Nordic-Werft : Das gelbe Monster verlässt Rostock

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Das letzte Projekt der Nordic-Werft ist fertig: Plattform „Dolwin gamma“ zum Ausdocken bereit

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02. Juni 2017, 12:00 Uhr

In der Numerologie steht die Zahl vier für Fleiß und Ehrgeiz, für Engagement und eine gute Arbeitsmoral. Aus ihr formt sich das Quadrat und sie ist ein Symbol für die Himmelsrichtungen oder die Jahreszeiten. Die ehemaligen Nordic Yards Werften und heutigen MV-Werften ziehen mit der Vier einen Schlussstrich: Auf dem Gelände in Warnemünde ruht ein Koloss in Gelb. Es ist der vierte und damit letzte Offshore-Konverterplattform-Bau, der in Mecklenburg-Vorpommern realisiert wird. Edgar Scholz beschreibt ihn als „das Monster“, das 32 Meter in die Höhe ragt. „Dolwin gamma“ haftet in großen schwarzen Lettern auf der Oberfläche. „Im Innern befindet sich eine meisterhafte Ingenieursleistung“, weiß Scholz, der den Bau der Plattform für General Electric (GE) betreut hat. 850 Kilometer Kabel seien installiert worden – mit dem Ziel, die Kraft des Windes für Strom zu nutzen. 18 Pfähle sollen die fast 35 000 Tonnen schwere „Dolwin gamma“ am Ende tragen.

Der Stromnetzbetreiber Tennet hatte GE im Februar 2013 mit der Projektrealisierung beauftragt. GE wiederum setzte auf das Know-how der Nordic Yards Werften, die im Vorfeld unter dem russischen Investor Witali Jussufow bereits drei ähnliche Plattformen realisiert hatten. Mit dem Kauf der Werften durch den malaysischen Großkonzern Genting im vergangenen Jahr und der Ausdockung von „Dolwin gamma“ geht die Offshore-Ära vorerst zu Ende. Am 15. Juni soll der Riese das Werftbecken verlassen. In Warnemünde, Wismar und Stralsund werden wieder Schiffe produziert – große Schiffe, die größten Kreuzfahrer der Welt. In der DDR hatten sich die Werften auf den Bau von Fracht- aber auch Fischereischiffen spezialisiert – bevor mit dem Wegfall der Aufträge aus Russland die Ostsee-Werften in die Krise stürzten. Dann der Boom im Containerschiffbau – ein Auf und Ab im Werftdock. Es folgte ein Eigentümerwechsel nach dem nächsten. Mit dem Bau von Kreuzlinern des Luxussegments soll alles wieder gut werden.

Von den MV-Werften erschien gestern niemand zum letzten öffentlichen Rundgang durch die sieben Decks von „Dolwin gamma“. Tennet und GE müssen sich für kommende Projekte einen neuen Partner suchen. „Die Erfahrung von Nordic Yards hatte uns überzeugt. Für uns war die Werft ein idealer Partner“, erklärt Scholz.

Seit 2006 realisiert Tennet Offshore-Projekte in Deutschland. Das Unternehmen wurde im Kontext der Energiewende dazu gesetzlich verpflichtet, Windparks in der Nordsee an das deutsche Stromnetz anzuschließen. Hintergrund ist, dass Windstrom zwar im Norden Deutschlands erzeugt, aber hauptsächlich im Westen und Süden verbraucht wird. „Mit dem Netzanbindungsprojekt können zukünftig 900 Megawatt Windenergie in das deutsche Übertragungsnetz eingespeist und rund eine Million Haushalte in Deutschland mit sauberer Energie versorgt werden“, sagt Gerhard Seyrling, General-Manager von GE.

Die Konverterplattformen sind dabei die Herzstücke. Sie wandeln den von den Windparks erzeugten Drehstrom in Gleichstrom um. Dieser fließt über 80 Kilometer Seekabel und 80 Kilometer Landkabel zur Konverterstation an Land, wird dort wieder in Drehstrom umgewandelt und schließlich in das Übertragungsnetz eingespeist.

„Dolwin gamma“ wird von zwei sogenannten „Jacketteilen“ getragen. Diese wurden in Stralsund und Wismar gebaut und sind längst auf dem Meer installiert. Bis Spätsommer 2018 soll die vollständige Inbetriebnahme der gesamten Anlage abgeschlossen sein.

Bevor die Plattform ausdockt, wird ihr Inneres seefest gemacht. An Bord riecht es intensiv nach Farbe. „Alles, was wir an Land machen können, wird dort gemacht“, erklärt Tim Meyerjürgens, Offshore-Experte von Tennet. Dazu zähle auch das Streichen. „Die Plattform befindet sich so weit draußen auf dem Meer, dass unser Personal nur mit Helikopter hingeflogen wird“ – zum Beispiel für Wartungsarbeiten. „Das ist sehr kostenintensiv.“ Bisher habe Tennet 1,5 Milliarden Euro in das Projekt investiert. „Das große Ziel ist, dass die Plattformen unbemannt fahren.“ Um Ausfälle zu vermeiden, sind alle Systeme doppelt installiert und gleichzeitig per Satellit über die Tennet-Zentrale kontrollierbar.

Bis dato hat das Unternehmen mit niederländischen Wurzeln neun Offshore-Netzanbindungen realisiert, drei weitere befinden sich im Bau. Bis 2025 sollen darüber hinaus vier zusätzliche Projekte ermöglicht werden.

Das letzte gelbe Monster aus Rostock wird derweil zum künstlischen Riff mutieren. Denn an den Stützen der Anlage entstehen neue Biotope. Die Plattform selbst sei geschützt und könne sogar einer 20-Meter-Jahrhundert-Welle standhalten. Schließlich ragt sie 23 Meter aus dem Wasser.

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