auch Geflügelprodukten verboten, Hunde müssen angeleint werden und auch Katzen dürfen nicht frei herum laufen. „Weil die Gefahr besteht, dass die Vierbeiner an Aaas gehen und so die Vogelgrippe weitertragen“, informiert Andreas Bonin.

Wenn Halter tote Tiere in ihrem Bestand finden, können sie sich an die Veterinärämter der Landkreise wenden oder auch einfach die 115 anrufen und sich von dort weiterleiten lassen.

 

Zwölf Wochen Stallpflicht – wie geht es weiter?

Die Vogelgrippe zwingt seit fast drei Monaten Hausgeflügel in vielen Regionen Europas in die Ställe. Vor allem im Norden Deutschlands schauen Erzeuger von Freilandeiern gebannt auf die erste Februarwoche. In diesen Tagen endet in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein die Zwölf-Wochen-Frist, in der Eier noch als Freilandeier verkauft werden dürfen, obwohl die Hennen im Stall bleiben müssen. Die beiden norddeutschen Bundesländer waren die ersten, in denen landesweit eine Stallpflicht angeordnet wurde. Andere Länder und Landkreise folgten. Von der Geflügelpest verschont blieb bisher nur das Saarland.

Viele Halter von Freilandhennen sind verzweifelt. Nur Bio-Betriebe haben das Problem nicht, Bio-Eier bleiben bio. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil der Freilandeier mit 48 Prozent überdurchschnittlich hoch. „Wir sind in großer Not“, sagte Marlies Grünwoldt, Chefin der Pisedeer Marken-Ei GmbH bei Malchin (Mecklenburgische Seenplatte), einem 100 Jahre alten Familienbetrieb mit 25 Angestellten. Sie befürchtet, im Februar keine Eier mehr verkaufen zu können, denn sie sei im Handel nicht mit Eiern aus Bodenhaltung gelistet – und sie bekomme auf die Schnelle gar keine Verpackungen für Bodeneier. Auch wäre die finanzielle Einbuße nicht zu verkraften. Für ein Ei aus Bodenhaltung gibt es 3 bis 5 Cent weniger als für Freilandeier. „Uns trifft es hart, obwohl wir hier gar keine Vogelgrippe haben.“

 Um die Betriebe mit Freiland-Legehennen zu retten, ist jetzt die Politik gefragt. Der Konflikt zwischen Tierseuchenrecht und EU-Vermarktungsnorm müsse in Brüssel gelöst werden, so der Präsident  der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke. Die Verbraucher wollten Freilandeier, dieser Trend sollte nicht unterbrochen werden, warnte Ripke. 

Im Handel gibt es offenbar noch kein Konzept für das Ende der Freilandeier. „Diese Situation gab es noch nicht“, sagte der Sprecher einer großen Handelskette. Sollten die Freilandeier weniger werden, werde der Verbraucher zuerst zu Bio-Eiern greifen, dann zu Eiern aus Bodenhaltung. „Unterm Strich wird der deutsche Verbraucher nicht auf Eier verzichten“, sagte er. Richtig deklariert müssten die Eier jedoch sein.

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