Insekten auf dem Vormarsch : Das große Krabbeln

Eichenprozessionsspinner
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Eichenprozessionsspinner

Insekten sind nicht immer Schädlinge – der Mensch selbst hat die Bedingungen dafür geschaffen, dass sie für ihn zur Plage werden.

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20. Juli 2014, 08:30 Uhr

Die Invasion hat begonnen: Milliarden von ihnen ziehen durch Deutschland – in Baden-Württemberg der achtzähnige Fichtenborkenkäfer, in Bayern und Nordrhein-Westfalen der asiatische Laubholzbockkäfer, der bei Obstbauern die Sorgen wachsen lässt – eingeschleppt durch Bau- und Verpackungsholz. In Mecklenburg-Vorpommerns, vor allem aber in Berlins Schlafzimmern macht sich die Bettwanze wieder breit – hungrig auf Blut und nicht wählerisch. Ob in Luxusherbergen, Villen oder Wagenburgen – bei Schädlingsbekämpfern steigen bundesweit die Auftragszahlen: „Dramatisch“, meint Kai Gloyna, Entomologe im Landesgesundheitsamt in Rostock. In vergangenen Jahren habe es zwei, drei Fälle in MV gegeben, inzwischen würden es immer mehr werden.

Von Südwestdeutschland bis Mecklenburg-Vorpommern sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners mit ihren gefährlichen Brennhaaren nicht zu stoppen. Dazu krabbelt der asiatische Marienkäfer durchs Land, der den heimischen immer stärker verdrängt. Die asiatische Buschmücke macht der Gemeinen Hausmücke in Deutschland Konkurrenz und schleppt möglicherweise bislang hierzulande nicht auftretende Krankheiten ein.

Die Insektenfamilie hat Ausgang – in Deutschland hat das große Krabbeln begonnen. „Das ist das Jahrhundert der Insekten“, beobachtet Pflanzenschutzexperte Joachim Vietinghoff vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (Lallf) in Rostock. Für die artenreichste Klasse der Tiere sind die Bedingungen günstig.

In „Veränderungen der Umwelt“, sieht Margit Bemmann, Waldschutz-Expertin der Landesforstanstalt, einen Grund: „Mikroorganismen, Insekten und Pilze sind Anzeiger dafür“, die sich immer weiter ausbreiten – aus dem mediterranen Raum gen Norden.
Es habe schon immer Phasen der Massenvermehrung gegeben, meint der Rostocker Entomologe Gloyna - es gebe ein permanentes Entstehen und Zergehen von Arten. In den 50ern, in den 80ern – immer mal wieder machte sich der Eichenprozessionsspinner über die Laubbäume her. Und doch sieht Gloyna Veränderungen: „Der Eichenprozessionsspinner ist nach einigen Jahren nicht mehr weg.“


Die Auswirkungen des Insektenmarsches auf Deutschland sind längst spürbar – Schäden in der Wirtschaft, Gesundheitsgefahren für die Menschen. In Südmecklenburg beispielsweise: Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sorgen in einer ganzen Region für Angst. Ihre Brennhaare können bei Berührung zu heftigen Hautreaktionen führen, zu Entzündungen der Augenbindehaut oder der Luftwege, zu allergischen Schockreaktionen. Die Ausbreitung des Schmetterlings habe „beängstigende“ Ausmaße angenommen, stellte das Land fest. Mehr als 100 Krankheitsfälle haben die Gesundheitsbehörden in einigen Jahren gezählt. „Nur die Spitze des Eisberges“, heißt es. In einem Ort im Landkreis Ludwigslust-Parchim waren so gut wie alle Bewohner erkrankt. Mütter ließen ihre Kinder inzwischen nicht auf Spielplätze, an denen Eichen stünden. In Dörfern, in denen die Gemeinden nicht konsequent genug gegen die Spinner vorgehen, fällt das Training der Hobbykicker aus oder wird in die Halle verlagert.

Der Spinnerzug ist nicht zu stoppen – der der Asiatischen Buschmücke auch nicht. Für Forscher ist es inzwischen nur eine Frage der Zeit, dass sie sich in Deutschland festsetzt. Die Mücke mit den geringelten Mustern an den Beinen kann möglicherweise bislang in Deutschland nicht auftretende Krankheiten wie das West-Nil-Fieber, das Dengue-Fieber oder das Chikungunya-Fieber übertragen. Diese Erkrankungen sind gefährlich für den Menschen.


Längst sind auch die Zecken zurück. In diesem Jahr seien bislang erheblich mehr Borreliose-Fälle nach Zeckenbissen gemeldet worden als im Vorjahr, teilt das Landesgesundheitsamt mit - 266 Infektionen bis Ende Mai. Im vergangenen Jahr waren zum gleichen Zeitpunkt 166 Menschen erkrankt. „Die Zahlen gehen immer weiter nach oben“, beobachtet Gloyna.


Die Gefahr wird vorerst bleiben: Längst hätten Insekten Resistenzen gegen Schädlingsbekämpfungsmittel entwickelt. Das schränke den Einsatz von bestimmten Wirkstoffen stark ein, meint Gloyna. Vor allem aber hätten die Menschen die Insekten selbst eingeladen, sich in ihrem Umfeld massenhaft anzusiedeln. Veränderte Landschaftsbedingungen, nachwachsende Rohstoffe en masse: „Ein Paradies für den Maiswurzelbohrer und Rapsglanzkäfer“, meint Gloyna. Dazu der globale Handel, der immer häufiger ferne Insekten auf der Erde verteilt.

Nur: Insekten sind nicht per se Schädlinge, wir machen sie dazu. Wenn für die Insekten entsprechende Bedingungen gegeben seien, machten sie nur ihren Job, so der Entomologe.

Ohne Gegenwehr wird es dennoch nicht gehen. Ob Eichenprozessionsspinner oder Zecken: Wenn die öffentliche Gesundheit gefährdet sei, müsse gegen Insekten vorgegangen werden. „Eine Gratwanderung“, meint Gloyna – zwischen Schutz der Insektenvielfalt und den gesundheitlichen Auswirkungen für die Menschen. Mücken, Spinner, Motten und Co werden sich nicht vertreiben lassen. „Wir leben nicht allein auf dieser Welt“, mahnt Gloyna. „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“

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