Ängste der Deutschen : Das Gefühl der Ohnmacht

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Der Terror hat Europa in den vergangenen Jahren erreicht – das macht den Deutschen Angst, wie eine Umfrage zeigt

svz.de von
07. September 2017, 20:45 Uhr

Eine Diagnose wie Krebs, die Trennung vom Partner, Jobverlust: Schicksalsschläge können jeden treffen – aber kein Szenario macht mehr Menschen in Deutschland Angst als die unberechenbare Gefahr von Terroranschlägen. Das zumindest ist das Ergebnis der Studie „Die Ängste der Deutschen“. Die Befragung beauftragt die R+V Versicherung jährlich seit 1992. Die Ergebnisse, eine Art Fieberkurve der Befindlichkeiten, sind gestern in Berlin vorgestellt worden.

Nachdem die Terror-Angst – wie auch Ängste insgesamt – 2016 deutlich angestiegen war, bewegt sie sich nach den Anschlägen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, in London und Manchester weiter auf hohem Niveau. Auf Rekordtief sind dagegen Befürchtungen verbunden mit der wirtschaftlichen Situation, wie Angst vor Arbeitslosigkeit.

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Auch die Entwicklung des deutsch-amerikanischen Bündnisses unter dem US-Präsidenten Donald Trump macht nur gut einem Drittel der Befragten Sorgen. Das könne daran liegen, dass Außenpolitik für Bürger weit weg sei oder dass deutsche Politiker relativ „dosiert“ auf Trump einschlügen, sagte der Politikwissenschaftler Manfred Schmidt in Berlin. Die einzigen Ängste, die aktuell – aber nur leicht – zugenommen haben, sind die vor Naturkatastrophen und vor Schadstoffen im Essen.

Insgesamt wurden für die Studie rund 2400 Menschen gebeten, eine Reihe vorgegebener Ängste auf einer Skala zwischen eins (gar keine Angst) bis sieben (sehr große Angst) zu bewerten. Beim Terror gehe es den Menschen wohl weniger um die statistisch gesehen sehr geringe Angst, selbst zum Opfer zu werden, sagte Schmidt. Zu der Terror-Angst gehöre die Befürchtung, dass Staat und Gesellschaft ins Wanken geraten könnten. „Die Deutschen haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis.“ Allerdings sind trotz des Anschlags in Berlin – und der gefühlt womöglich größeren Bedrohung vor der eigenen Haustür – weder die Angst vor Terror noch die vor politischem Extremismus weiter angewachsen, sondern sogar leicht geschrumpft.

Die Teilnehmer waren noch vor dem Anschlag auf der Einkaufsmeile von Barcelona befragt worden und mehrere Wochen nach einer Terrorattacke in London. Es sei nach solchen Vorkommnissen ganz normal, dass die Angst mit der Zeit wieder nachlasse, sagt die Direktorin der Klinik für psychologische Medizin der Berliner Charité, Isabella Heuser, die nicht an der Studie beteiligt war.

Auffällig an den Ergebnissen ist, dass sich die Menschen weniger vor privaten Schicksalsschlägen fürchten denn vor Entwicklungen auf höherer Ebene, wie Kosten für die Steuerzahler durch die EU-Schuldenkrise (58 Prozent) oder die Überforderung von Deutschen und Behörden durch Flüchtlinge (57 Prozent). Expertin Heuser ahnt, warum: „Die meisten von uns glauben, das persönliche Leben im Griff zu haben. Wir wissen zwar, dass wir zum Beispiel eine schwere Krankheit bekommen können, glauben aber, dass wir das beeinflussen können, zum Beispiel durch einen gesunden Lebensstil.“ Auch die Erfahrung spiele eine Rolle: „Wir haben gelernt, dass uns der Busfahrer sicher ans Ziel bringt. Aber eine Terrorattacke in einem Bus wäre etwas, das völlig außerhalb unserer Kontrolle liegt. Das, was die Angst vor dem Terror insbesondere ausmacht, ist das Gefühl der Ohnmacht. Das ist besonders schlimm.“

Kommentar von Tobias Schmidt: Die Ängste  ernst nehmen

Deutschland, die „verunsicherte Republik“? Terror, Extremismus und die hohe Zahl an Flüchtlingen sorgen bei den Bürgern weiter für große Beunruhigung, bleiben die größten Angstfaktoren. Der Blick in die Seele der Deutschen, den die R+V-Studie kurz vor der Bundestagswahl gewährt, macht die Hausaufgaben für die Politik einmal mehr deutlich. Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt und die Pannen im Fall des Attentäters Anis Amri haben Spuren hinterlassen. Die jüngsten Terrorakte von Manchester bis Barcelona rufen ins Bewusstsein, dass die Bedrohung allgegenwärtig ist. Mit null Toleranz gegenüber Gefährdern, entschlossenen Sicherheitsbehörden und echter europäischer Zusammenarbeit muss die Terrorgefahr eingedämmt werden.  Und die Reduzierung der Flüchtlingszahlen reicht bei weitem nicht aus, um den Bürgern die Sorge vor der Überforderung zu nehmen. Wo sind die überzeugenden Antworten, um die Migration auf Dauer zu regeln? Wer die Ängste der Menschen ernst nimmt, für den darf sich die Fluchtursachenbekämpfung  nicht in Sonntagsreden erschöpfen. Bei der Integration der Flüchtlinge stehen schwierige Jahre bevor, gilt es die gewaltige Aufgabe zu stemmen, die vielen jungen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Studie offenbart aber auch eine erfreuliche Entwicklung: Die Zahl derer, die sich um ihre Jobs ängstigen, hat rapide abgenommen. Die wirtschaftlichen Sorgen sind gering wie nie seit der Wiedervereinigung. Das wird nur so bleiben, wenn die nächste Regierung sich den Zukunftsaufgaben stellt – von der Bildung über die Digitalisierung bis zur Wende in der Automobilindustrie.

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