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Tag gegen Lärm : Das gemeinste Geräusch der Welt

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Welches aber das schrecklichste Geräusch der Welt? Der 25. April ist der "Tag gegen Lärm" und ein guter Anlass, mit den verbreitetsten Irrtümern über den Lärm aufzuräumen.

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2012 | 02:10 Uhr

Zwar ist der Vorgang des Hörens eine individuelle Angelegenheit, dennoch gibt es Geräusche, die eigentlich niemand wirklich gerne hört. Der Zahnartztbohrer gehört dazu oder auch das Brummen von Überlandleitungen. Welches aber ist das schrecklichste Geräusch der Welt? Das hat sich der britische Akustikprofessor Trevor Cox von der Universität Salford gefragt und im Internet zur Abstimmung über die 34 schrecklichsten Geräusche aufgerufen.

Altersschwerhörigkeit ist unabwendbar

Die Überraschung: Der Zahnarztbohrer landet weit abgeschlagen auf Platz Nr. 20. Als noch schlimmer empfinden demnach die meisten Menschen, die an der Abstimmung teilgenommen haben, das Geräusch, das Fingernägel verursachen, wenn sie über eine Schiefertafel kratzen (Platz 16), das Brummen von Überlandleitungen (Platz 9), eine quietschende Schaukel (Platz 5), Babygeschrei (Platz 3) und die Rückkoppelung von Mikrophonen (Platz 2). Unangefochten auf Platz 1 landet das Geräusch des sich Übergebens.

"Nach neuen Erkenntnissen gibt es eine Altersschwerhörigkeit im eigentlichen Sinne nicht", weiß man beim Deutschen Grünen Kreuz in Dessau. Vergleichende Studien mit Naturvölkern hätten gezeigt, dass 70-jährige Eingeborene noch genau so gut hörten wie 30-jährige Städter. "Tatsächlich ist der Alterungsprozess des Gehörs das Resultat aller für das Ohr schädlichen Einflüsse während des ganzen Lebens", sagen die Dessauer Experten.

Ganz oben in der Liste dieser schädlichen Einflüsse steht der Lärm. Altersschwerhörigkeit ist demnach also vielmehr ein Problem der lärmverschmutzten Industriestaaten, als ein unabwendbares Schicksal, das schon in den Genen angelegt ist.

Abrollgeräusch der Reifen sehr laut

Die Motoren der Elektroautos machen in der Tat relativ wenig Krach. Allerdings ist es keinesfalls der Motoren- und Auspufflärm, der in erster Linie für den Straßenverkehrslärm verantwortlich ist, sondern vielmehr das Abrollgeräusch, das die Reifen beim Fahren auf der Straße verursachen. Beim Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau hat man aufgrund von Untersuchungen herausgefunden, dass "bei höheren Geschwindigkeiten (ab 30 km/h bei Pkw und 60 km/h bei Lkw) das Reifen-/Fahrbahngeräusch die Geräuschemissionen von Kraftfahrzeugen bestimmt". Ja mehr noch: In den vergangen 25 Jahren seien die Antriebsgeräusche der LKWs und auch die der PKWs deutlich gesunken, wohingegen das Abrollgeräusch der Reifen auf "fast unverändert hohem Niveau" geblieben ist. Den Fachleuten nach können daher vor allem geräuschoptimierte Reifen und Fahrbahnbeläge einen wirksamen Beitrag zur Minderung der Geräuschemissionen im Straßenverkehr leisten.

Für den 1. November 2012 ist ein neues Label geplant, dass den Verbraucher u. a. über die Rollgeräusche des jeweiligen Reifens informieren soll. Mancherorts kommt auch schon der so genannte Flüsterasphalt zum Einsatz, der den Straßenverkehrslärm reduzieren helfen soll.

