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Ein Exot im Kirchengewand : Das Geheimnis der Franziskaner-Kutte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bruder Gabriel ist einer von nur drei Mitgliedern des Ordens in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Gespräch über Berufskleidung, ungläubige Häftlinge und Enthaltsamkeit

svz.de von
erstellt am 15.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Harry-Potter-Brille, bunte Strickmütze, Rucksack... So steht der Exot aus der Kirchenwelt vor der Schweriner Propsteikirche St. Anna. Die braune Kutte verrät den großen Mann. Bruder Gabriel Zörnig ist einer von nur drei Franziskanern, die in Mecklenburg-Vorpommern leben, beten und arbeiten.

Es fängt an zu regnen. Treffen mit einem Geistlichen – und pünktlich öffnet der Himmel seine Pforten. Ein Zeichen? Ohne große Umschweife führt Bruder Gabriel in die Kirche. Das macht er gerne; Leute einfach mit an den Ort nehmen, an dem er Jesus am nächsten ist, wird er später erzählen. Gleich am Eingang taucht er seine Fingerspitzen in Weihwasser, kniet nieder und hält kurz inne. Dann richtet er sich wieder auf. „Ein Gespräch hier ist wohl nicht so nett für die anderen, oder?“, fragt er und lacht. Er zeigt auf die betenden Besucher und schlägt sein Auto als Gesprächsort vor. Doch durch Zufall fängt ihn ein Kollege ab. Ein kleiner Raum sei doch schnell organisiert, kein Problem. Ihr müsst Euch doch nicht ins Auto quetschen! Nächstenliebe im Kleinen.

Unter der Kutte von Bruder Gabriel zeichnet sich ein Bauch ab, die Mütze hat im Freien eine Halbglatze versteckt. Er könnte das neue
Werbegesicht der Franziskaner-Brauerei sein. Was macht eigentlich ein Franziskaner? „Wir nennen uns nicht Mönche, sondern Ordensbrüder“, beginnt er mit ruhiger Stimme. Mönche seien die, die in Klöstern wohnen und sich hinter Mauern verstecken. Er folgt den Regeln des heiligen Franziskus. Als führe man das Werk Jesus’ weiter, sagt Bruder Gabriel. Die Gemeinschaft und den Menschen zu helfen ist das Wichtigste. Aber auch das Evangelium zu verkünden; die gute, die frohe Botschaft.


Mit der Mauer fällt die Entscheidung fürs Leben


Zusammen mit zwei weiteren Ordensbrüdern lebt er seit zehn Jahren in Waren. Bruder Martin ist Pfarrer und der dritte, Bruder Hubert, schon im Ruhestand. Zörnig arbeitet als Seelsorger im Gefängnis, hilft dort den Häftlingen: JVA Neubrandenburg, JVA Bützow und für die Jugendanstalt in Neustrelitz. Franziskaner wurde er vor 26 Jahren. Er kommt aus Rüdersdorf, einem kleinen Seebad in der Nähe von Berlin. Man hört es an seinem Dialekt. Große Familie mit vier Kindern, das Gefühl der Gemeinschaft prägte ihn. Irgendwas mit Kirche sollte es schon sein, erzählt er, aber allein im Pfarrhaus zu sitzen, das passte ihm nicht. Irgendwann fiel ihm ein Buch in den Schoß; Christen, die anders leben. Der Franziskaner-Orden interessierte ihn, in Berlin hat sich Zörnig einen solchen Laden angeguckt, wie er sagt, noch zu DDR-Zeiten. „Es war erschreckend. Nur alte Leute…“

Bruder Gabriel unterbricht. Sein Smartphone liest ihm automatisch eine SMS vor. Er greift in die Innentasche seiner Kutte und stellt es wieder aus. Kutte und Handy. Der moderne Franziskaner. Er lacht.

Bruder Gabriel erzählt von seiner Ausbildung. Ja, auch zum Franziskaner muss man sich ausbilden lassen. Im ersten Jahr, dem Postulat, ist man dabei und lebt mit anderen Brüdern zusammen, gehört aber irgendwie nicht dazu, sagt er, wie eine Kennenlernphase. Nach den ersten zwölf Monaten folgt eine Probezeit, „da ist man schon Franziskaner, könnte aber jeden Tag gehen.“

Richtig überzeugt ist er nach dem Schnupperkurs noch nicht. Zörnig studiert Theologie in Erfurt, dann fällt die Mauer – und mit ihr eine Entscheidung fürs Leben; Franziskaner sein. „Ich habe gesagt: Ich will es, für immer.“

Dieser Mann hat seine Berufung gefunden. Wirkte die Kutte zu Beginn des Gesprächs für den Besucher noch wie ein Karnevalskostüm, scheint sie ihm jetzt wie auf Leib und Seele geschneidert. Bruder Gabriel schmunzelt. Er gehe gerne in Kutte. Sie ist für ihn wie ein Eisbrecher. Viele Leute sprechen ihn darauf an, es entstünden wunderschöne Gespräche. Er erklärt: Die Kapuze setzen die Franziskaner auf, wenn sie Ruhe haben wollen oder beten. Die drei Knoten im Strickgürtel stehen für die drei Gelübde, die sie abgelegt haben. Armut, Ehelosigkeit und Gehorsamkeit. Bescheiden, einfach und ohne Frauen leben, gegenseitig aufeinander hören.


Sex im Leben ist nicht alles


Bruder Gabriel gibt zu, das mit der Ehelosigkeit ist schwer zu erklären. Die Häftlinge zum Beispiel, sie verstehen einfach nicht, wie man ohne Sex leben kann. Seine Antwort ist stets gleich: Sex im Leben ist nicht alles. Und, überhaupt: Er solidarisiere sich doch mit ihnen! Bei ihnen ginge es doch auch nicht – „oder ertüchtigt ihr euch in Handarbeit“, fragt er dann immer. Danach sind die Gespräche meist beendet.

Es geht aber selten um Sex, wenn Zörnig im Gefängnis ist. Als Seelsorger stellt er sich jedem neuem Häftling vor, erzählt, was er so macht. Am Anfang sei der eine oder andere irritiert, sagt Bruder Gabriel. Das ganze Leben noch nichts mit der Kirche zu tun gehabt und dann kommt ein Franziskaner, aber immerhin in Zivil. Die Kutte bleibt in der Zelle aus. Die Scheu ist meist schnell abgelegt. Sie können sich ihm öffnen, ob nun die Oma gestorben ist, die Freundin Schluss gemacht hat oder die Tat noch einmal aufgearbeitet werden soll. Nach dem ersten Treffen lädt er sie zum Gottesdienst ein. Nicht als Bitte, vielmehr offensiv und mit Nachdruck. „Sie sind in einer Zwangslage“, sagt er, „und das nutze ich schamlos aus“.

Wenn er später einmal tot ist, will Bruder Gabriel im Totenbuch der deutschen Franziskaner stehen. Als Missionar in Mecklenburg. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. Und dafür braucht er hin und wieder eine Auszeit.

Fast drei Stunden am Tag verbringt er damit, zu beten, seine Beziehung zu Jesus zu pflegen. Oftmals im Auto, die vielen Fahrten zwischen den Gefängnissen bieten Zeit. „Mein Auto ist meine kleine Kapelle“, erzählt er. Jetzt wird klar: Er wollte seinen Gast in seine private Kapelle, einen Golf sechs, einladen. Welch‘ eine Ehre.


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