25 Jahre, 25 Köpfe : Das größte Wunder

Für Ex-Kultusministerin Regine Marquardt war die Wende ein unvergessliches Erlebnis.
Für Ex-Kultusministerin Regine Marquardt war die Wende ein unvergessliches Erlebnis.

Regine Marquardt verteidigt auch heute noch umstrittene Entscheidung im Ministeramt

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02. Juni 2015, 12:00 Uhr

Nach ihren Gedanken an die Wendezeit befragt, wird die sonst eher leise und nachdenklich wirkende Regine Marquardt nahezu euphorisch. „Die Wende war im besten Sinne des Wortes ein Wendepunkt in meinem privaten und politischen Leben und das größte Wunder meines Lebens. Ich bin unheimlich dankbar, dabei gewesen zu sein und mitgestalten zu können. Und sie kam auch gerade noch rechtzeitig für unsere Kinder“, meint die Theologin, die von 1990 bis 1993 Herausgeberin und Chefredakteurin der ersten unabhängigen Wochenzeitung der DDR „Mecklenburger Aufbruch“ war. Auch die Tätigkeit als Journalistin, meint sie mit leuchtenden Augen, war ein „wahnsinnig spannendes Erlebnis“.

Anfangs engagierte sich Marquardt im Neuen Forum, schloss sich aber später der SPD an. Das sei angesichts des sozialdemokratisch geprägten Elternhauses eine logische Konsequenz gewesen und wurde auch von handelnden Personen und politischen Inhalten geprägt, erklärt sie. Eine Mitgliedschaft in der CDU habe sie nie auch nur im Ansatz in Erwägung gezogen. Für etwas politisch naiv hält Regina Marquardt aber ihre anfängliche Einstellung, dass man angesichts der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung eine reformierte DDR hätte schaffen können.

Ihren Einstieg in die aktive Landespolitik verdankte sie übrigens Harald Ringstorff (SPD), der sie in sein Schattenkabinett berief. „Ich bin also gefragt worden, und habe mich nicht etwa beworben. Nach kurzem Überlegen habe ich ja gesagt und habe diesen Schritt keine Sekunde bereut“, stellt Marquardt klar. 1994 trat sie in das Kabinett Seite II ein und wurde Nachfolgerin der damaligen Kulturministerin Steffie Schnoor. Befragt, was sie von Schnoor unterschieden hat, antwortet sie nur salomonisch: „Ich bin eine völlig andere Person. Keine Besserwisserin, sondern eine neugierige Frau. Aber ich kommentiere und beurteile weder die Politik meiner Vorgänger noch meiner Nachfolger.“ Erst nach ihrer Berufung als Ministerin jedoch, trat sie auch in die SPD ein.

Nicht aus der Reserve locken lässt sich Marquardt auch heute noch nicht zum Stich- und Reizwort „Lehrerpersonalkonzept“, das unter ihrer Ägide gegen massive Widerstände durch- und umgesetzt wurde. „Ich übernehme dafür die volle Verantwortung, weil dieses Konzept absolut notwendig, beispielgebend und alternativlos war. Ohne dieses mit Arbeitszeitkürzungen verbundene Projekt wären für viele Pädagogen Kündigungen und Arbeitslosigkeit die Folge gewesen“, rechtfertigt sich die frühere Kultusministerin. Es sei seinerzeit dringend notwendig gewesen, unter dem Aspekt „Teilen“ zu denken und damit auch sozialdemokratische Positionen umzusetzen. Marquardt: „Man muss eben auch einmal unpopuläre Entscheidungen durchsetzen.“ Heutige Behauptungen, dass das Lehrerpersonalkonzept parteienübergreifend kritisiert und abgelehnt wurde, kann sie schwer nachvollziehen. Die CDU/SPD-Koalition jedenfalls hätte es geschlossen mitgetragen. Dass sich Vorgängerin Schnoor offen gegen dieses Konzept ausgesprochen habe, lässt sie dagegen unkommentiert. Im Übrigen, ergänzt Marquardt, brauche jede Zeit eigene Antworten, die nur in dieser Zeit gegeben werden können.

Nach ihrem Ausscheiden aus dem Ministeramt 1998 wurde Regine Marquardt Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung (LPB) und Vorsitzende der Ernst-Barlach-Stiftung. Letzteres ist sie immer noch. Diese Posten waren für sie abseits aller Versorgungsmentalität. Marquardt: „Meine weitere Tätigkeit ergab sich einfach aus dem, was ich zu allen Zeiten getan habe. Das reicht von sozio-kultureller Bildungsarbeit bis hin zu nahezu ständiger Beschäftigung mit Kultur und Bildung.“

Heute ist für die Mittsechzigerin alles etwas ruhiger geworden. Trotz verschiedener Ehrenämter ist sie „Herrin ihrer Zeit“ und ihr Buchhändler freut sich über ihre regelmäßigen Besuche ebenso wie ihre vier Enkelkinder, für die Oma jetzt mehr Zeit hat. „Nur das Reisen kommt gegenwärtig etwas zu kurz. Das holen mein Mann und ich nach“, verspricht sie.
 



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