Lärm ist jedes Geräusch oberhalb von 80 dB (A)

Das Tragen eines Gehörschutzes wird in der Arbeitswelt ab 80 dB (A) empfohlen und ab 85 dB (A) sogar vorgeschrieben. In der Tat kann das menschliche Gehör bei einer dauerhaften Beschallung mit 85 dB (A) und mehr geschädigt werden. Dennoch ist das Hören eine sehr subjektive Angelegenheit und so wird längst nicht jedes Geräusch über 80 dB (A) oder 85 dB (A) von jedem gleich als Lärm empfunden. Kurt Tucholsky hat das einmal sehr treffend formuliert: "Lärm ist das Geräusch der anderen."

Musik kann auch Krach sein

So kann etwa die Musik auf Konzerten oder in Diskotheken mit 120 dB (A) durchaus Pressluft hammerniveau erreichen und dennoch empfinden die jungen Leute sie in der Regel nicht als Lärm. Als Lärm gelten Fachleuten dann auch nur die als störend empfundenen Geräusche und genau diese Empfindung unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Was für den einen schöne Musik ist, empfindet der andere als reinen Krach. Besonders hellhörig sind wir übrigens, wenn wir schlafen wollen, krank sind, Stress oder Kopfschmerzen haben. Laute Geräusche, die wir normalerweise tagsüber vielleicht sogar tolleriert hätten, werden nun zum Lärm. Rücksichtnahme lautet hier also das Zauberwort.

Maschinen, mit denen gearbeitet wird, können ganz schön laut sein, gar keine Frage. So kann etwa eine Kreissäge in Arbeitsentfernung durchaus 110 dB (A) entwickeln. Allerdings kann man sich im Berufsalltag auch gegen den Lärm schützen, etwas durch das Tragen eines Gehörschutzes.

Quietscheentchen so laut wie ein Düsenjet

Gefahren, die vielfach unterschätzt werden, lauern so auch vielmehr im Haushalt und im Kinderzimmer. So kann eine Waschmaschine im Schleuderbetreib mit 75 dB (A) genau so laut sein, wie ein vorbeifahrender PKW. Eine Kinderrassel direkt am Ohr produziert atemberaubende 90 dB (A) und mehr. Ein Laubbläser bringt es bei der Gartenarbeit schon mal auf 100 dB (A) und ein Rasentrimmer auf 110 dB (A). Trillerpfeifen sind bis zu 125 dB (A) laut und Quietscheenten bis zu 130 dB (A), also noch lauter als ein startender Düsenjet. Spielzeugpistolen können ganze 150 dB (A) entwickeln.

Das Umweltbundesamt in Dessau-Rosslau resümiert dann auch: "Während die individuelle Lärmbelastung durch Arbeitslärm rückläufig ist, hat sich die Exposition gegenüber Freizeitlärm seit den frühen 80er-Jahren verdreifacht."

Wirklich still ist nur noch der Ozean

Das war einmal. Gerade der Lärm unter Wasser hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten erheblich zugenommen und ist für viele Meeres bewohner inzwischen unerträglich geworden, beklagen Biologen. Viele Forscher machen den Lärm, der sich unter Wasser noch schneller ausbreitet als in der Luft, dafür verantwortlich, dass so viele Delphine und Wale stranden, sich verirren oder auf hoher See an inneren Blutungen versterben.

Der infernalische Krach, den ein Supertanker mit 190 dB (A) entwickelt, wäre für jeden Menschen sofort tödlich. Das Einrammen der Stützpfeiler von Offshorewindkraftanlagen kann bis zu 200 dB (A) erzeugen und die Sonarsysteme der Militärs kommen auf atemberaubende 235 dB (A). Damit aber noch nicht genug: So genannte Airguns zur Ortung von Gas- und Ölvorkommen bringen es gar auf 260 dB (A). Die Globalisierung führt dazu, dass immer mehr Schiffe die Schiffahrtsrouten mit ihren Geräuschen verunreinigen. Wissenschaftler sprechen so schon vor einer "Geräuschverschmutzung" der Meere.

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