Wer sind eigentlich die Wolhynier? : Das fast vergessene Volk

Johannes Herbst betrachtet das Modell eines Sägewerks von den Wolhynier. Sie galten als sehr erfinderisch.   Fotos: Lisa kleinpeter
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Johannes Herbst betrachtet das Modell eines Sägewerks von den Wolhynier. Sie galten als sehr erfinderisch. Fotos: Lisa kleinpeter

73 Wolhynier-Familien kamen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Linstow. Sie prägten die Region, doch langsam verblasst ihre besondere Geschichte

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04. September 2015, 12:00 Uhr

Wer sind eigentlich die Wolhynier? Stellt man diese Frage heute Jugendlichen, wird man wohl zumeist nur ein Achselzucken ernten. Die Geschichte des Volkes gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Dabei ist sie brisanter und aktueller als jemals zuvor. Es ist eine Geschichte von Vertreibung, Verbannung, Zwangsumsiedlung und Flucht. Der Heimatverein in Linstow hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Erinnerung zu bewahren.

„Wir wollen den jungen Menschen die Herzen öffnen. Viele schimpfen über die Ausländer und wollen die Menschen nicht hier haben. Sie vergessen, dass viele ihrer Vorfahren auch aus der Fremde kamen“, sagt Johannes Herbst, Vorsitzender des Heimatvereins Linstow.

Bei einem Spaziergang durch den 500-Seelen-Ort an der A19 fallen einem gleich die ungewöhnlichen Häuser auf. Sie sind klein, die Dächer spitz und einige von ihnen sind aus Holz. Die Ecken zimmermannsmäßig zusammengefügt. Unterhält man sich mit den älteren Menschen, stellt man einen fremden Zungenschlag fest. Ihre Heimat liegt weit weg bei den Sümpfen des Pripjat in Wolhynien, einem Gebiet in der heutigen Ukraine.


Vertreibung, Flucht und Umsiedlung


Als Johannes Herbst kurz vor der Wende nach Linstow kam, wusste er nichts von Wolhyniern und ihrer Geschichte. „Ich hatte damals viele Tiere, aber nicht genug Fläche. Gegenüber von mir wohnte eine Frau mit einem langen schwarzen Schultertuch. Ich bin also herüber gegangen, um sie um ein Stück Land zu fragen“, erinnert er sich. „Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, dass sie drei- bis viermal neu anfangen musste. Dass sie nach Sibirien verbannt wurde und schließlich hier landete. Ich stand mit offenem Mund da und war total gerührt.“

Seit dem 13. Jahrhundert wanderten deutsche Handwerker, Kaufleute und Ärzte nach Wolhynien aus. 1914 lebten etwa 250    000 Deutsche in etwa 300 Siedlungen in dem Gebiet, was in etwa so groß wie die DDR war. Das im wesentlichen friedliche Zusammenleben wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Aufkommen nationalstaatlicher Ideen zunehmend belastet. Ihren Höhepunkt fand diese Politik im Erlass der Liquidationsgesetze durch Zar Nicolaus II., in dessen Folge die Wolhynier enteignet und nach Sibirien verbannt wurden.

Nach der Februarrevolution 1917 wanderten viele von ihnen nach Kanada, die USA oder Brasilien aus, andere kehrten nach Wolhynien zurück. Doch dann brach erneut Krieg aus. Im Winter 1939/40 wurden die Wolhynier durch den Stalin-Hitler-Pakt in die Provinz Posen in Warthegau umgesiedelt. Beim Näherrücken der Front Ende des Zweiten Weltkriegs flohen sie nach Deutschland. 73 Familien kamen damals nach Linstow.


Ein Erinnerungsort für die schweren Schiksale


Um ihre Geschichten am Leben zu halten, hat sich 1990 der Heimatverein Linstow gegründet. Er restaurierte das 1947 gebaute Haus der Familie Altmann und betreibt dort seit 1993 das Wolhynische Umsiedlermuseum. Hier erhalten Besucher die Möglichkeit zurück zu reisen in die Zeit des Neubeginns der Wolhynier in Linstow. Die Aufteilung des alten Bauernhauses, das Raum für Mensch, Vieh und Ernte bot, ist geblieben. Die Küche, die Wohnstube und ein separates kleines Schlafzimmer wurden liebevoll mit traditionellen Möbeln, Gegenständen und Kleidern der Wolhynier hergerichtet. Das Puppenhaus, der Herd, die Ölpresse – alles ist original. An den Wohnteil folgte früher der Stall und auf dem Dach lagerten die Ernteerträge. Außen auf dem Gelände befinden sich noch ein alter Ziehbrunnen, ein Schaugarten und ein Erdkeller.

