zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 14:03 Uhr

Das Geschäft mit der Gesundheit

vom

svz.de von
erstellt am 31.Jan.2012 | 08:51 Uhr

Schwerin/Berlin | "Wir machen bei Ihnen heute eine Ultraschalluntersuchung zur Krebsfrüherkennung, oder? Und wie wäre es diesmal auch mit einem Darmkrebs-Schnelltest?" - Vielen Frauen werden diese Fragen bekannt vorkommen. Denn Ultraschalluntersuchungen beim Gynäkologen gehören zu den am häufigsten angebotenen individuellen Gesundheitsleistungen - kurz Igel -, die in deutschen Arztpraxen angeboten und von Patienten aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen. Selbst die Vertragsabteilungsleiterin der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) in Mecklenburg-Vorpommern, Sabine Hansen, bleibt davon nicht verschont. "Ich sollte sogar schon mal unterschreiben, dass ich alle angebotenen Leistungen abgelehnt hätte, das war der Gipfel", erbost sich die Kassenexpertin. ",Wie soll ich Sie denn behandeln, wenn Sie alles ablehnen, wurde ich gefragt. Dabei ist doch der Dreh- und Angelpunkt: Wenn es um eine medizinisch notwendige Behandlung geht, es also begründete Hinweise auf das Vorliegen einer Erkrankung gibt, dann übernimmt die Krankenkasse auch die Kosten dafür."

Was ist sinnvoll, was nicht?

Seit die Kassenärztliche Bundesvereinigung 1998 einen ersten Empfehlungskatalog mit 79 Igel-Positionen aufgestellt hat, wird über Sinn und Unsinn solcher Leistungen kontrovers diskutiert. Erschließen sich die Ärzte damit lediglich zusätzliche Einnahmequellen? Oder fangen sie auf, was durch Leistungskürzungen aus dem Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen wurde?

Letzteres sei ein falscher Eindruck, meint Barbara Tödte, Ärztin bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD): "Die meisten Igel haben noch nie zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen gehört. Nur sehr wenige sind aus der Leistungspflicht der Kassen herausgenommen worden, weil das Nutzen-Risiko-Verhältnis als ungünstig bewertet wurde."

Unbestritten sind einige der Leistungen, für die der Patient selbst zahlen muss, nützlich, ja unter Umständen sogar lebenswichtig - reisemedizinische Beratungen oder Impfungen vor Fernreisen oder sportmedizinische und andere Eignungsuntersuchungen gehören dazu. Bei diesen Leistungen erschließt sich allerdings auch schnell, warum die Kassen dafür nicht zahlen.

In einem Merkblatt der Bundesärztekammer für Patienten heißt es unter Bezug auf diese Untersuchungen: "Es wird oft gesagt, dass Individuelle Gesundheitsleistungen nicht sinnvoll sind. Das ist, wie die genannten Beispiele zeigen, nicht richtig. Allerdings kann die Frage, welche Leistungen nützlich und sinnvoll sind, nicht allgemein beantwortet werden; zumal Ihr Arzt auf Ihren ausdrücklichen Wunsch auch Leistungen erbringen darf, die nur Sie selbst für sinnvoll oder nützlich halten."

Jeder vierte Patient ist betroffen

Patienten, denen beim Augenarzt eine Augeninnen druckmessung angeboten wird, Männer, denen der Urologe eine PSA-Wert-Bestimmung zur Prostatakrebs-Vorsorge nahelegt oder Frauen, die zur Bestimmung ihres Osteoporose-Risikos eine Knochendichtemessung vornehmen lassen sollen, fühlen sich mit der Entscheidung dafür oder dagegen in aller Regel allein gelassen. Dabei sind sie alles andere als allein: Nach einer Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) aus dem Jahr 2010 wird bereits jedem vierten Patienten in einer Arztpraxis eine privat zu bezahlende Leistung angeboten. Allein 2010 waren das 17,1 Millionen Kassenpatienten, die derart durch die Hintertür zu Privatpatienten wurden. Das Verkaufsvolumen beziffert das WidO mit anderthalb Milliarden Euro pro Jahr.

Fast die Hälfte aller Selbstzahlerangebote entfällt auf drei Leistungsgruppen: Ultra schalluntersuchungen (20 Prozent), Untersuchungen im Rahmen der Glaukomvorsorge (16,2 Prozent) und Verordnungen von Medikamenten, Heil- oder Hilfsmitteln, deren Kosten die Krankenkassen nicht übernehmen (11,5 Prozent). In den meisten Fällen ging die Initiative dazu vom Arzt oder einer Angestellten seiner Praxis aus - drei Viertel der vom WidO Befragten gaben an, dass sie sich selbst nicht nach den entsprechenden Angeboten erkundigt hätten.

Wie Haustürgeschäfte mit Staubsaugern

Interessante Rückschlüsse auf die Motivation der Anbieter von Igel-Leistungen lassen diese Zahlen zu: Befragungen durch das AOK-Institut haben ergeben, dass die kostenpflichtigen Leistungen vor allem Patienten angeboten wurden (und werden), die über ein höheres Einkommen verfügen. Während in der Gruppe der Bezieher von Einkommen unter 1000 Euro nur jeder Sechste (16,9 Prozent) Privatleistungen angeboten bekam, berichteten in der Einkommensgruppe über 4000 Euro 38,8 Prozent über entsprechende Erfahrungen in einer Arztpraxis.

Mit "Haustürgeschäften von Staubsaugervertretern" vergleicht die Chefin des Spitzenverbandes der Krankenkassen, Doris Pfeifer, den Markt der individuellen Gesundheitsleistungen. In vielen Fällen seien sie schlicht "ein großes Ärgernis".

Die Angebote seien häufig weder medizinisch notwendig noch sei ihr diagnostischer und therapeutischer Nutzen wissenschaftlich nachgewiesen, bestätigt auch Heike Schmedemann, Sprecherin der Techniker Krankenkasse in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Reihe von Selbstzahlerleistungen würden die Kassen aus gutem Grund nicht bezahlen, ergänzt DAK-Expertin Sabine Hansen. So hätten 66 Prozent der Männer mit einem auffälligen PSA-Wert gar keinen Prostatakrebs. "Aber durch das Ergebnis des - selbst bezahlten - Tests sind sie natürlich völlig verunsichert."

"Igel sind oft herausgeworfenes Geld" , meint auch TK-Sprecherin Schmedemann. Wer sich dagegen entscheide, würde dennoch meist das schale Gefühl zurückbehalten, vielleicht doch an der falschen Stelle gespart zu haben. Auch darum sollte niemand die Entscheidung für oder gegen eine individuelle Gesundheitsleistung vorschnell fällen. Zumal jede dieser Leistungen auch noch zu einem späteren Zeitpunkt erbracht werden könnte - eben das unterscheidet sie ja von einer notwendigen Behandlung.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen