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Interview : „Das größte Eigentor der NPD“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

SPD-Mann Patrick Dahlemann stiehlt Asyl-Hetzern die Show und bekommt dafür heute den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis

Der SPD-Bundesvorstand verleiht Patrick Dahlemann aus Mecklenburg-Vorpommern heute den diesjährigen Gustav-Heinemann-Bürgerpreis. Der 25-jährige Torgelower SPD-Mann hatte sich auf einer NPD-Verantstaltung gegen Asylbewerber mutig am Mikrofon den Rechten entgegengestellt. Das Video erreichte auf YouTube in kurzer Zeit knapp 250 000 Klicks. Mit Patrick Dahlemann sowie der SPD-Bundesvizechefin und Familienministerin Manuela Schwesig sprach Thomas Volgmann.

Herr Dahlemann, was machen Sie mit den 10 000 Euro, die mit dem Heinemann-Preis verbunden sind?

Patrick Dahlemann: Die investiere ich in neue große Scheiben für mein Wahlkreisbüro in Torgelow. Die Scheiben waren vor dem Besuch des SPD-Bundesvorsitzenden Siegmar Gabriel Anfang Mai von braunen Dumpfbacken eingeworfen worden. Und die Versicherungspapiere für das neue Büro, die lagen noch ganz oben auf dem Stapel zur Unterschrift. Damit war das mein Schaden.

Manuela Schwesig: Das Preisgeld ist doch gut angelegt. Das zeigt, wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir machen weiter.

Herr Dahlemann, Sie sind mit 25 Jahren Landtagsabgeordneter und werden mit dem Heinemann-Bürgerpreis geehrt. Frau Schwesig, Sie waren mit 39 Jahren schon Bundesministerin und SPD-Parteivize. Gibt es ein Rezept für frühen politischen Erfolg?

Dahlemann: Konsequent am Ball sein, Spaß an dem haben, was man macht und glaubwürdig bleiben. Erfolgreich sein, ist keine Frage des Alters, sondern hängt von vielen Faktoren ab.

Schwesig: Patrick Dahlemann steht für viele junge Menschen hier im Lande, die sich gegen Rechtsextremismus und Hass engagieren. Er hat ihnen ein Gesicht gegeben. Ich glaube übrigens nicht, dass man eine politische Karriere planen kann. Man muss mit Herz und Verstand für eine Sache kämpfen. Außerdem haben wir mit Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern einen SPD-Landesvorsitzenden, der junge Frauen und Männer konsequent fördert.

Wie weit muss man sich der Parteiräson unterordnen und sich anpassen, wenn man in der Politik Karriere machen will?

Dahlemann: Mann sollte sich nicht verbiegen und authentisch bleiben.

Schwesig: Die SPD steht für Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die in der Partei gemeinschaftlich getragen werden. Natürlich gibt es mal unterschiedliche Auffassungen. Doch dann ist es wie in der Familie, man diskutiert und findet Lösungen, hinter denen alle stehen können. Wichtig ist doch, dass man sich für die Gesellschaft engagiert – in der Politik, in Vereinen oder Initiativen - und nicht nur auf dem Sofa sitzt und klagt, dass alles so schlecht sei.

Herr Dahlemann, war Ihr Auftritt auf der NPD-Kundgebung spontan, oder geplant?

Dahlemann: Spontan. Die Neonazis wollten mich auf ihrer Kundgebung stellvertretend für alle Demokraten vorführen und haben damit ihr größtes Eigentor geschossen. Der Auftritt wurde nicht nur auf Youtube hunderttausendfach geklickt, er war Thema in vielen Zeitungen und Talkshows. Wir haben viel Aufmerksamkeit und eine Menge Zustimmung für unseren Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und Hass bekommen.

Es gibt Morddrohungen und üble Beleidigungen von der anderen Seite gegen Sie. Wie gehen Sie damit um?

Dahlemann: Oft stelle ich Strafanzeige. Das darf man sich nicht bieten lassen.

In Vorpommern hingen in einigen Dörfern auch in diesem Jahr vor der Kommunalwahl wieder ausschließlich NPD-Plakate. Warum plakatiert die SPD nicht in den ländlichen Regionen Vorpommerns?

Dahlemann: Natürlich hat auch die SPD plakatiert, den Storch Heinar zum Beispiel, aber auch andere Plakate. Aber Sie müssen auch sehen: Auf Plakaten stehen nur kurze Botschaften. Wir haben dagegen flächendeckend Flyer verteilt, auf denen wir klarer sagen konnten, was wir wollen. Für die nimmt man sich zu Hause auch mal Zeit. Ich bin froh, dass das Wahlergebnis der NPD überall schlecht war. Auch in Vorpommern hat die Partei deutlich verloren.

Schwesig: Die Verluste der NPD sind ein gutes Zeichen. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Gefahr nicht mehr ernst nehmen müssen. Ich will als Bundesministerin die Förderung von Initiativen gegen Rechtsextremismus in Deutschland verstetigen. Bislang konnten Präventionsprojekte für Kinder und Jugendliche, Beratungszentren und Aussteigerprogramme vom Bund nur für drei Jahre gefördert werden. Damit waren langfristige Planungen immer mit Fragezeichen verbunden. Das will ich ändern. Der Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses hat ausdrücklich festgestellt, dass der Kampf gegen Rechtsextremismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Die große Koalition hat sich das auch im Koalitionsvertrag auf die Fahnen geschrieben.

Als Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern haben Sie per Erlass die Träger von Kitas verpflichtet, für die Verfassungstreue der Mitarbeiter zu sorgen. Ist etwas Ähnliches auch für die Bundesebene geplant?

Schwesig: Nein. In Mecklenburg-Vorpommern hatten wir die besondere Situation, dass damals die Übernahme einer Kita durch ein NPD-Mitglied drohte. Dagegen mussten wir uns zur Wehr setzen. Auf Bundesebene gab es hingegen eine Extremismusklausel, die Initiativen gegen Rechtsextremimus unter Generalverdacht gestellt hat. Die habe ich zu Beginn meiner Amtszeit abgeschafft. Ich bin dafür, Engagierten den Rücken zu stärken. Wir brauchen Menschen vor Ort, die sich gegen die Einflussnahme von Neonazis auf Kinder und Jugendliche wehren. Patricks Engagement ist da beispielhaft.

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erstellt am 02.Jun.2014 | 07:45 Uhr

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