„Die Wolhynier waren immer sehr erfinderisch und das mussten sie auch sein“, sagt Herbst und deutet auf einen Quirl, der aus der abgesägten Spitze eines Tannenbaums gefertigt wurde. „Aus den einfachsten Dingen haben sie etwas gebastelt und gebaut.“ Als hilfsbereit, sehr freundlich und christlich geprägt beschreibt Herbst die Wolhynier. Sie würden stark zusammenhalten und hätten viel Fantasie. „Die Häuser waren damals sehr klein. Im Winter war es in Wolhynien sehr sehr kalt. Da trafen sich die Familien und erzählten sich Spukgeschichten. Es gab ja kein Radio und keinen Fernseher“, sagt Herbst.

All diese Erzählungen von früher haben die rund 80 Mitglieder des Vereins dokumentiert und aufgeschrieben.


Aus der Vergangenheit lernen


In diesem Jahr feiert das Museum, das aus Fördermitteln des Bundes, des Landes, des Kreises, der Gemeinde, sowie der Denkmalpflege entstand, bereits seinen 23. Geburtstag. Am Wochenende soll auf dem Gelände ein großes Fest stattfinden. Dass das Museum überhaupt so lange Bestand haben würde, hätte vor 20 Jahren niemand gedacht.

Doch es wird immer schwieriger das Projekt zu halten. Die Mitglieder werden älter. Finanzielle Unterstützung fehlt. „Ich kämpfe nur ums Geld“, meint Herbst. „Um dieser ganzen Flucht einen Sinn zu geben. Damit man daraus für die Zukunft etwas lernen kann.“

Erst im Mai hatte Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) einen Gedenkstein eingeweiht. „Die Folgen weltweiten Terrors sind 70 Jahre nach Kriegsende leider wieder hochaktuell“, sagte die damals.

Abgesehen von wenigen Unterstützern ist der Verein auf sich allein gestellt. „Zwei Jahre mache ich das noch mit. Länger nicht“, meint Herbst. Die Finanzierung des Projekts wäre ein täglicher Kampf. Nicht einmal die Förderung des Gedenksteins für 2000 Euro hätten sie bewilligt bekommen. „Das ist das einzige Wolhynier-Museum in Deutschland. Gerade in der heutigen Zeit könnte das Museum Schülern und Familien so viel geben“, meint Hebst. Um regelmäßige Gruppenführungen anzubieten, bräuchte der Verein einen FSJler, also jemanden, der dort ein freiwilliges soziales Jahr leistet. Doch auch das wäre mit den aktuellen Mitteln nicht möglich.

Sollte das Museum nicht gehalten werden können – und da ist sich Herbst sicher – wird mit der Zeit die Erinnerung an die Wolhynier verblassen und damit auch ein Stück unserer Geschichte.

23. Museumsfest in Linstow

Der Heimatverein lädt vom 4. bis 6. September zum 23. Fest auf das Gelände des Wolhynier Umsiedler-Museums ein. Heute findet um 19 Uhr eine Filmvorführung zu dem Leben der Wolhynier in der Museumsscheune statt. Das eigentliche Museumsfest, mit traditionellem Essen und volkstümlicher Musik beginnt am Sonnabend ab 14 Uhr. Die Gäste erhalten die Möglichkeit, das Museum zu besichtigen. Am Sonntag findet schließlich um 10 Uhr ein Gottesdienst mit Kranzniederlegung am Gedenkstein statt.

Umgangssprache der Wolhynier

Buchulken - Kinder
Blimasch - Flasche Schnaps
Burk - dicke Jacke
dunsmals - damals
Glasen - Augen
Hessen - Füße
Huschel - Schaukel
Kluntern - Kleidung
Kaluschen - Pfützen
Klattern -Haare
Krichkeit - Erdkeller
Kauschuk - Peitsche
Prissen - Kartoffelpuffer
Punschken - Pfannkuchen
Pliet - Herdplatte
rumbelzen - sich herumtreiben

Das Museum

Öffnungszeiten:

Mittwoch: 14.00 Uhr - 16.00 Uhr
Juni - September auch Samstag und Sonntag: 14.00 Uhr - 16.00 Uhr

Hofstraße 5
18292 Linstow / Meckl.
Tel.: 03 84 57 / 5 19 63

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